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Krefeld
Überraschungen auf der Tanzbühne

Krefeld. Beim Tanzmesse-Programm begeisterte Yasmine Hugonnet mit Stolz, Stärke und Anmut. Von Isabel Mankas-Fuest

Es gibt im zeitgenössischen Tanz Momente, in denen der Betrachter überrascht wird - sei es durch eine bestimmte Körperbewegung, die irritiert, weil sie einer Haltung plötzlich eine ganz andere Bedeutung verleiht, durch extreme Nähe, Langsamkeit, Schnelligkeit - oder, wie im Stück von Yasmine Hugonnet von Arts Mouvementés, durch absolute Körperbeherrschung. In ihrem Solo "Le Récital des Postures", was übersetzt so viel heißt wie "Konzert der Posen", sucht Hugonnet in sehr langsam und präzise ausgeführten Posen nicht nach Schönheit, sondern nach einer Art meditativer Kraft, die die Bewegungen dadurch entfalten, dass sie in absoluter Stille und Konzentration ausgeführt werden. Und nichts lenkt hier ab.

Die kleine Bühne der Fabrik Heeder ist weiß ausgekleidet. Die Solistin steht bereits auf der Bühne, als die Zuschauer ihre Plätze einnehmen. Mit dem Oberkörper wie ein Klappmesser nach vorne gebeugt, harrt sie in dieser ersten Pose aus, bevor sie mit dem Bauch auf den Boden schliddert. Langsam hebt sie ihre gestreckten Beine in die Luft und hält auch diese Pose für eine längere Zeit. Wie eine Welle, die durch ihren Köper hindurch geht, hebt sich ihr Oberkörper vom Boden. Das Gesicht ist von ihren braunen Haaren verdeckt, langsam zieht sie sich an ihrem Schopf nach vorne und kommt mühelos über ihre Hände nach oben in eine Vorwärtsbeuge. Hugonnet zieht ihr schwarzes T-Shirt und ihren grauen Overall aus - ihr Oberkörper ist immer noch nach vorne gebeugt. Langsam zieht sie sich an ihren Haaren nach oben und kommt jetzt zum Stehen - das ist der Moment, in dem der Zuschauer zum ersten Mal ihr Gesicht sieht. Ihr Blick ist emotionslos, doch über ihren Körper, den sie perfekt zu beherrschen weiß, strahlt sie trotz ihrer Nacktheit, Stärke und Stolz aus.

Es folgen weitere, ineinander überfließende Posen, in denen die Tänzerin scheinbar mühelos und ohne Zittern oder Wackeln verweilt. Die hell ausgeleuchtete Bühne erstrahlt nun in wärmerem Licht. Hugonnets Bewegungen muten mal sinnlich und weiblich an, mal schnauft sie und legt sich eine Haarsträhne zwischen Nase und Oberlippe. Das Publikum schmunzelt, verfolgte es doch bis jetzt voller Spannung das intensive Körperspiel. Zum Abschluss der beeindruckenden Performance verblüfft die Schweizerin erneut das Publikum, wenn sie Ausrufe wie "Let your attention dance" oder "Go!" ohne Bewegung ihres Mundes hervorbringt. Hugonnet nutzt die Potenziale des Körpers als Kommunikationswerkzeug und tritt dabei gleichzeitig mit dem Publikum in einen intensiven Dialog, mit und ohne Worte.

Weniger konzeptuell, dafür umso temperamentvoller ist die Arbeit der aus Italien stammenden Kompanie Interno5 / Collettivo NaDa. Sechs Tänzer betreten in "Across the border / a human journey into the beauty" die Bühne. In dunklem Licht malen sie Kreidespuren auf den Boden und verwischen diese. Im Titel lässt sich erkennen, worum die zentrale Frage des Stücks kreist: Lassen sich räumlich bedingte Grenzen durchbrechen und gibt es Berührungen, die jenseits von menschlicher Berührung liegen? Auf der Suche nach Antworten verlieren sich die Tänzer leider in vielen Wiederholungen. Schöne und bildhafte Tanzformationen ergeben sich erst im zweiten Teil, vor allem in der tänzerischen Arbeit mit Emotionen. Oft geht es um partnerschaftliches Verhalten, um Klischeebilder, Eifersucht, Machtkämpfe und Liebesspiele zwischen Verführung und Enttäuschung.

Quelle: RP
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