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Analyse Wahlkampf
U 18-Wahl: Podium mit Torwand-Spaß

Analyse Wahlkampf: U 18-Wahl: Podium mit Torwand-Spaß
Die Moderatoren vom Jugendbeirat: Preeteshwar Sascha Gill (18, Abiturient) und Jana Gillessen (19, Auszubildende). FOTO: Lammertz Thomas
Krefeld. Der Jugendbeirat hat gestern eine Wahldebatte für Jugendliche ausgerichtet. Der Vormittag spiegelte politische Positionen wider, aber auch die Schwächen, die zurzeit offenbar alle Wahlveranstaltungen haben. Überlegungen zu einem Format, das nicht wirklich funktioniert. Von Jens Voss

Artig bedankte sich am Ende die Grünen-Bundestagskandidatin Ulle Schauws für die "interaktive Podiumsdiskussion" und wählte damit unabsichtlich eine Formulierung, die das Elend vieler Wahl-Debatten benennt: Diskussionen sind eigentlich per se interaktiv. "Interaktive Diskussion" ist eine Tautologie, ein weißer Schimmel - wohl aus der Erfahrung, dass manche Diskussion nicht interaktiv ist, sondern eine Ansammlung von Monologen. Streit hat so keine erhellende Kraft mehr - Unterschiede nimmt nur der wahr, der sie bereits kennt.

Knapp 80 jugendliche Zuhörer waren gestern Vormittag zu der Podiumsdiskussion im Rahmen der U-18-Wahl gekommen - eine enttäuschende Zahl, denn die Einladung war an alle weiterführenden Krefelder Schulen gegangen. Vielleicht lag es an dem, was Moderator Preeteshwar Sascha Gill (18) später vermutete: dass die Schulen die Einladung nicht an die Schüler weitergegeben haben. Vielleicht lag es aber auch daran, dass das Zutrauen in die erhellende Kraft solcher Debatten nicht sonderlich ausgeprägt ist.

Der Linke-Bundestagskandidat Heiner Bäther beim Wurf auf die Themenwand. Mit ihm schossen und warfen:, Ulle Schauws (Bundestagskandidatin der Grünen), Philipp Florian Ott (Kandidat der FDP), Elke Buttkereit (Kandidatin der SPD) und Britta Oellers (CDU-Landtagsabgeordnete; die CDU-Bundestagskandidaten Kerstin Radomski und Ansgar Heveling waren verhindert). FOTO: Lammertz

Dabei hat niemand etwas falsch gemacht. In einem ersten Teil wurden die Politiker nach strengen Regeln befragt - die Fragen ergaben sich nach Würfen oder Schüssen auf eine Regalwand mit Themenboxen. Sprechzeit je eine Minute; ein kräftiger Trötenruf signalisierte das Ende der Minute. Im zweiten Teil folgten Fragen aus dem Publikum und der offene Schlagabtausch auf dem Podium - kein Trötenstoß begrenzte nun die Redezeit. Das Konzept sah ferner vor, dass die Moderatoren nur eine vermittelnde und keine aktiv fragende Rolle einnahmen. Die Kandidaten spielten mit, warfen oder schossen mit dem Ball auf die Themenwand - eine Prozedur, die für Momente der Erheiterung, aber eben auch der Peinlichkeit sorgte: Gestandene Erwachsene mussten sich einer Kindergeburtstagsprozedur unterziehen.

Die Fragen drehten sich um Themen wie Tiertransporte, Herabsetzung des Wahlalters, Ausbau des Radwegenetzes, Folgen des Brexit, Chancengleichheit bei Bildung oder Fake News bei Facebook. Die Eine-Minute-Antworten standen oft genug wie Monolithe nebeneinander - auf die Schnelle schwer vergleichbar. Auch die Fragen aus dem Publikum führten selten zu klärender Frontenbildung. Beispiel:

Eine Frage lautete, ob die Politiker für mehr oder weniger Überwachung seien. Das Wort prägte die Debatte: Das Gespräch kreiste fortan um den Extrembegriff vom "Überwachungsstaat" - den natürlich keiner wollte. Philipp Florian Ott (FDP) sprach sich für gezielte Überwachung aus, sogar mit Fußfesseln für Gefährder wie Anis Amri, der den Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt beging. Ulle Schauws (Grüne) war nicht dagegen, gab aber zu bedenken, dass Fußfesseln den Anschlag nicht verhindert hätten. Britta Oellers (CDU) sprach sich für mehr, aber nicht zuviel Videoüberwachung aus. Ott stellte fest, dass man die 700 islamistischen Gefährder in Deutschland nicht lückenlos überwachen könne. Die eigentlich brisante Frage, die zurzeit in der Abschiebepraxis erprobt wird, stellte niemand: Sollen Gefährder abgeschoben werden? Beispiel zwei betraf die Flüchtlingspolitik. Ulle Schauws bezichtigte Europa, die Armut in Afrika mitzuverantworten, indem die Produzenten dort mit billigen EU-Waren wie Hähnchenfleisch ruiniert würden. Niemand widersprach; europäische Selbstbezichtigung kommt immer gut. Nur: Wer all die Bürgerkriege, die zerfallenden Staaten, all die korrupten, skrupellosen Eliten, die das eigene Volk gnadenlos ausbeuten, all die ruchlose Grausamkeit in Afrika im Nachrichtenstrom verfolgt, der weiß, dass billige EU-Importe Afrikas geringste Sorge sind. Die harte, hässliche, böse Frage, wie deutsche Politiker sich auf Millionen Flüchtlinge einstellen wollen, blieb ungestellt.

Am deutlichsten flackerte Streit noch bei sozialen Themen auf. Hier wurde deutlich, dass SPD, Grüne und Linke eher auf sozialstaatliches Handeln und die Liberalen eher auf Eigenverantwortung setzen. Ott (FDP) etwa sagte zu dem Phänomen, dass mehr Leute als früher von mehreren Jobs leben, er glaube nicht, dass man diese Entwicklung zurückdrehen könne. Seine Empfehlung an die jungen Leute: Die beste Strategie gegen ein Leben mit Mini-Jobs ist eine solide Berufsausbildung.

Elke Buttkereit (SPD) setzte dagegen, man strebe guten Lohn für gute Arbeit an, Schauws (Grüne) betonte, das Armutsrisiko für alleinerziehende Frauen sei ungebrochen hoch, und der Linke-Politiker Bäther forderte zwölf Euro Mindestlohn und die Perspektive, dass jeder von einer Stelle leben können müsse.

So weit wurden immerhin unterschiedliche gedankliche Milieus deutlich - aber die vertiefende Debatte darüber, wie ein Staat wohl aussieht, der Unternehmen vorschreibt, dass jeder Beschäftigte von einer Stelle leben können muss, blieb aus.

So erhielten die Gäste Eindrücke von Personen, Eindrücke von Themen und politischen Milieus, und das war gut. Dennoch ging man am Ende etwas ratlos seiner Wege. Die Probleme und die Konflikte um politische Konzepte sind härter, als es solche Debatten ahnen lassen.

Quelle: RP
 
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