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Krefeld
Trauer um Graham Jackson
Gedenken an Graham Jackson
Gedenken an Graham Jackson FOTO: NN
Krefeld. Der ehemalige Generalmusikdirektor des Theaters ist am Montagmorgen seiner schweren Krankheit erlegen. Neun Jahre hat er die Niederrheinischen Sinfoniker geleitet. Von Petra Diederichs

In Erinnerung bleibt ein temperamentvoller, begeisterungsfähiger Mensch mit Engagement fürs junge Publikum. Die Verpflichtung an den Niederrhein sollte eine Station in seinem Berufsleben werden. Dass er neun Jahre hier bleiben würde – so lange wie nirgends zuvor –, das hätte Graham Jackson sich nicht vorstellen können, als er mit 35 Jahren die Leitung der Niederrheinischen Sinfoniker übernahm.

Es waren intensive Jahre, in denen er mit seiner Frau und seinen vier Kindern viele Freunde in Krefeld und Mönchengladbach gefunden hatte, wie Jackson vor gut zwei Wochen sagte, als er sich als Generalmusikdirektor verabschiedete. Krefeld/Mönchengladbach war seine letzte Wirkungsstätte. Gestern ist der 45-Jährige in den frühen Morgenstunden gestorben.

"Seine großartigen Leistungen und menschlichen Gaben werden uns immer in guter Erinnerung bleiben", formulieren Krefelds Oberbürgermeister Gregor Kathstede und sein Mönchengladbacher Amtskollege Norbert Bude. Sie erinnern an Jacksons Engagement, junge Menschen für das Theater und die Musik zu begeistern: "Neben seinen herausragenden Arbeiten, Opern und Konzerten sowie den international beachteten Welturaufführungen engagierte sich Graham Jackson als Generalmusikdirektor für Kinder und Jugendliche. Er entwickelte ein umfangreiches Programm speziell für Kinder in jeder Altersstufe vom Kindergarten bis zu Abiturienten", heißt es.

Wer im persönlichen Gespräch oder bei den zahlreichen Matineen erlebte, wie Jackson über Musik sprach, der musste seine Endorphine schon einbetoniert haben, um der ansteckenden Begeisterung des Briten zu widerstehen. Wenn er die Finessen einer Phrasierung, die Anmut in einem Akkord oder die Wucht, die ein Orchester an besonderen Stellen einer Partitur entfalten kann, schilderte, dann sprudelte er über vor Leidenschaft – auch noch, als ihn sein tückisches Krebsleiden immens schwächte.

Mit Disziplin und immenser Willenskraft stand er die letzten Dirigate des Wagner-Abends "Der Ring an 1 Abend" in Krefeld durch. Bewunderung galt ihm, als er seine emotional aufwühlenden Abschiedskonzerte mit Berlioz' "Symphonie fantastique" leitete und herzliche Worte für seine Kollegen und das Publikum des Zwei-Städte-Theaters fand. Weil er zu geschwächt war, hat er am 25. Juni den Theater-Ehren-Oscar nicht persönlich annehmen können. Doch auch da ließ er ausrichten, wie sehr er die Verbundenheit der Niederrheiner schätzte und wie wohl er, seine Frau und die vier Kinder sich hier gefühlt haben. "Wir sind Niederrheiner geworden." Das haben die Mönchengladbacher noch intensiver erlebt, wenn er dort im Veilchendienstagszug mitfuhr oder die Borussia in Fan-Outfit anfeuerte.

Jackson hat die Musik geliebt, die berührte. Und dabei ging es ihm um mehr als um die Adrenalinausschüttung: "Musik ist immer vielschichtig; Musik ist nie nur glücklich und macht nie nur glücklich. Bachs "Jauchzet Gott" ist sehr glücklich, aber eben nicht nur; gute Musik ist vielschichtig, es gibt immer mehrere Ebenen", hat er vor einigen Monaten im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt. Und dass die dunklen Schattierungen dazu gehören, die davon zeugen "dass das Leben kompliziert ist und Abgründe birgt; dass es nie nur schön, sondern immer auch grausig oder rätselhaft oder böse ist. Ich glaube, dass wir alle etwas vom Bösen in uns haben; wir sind erfüllt von einer Mischung aus Gut und Böse, und beides kann sich Bahn brechen nach außen.

So sind die Menschen." Seinen Beruf verstand Jackson immer auch als Analysten-Arbeit. Analytik, Struktur, Ordnung waren ihm wichtig – so hatte er selbst sich das Wunderwerk Musik erschlossen: Als Kind war er fasziniert vom Klavier der Eltern und von den Geheimnissen, der Notenschrift, die er durch Zählen aufschlüsselte. Von da an war sein Berufswunsch Musiker besiegelt. Er studierte an der Universität Cambridge sowie am Royal Northern College of Music in Manchester und begann seine Dirigentenkarriere als Kapellmeister an der Welsh National Opera in Cardiff. Von 2000 bis 2003 war er als erster Kapellmeister in Bremen tätig, bevor er nach Krefeld/Mönchengladbach kam.

"Wir trauern um einen exzellenten Dirigenten und um einen wunderbaren Kollegen und bezaubernden Menschen", erklärt Generalintendant Michael Grosse. Alle Mitarbeiter des Gemeinschaftstheaters sowie die Mitglieder der Niederrheinischen Sinfoniker empfänden tiefe Trauer über Jacksons jähen Tod. Grosse würdigte den 1967 geborenen Briten als "als Generalmusikdirektor mit viel Elan und technischer Brillanz. Er setzte sowohl im Konzertwesen als auch in der Oper schnell musikalische Maßstäbe, die über die Region hinaus bekannt wurden."

Hervorzuheben seien vor allem die international für Aufmerksamkeit sorgende Uraufführung der Oper "Das Frauenorchester von Auschwitz" (2006) von Stefan Heucke. Jackson habe die musikalische Gesamtleitung der "anspruchsvollen und einmaligen Oper, bei der gleichzeitig zwei Orchester und zwei Dirigenten im Einsatz waren" mit Bravour gemeistert. Weitere hoch gelobte Inszenierungen, für deren musikalische Leitung er verantwortlich zeichnete, waren Benjamin Brittens "Tod in Venedig" (2005/2006), "Erwartung" von Arnold Schönberg (2006/2007), Giuseppe Verdis "Aida" (2007/2008) ebenso wie "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss (2007/2008).

Quelle: RP
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