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Krefeld
Tragisches wird dem Komik-Götzen geopfert

Krefeld. Der Schauspieler Bruno Winzen präsentiert mit "Zeit der Kannibalen" in der Heeder-Fabrik sein Regiedebüt. Von Dirk Richerdt

Der Bee-Gees-Song "Stayin' Alive" muss es Bruno Winzen angetan haben. Bei seinem Regiedebüt "Zeit der Kannibalen" lässt der 49-jährige Schauspieler den Evergreen mehrfach einspielen. Am Leben bleiben - dieser kreatürliche Wunsch von Berufstätigen bleibt den drei Hauptfiguren in Stefan Weigls Bühnenbearbeitung seines Filmdrehbuchs verwehrt. Da hocken die Unternehmensberater Öllers (Paul Steinbach), Niederländer (Ronny Tomiska) und Bianca März (Denise Matthey) in ihrem Hotelzimmer in Lagos, während das Gebäude von Terroristen gestürmt wird. Das "Vaterunser", das die drei beten, wird wohl ihre letzte Lebensäußerung sein. Das bleibt offen. So tiefernst wollte Winzen das Stück nicht ausklingen lassen, also strich er bei dem Uraufführungsprojekt das gemeinsame Gebet. In seiner Fassung, die nun eine ausverkaufte Premiere in der Studiobühne der Fabrik Heeder erlebte, sollten unbedingt die komischen Momente des Stücks den Ton angeben. Das beginnt mit dem skurrilen Prolog: Über einem halbhoch vor die Bühne gespannten weinroten Tuch erleben wir eine wilde Verbalschlacht, die sich fünf Kasperlepuppen liefern. Sie verhandeln den Grundkonflikt zwischen dem hemmungslosen Kapitalismus global agierender Unternehmen und Schwellenländern wie Indien, China und in Afrika. Der Stücktitel gibt die Denkrichtung vor: hier die nach Ertragsmehrung gierende reiche Welt, dort die Armen, die von Investoren "aufgefressen" werden. Doch das Leben im Haifischbecken macht auch vor den Strippenziehern selbst nicht Halt. So erfahren Öllers und Niederländer, dass sie bei der Übernahme des Unternehmens, das sie beraten, vom neuen Chef brutal betrogen wurden - und nun per Haftbefehl gesucht werden. Die Videokonferenz in Beamer-Großformat mit dem abgefeimten Boss (Frank Matthus) ist die stärkste Szene.

Die Sprache, die Stefan Weigl und Johannes Naber den Protagonisten in den Mund legen, ist durchgängig von Zynismus beseelt, an den sich der Zuschauer freilich rasch gewöhnt. Allzu gern lachen wir über Jux-Urteile wie dieses: "Ihr Inder steht auf Witwenverbrennung, die Pakistanis stehen auf Burkas. Wo ist das Problem?", foppt Öllers den indischen Manager Singh (mit Turban und Vollbart: Jonathan Hutter). Unterhaltsam mit bitterem Beigschmack ist auch der Telefon-Ehekrieg, den der grobschlächtige Öllers (Paul Steinbach mit körperlichem Powerplay) aus Hotelzimmern mit seiner Frau daheim führt. Selbst das anrührende Bemühen um seinen kleinen Sohn wird von zynischen Missgriffen diskreditiert.

Wir begegnen drei überdrehten Marionetten des Wirtschaftslebens. Da ist es den individuellen Glanzleistungen von Steinbach, Tomiska und dem neuen Ensemblemitglied Denise Matthey zu verdanken, dass die charakterlichen Eigenheiten ihrer Figuren überaus plastisch herausgearbeitet werden. Bruno Winzen und Udo Hesse (Bühne) haben zudem viele zündende Spielideen arrangiert.

Quelle: RP
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