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Polizeipräsident Rainer Furth
Über Kriminalität in Krefeld

Polizeipräsident Rainer Furth: Über Kriminalität in Krefeld
Polizeipräsident Rainer Furth. FOTO: T.L.
Krefeld. Hat die Kriminalität durch Flüchtlinge zugenommen? Sind unsere Straßen unsicherer geworden? Hat die Zahl der Sexualstraftaten zugenommen? Wir sprachen mit Polizeipräsident Furth über viele Details und die Gesamtlage in Krefeld.

Das Bundeskriminalamt hat gemeldet, dass mit dem Zuzug von Flüchtlingen keine signifikante Steigerung der Kriminalität einhergegangen ist. Wie ist die Lage in Krefeld?

Furth Das Bild in Krefeld ist ähnlich. Wir haben in Krefeld rund 3500 Zuwanderer in sogenannten Flüchtlingsunterkünften, aber auch Zugewanderte, die nicht in einem Asylverfahren sind und in den letzten Monaten nach Deutschland gekommen sind. Auch wenn man alle Einpendler hinzurechnet, dann haben wir über ein Prozent mehr Bevölkerung in Krefeld. Proportional müssten wir auch ein Prozent mehr Kriminalität haben. Haben wir aber nicht. Heißt: Wir haben nach unserer Ausgangsstatistik derzeit trotz Anwesenheit von Zuwanderern keinen messbaren Zuwachs an Kriminalität.

Nach welchen Kriterien bemisst und analysiert die Polizei die Kriminalitätslage?

Furth Wir kategorisieren die Vielzahl der registrierten Straftaten. Es gibt zum Beispiel Gewalttaten wie Sexual- und Raubdelikte oder Körperverletzungen sowie die Kategorien der Eigentums- und Vermögensdelikte. Dazu zählen Einbrüche und Diebstähle, zum Beispiel Taschen- oder Fahrraddiebstahl, und Betrugsdelikte. Ein besonderes Augenmerk legen wir auf die sogenannte Straßenkriminalität. Das sind alle Fälle, die in der Öffentlichkeit begangen werden und das Sicherheitsgefühl maßgeblich beeinflussen. Unsere Ermittlungen und statistischen Auswertungen werden zusammengeführt und bewertet. Sie zeigen Entwicklungen auf, an denen wir unsere Arbeit und Schwerpunkte ausrichten.

Und wie sind die Trends?

Furth Wir haben in fast allen Bereichen eine positive Entwicklung, also abnehmende Fallzahlen. Beim Handtaschenraub gab es im Vergleich der ersten vier Monate 2015 zu denen im Jahr 2016 eine Zunahme von zwei auf neun Fälle. Das ist prozentual viel, aber gemessen an der Gesamtkriminalität in diesem Zeitraum, nämlich 7400 Straftaten, eine relativ kleine Zahl. Jeder Handtaschenraub ist einer zu viel und für die Betroffenen belastend. Wir reagieren darauf repressiv wie präventiv. Von einem Trend zu sprechen, wäre nach vier Monaten noch zu früh. Fakt ist: 2011 hatten wir 32 Fälle, 2012 noch 20, 2013 waren es 14, 2014 dann 17 und 2015 waren es 13, aufs Ganze gesehen ist das ein Rückgang.

7400 Straftaten in vier Monaten in 2016 - und 2015?

Furth Im Vorjahreszeitraum waren es 7935 Straftaten. Auch das passt ins eben skizzierte Bild. Wenn man sich die Frage stellt, ob wir durch 3500 Zuwanderer mehr Kriminalität haben, muss man aufgrund der Zahlen sagen: Nein, wir haben ungebrochen eher einen Rückgang, und das bei gleich guter Aufklärungsquote, die gleichbleibend bei rund 55 Prozent liegt.

Wie verteilen sich die Straftaten Nicht-Deutscher nach Nationalitäten?

Furth In den ersten drei Monaten 2016 haben wir 34,6 Prozent nicht-deutsche Tatverdächtige ermittelt. Die meisten davon stammen aus Rumänien, der Türkei, Polen, Serbien und Bulgarien.

Und wo liegen die Syrer?

Furth Aktuell sind nach unseren Informationen 905 Zuwanderer aus Syrien in Krefeld untergebracht Unsere Ausgangsstatistik weist in den ersten drei Monaten 2016 lediglich fünf syrische Tatverdächtige aus.

Beim Stichwort Raub überrascht mich der Rückgang. Mein Eindruck ist, dass wir in der letzten Zeit verstärkt recht brutale Überfälle melden müssen. Man hat den Eindruck: Die Täter schlagen gleich zu und fordern dann Geld und Besitz.

Furth Ja, solche Fälle gibt es leider. Und bestimmte Delikte dominieren die Nachrichten und damit auch unsere Wahrnehmung. Schockierende Einzelfälle ziehen natürlich Aufmerksamkeit auf sich. Und nach der Silvesternacht von Köln sind viele Menschen sensibilisiert für Sexualdelikte. Die Leute achten darauf und zeigen diese Delikte auch verstärkt an. Dafür haben wir Beispiele und wir nehmen diese sehr ernst. Gerade dieses Phänomen werden wir besonders im Blick halten und mit aller Konsequenz dagegen vorgehen. Darüber geraten dann andere Felder aus dem Blick, die nach Fallzahlen und den Schicksalen, die dahinter stehen, bedrückend sind. Ein Beispiel sind die Fälle von Häuslicher Gewalt.

Bleiben die Wohnungseinbrüche, die den Leuten Angst machen.

Furth Auch da ist das Bild ein differenziertes. Wir hatten in den ersten vier Monaten des vergangenen Jahres 383 gemeldete Einbrüche, im Vergleichszeitraum 2016 waren es noch 301. Das ist ein erheblicher Rückgang, der flankiert wird von einer Aufklärungsquote von zurzeit 30 Prozent. So groß war sie noch nie. Aus unserer Sicht greifen also unsere Gegenmaßnahmen und der erhöhte Fahndungsdruck.

Relativiert man so nicht statistisch, was die Leute umtreibt?

Furth Ich will nicht relativieren oder kleinreden. Im Gegenteil, ich will sachliche Informationen geben. Die Glaubwürdigkeit der Polizei ist für mich von herausragender Bedeutung. In der gegenwärtigen Situation ist es außerordentlich wichtig, dass die Menschen Vertrauen in Polizei und Justiz haben. Man sollte bei der Betrachtung der Kriminalitätslage gleichwohl auch die Rechtsgüter im Blick haben, die verletzt werden. Beim Ladendiebstahl zum Beispiel gibt es eine klare Zunahme: Von 2014 auf 2015 haben wir ein Drittel mehr Ladendiebstähle im Ganzjahresvergleich, und in den ersten vier Monaten 2016 haben wir nochmal etwa 22 Prozent mehr Diebstähle gegenüber dem Vergleichszeitraum 2015. Dennoch wird man darauf hinweisen dürfen, dass es schlimmere Delikte gibt, weil sie sich gegen Leib und Leben von Menschen richten. Man muss das Gesamtbild sehen: Ja, es gibt in der leichten Eigentumskriminalität eine relevante Zunahme, aber in der Gesamtkriminalität, wie auch bei den Sexualdelikten, verzeichnen wir einen Rückgang der Fallzahlen.

Wie hoch ist der Anteil der Sexualdelikte an der Gesamtkriminalität?

Furth Er liegt in Krefeld bei 0,5 Prozent.

Welche Straftaten begehen Zuwanderer?

Furth Diese Fragen beantwortet aktuell das BKA. Bei den Straftaten durch Zuwanderer nennt das Bundeskriminalamt für die ersten drei Monate 2016 folgende Zahlen: 29 Prozent Diebstahlstaten, 28 Prozent Vermögens- und Fälschungsdelikte, 23 Prozent Körperverletzungen und Straftaten gegen die persönliche Freiheit, sieben Prozent Rauschgiftdelikte, ein Prozent Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Heißt, aus polizeilicher Sicht kann von einer größer werdenden Unsicherheit nicht gesprochen werden?

Furth Es gibt eine subjektive Unsicherheit und eine objektive Unsicherheit. Zur objektiven Situation habe ich eben Ausführungen gemacht. Insgesamt geht die Kriminalitätsbelastung aktuell zurück, trotz der Zuwanderer. Zum Sicherheitsgefühl weise ich noch einmal darauf hin: Es gibt die oben genannten Beispiele, die von allen berichtet und gelesen werden. Daneben gibt es beklemmende Felder, die nicht in der öffentlichen Wahrnehmung liegen, wie etwa die von mir genannte Häusliche Gewalt. Hier sind wir als Polizei in komplexen Prozessen gefordert: Es geht darum, Gefahren abzuwehren, Täter der Wohnung zu verweisen, Frauen zu beraten, Kinder in sichere Obhut zu geben. Ein Phänomen, das zur Zeit überhaupt nicht in der öffentlichen Wahrnehmung steht. Dabei gibt es mehr Fälle von Häuslicher Gewalt als Wohnungseinbrüche.

Heißt unterm, Strich, dass sich das Klima der Inneren Sicherheit nicht verschlechtert hat, weder durch Flüchtlinge noch im Allgemeinen.

Furth Gemessen an den objektiven Zahlen ist Krefeld in den letzten Jahren sicherer geworden. Aufs Ganze gesehen, haben wir bei einer hohen Aufklärungsquote einen Rückgang an Straftaten.

Quelle: RP
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