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Serie Heimat
Urbanes Wohnen im Charme der 20er Jahre

Urbanes Wohnen im Charme der 20er Jahre
Urbanes Wohnen im Charme der 20er Jahre FOTO: cpu
Krefeld. Unsere Autorin lebt mit ihrer Familie in einem Stadthaus aus dem Jahr 1927. Viele historische Elemente sind noch erhalten.

Es ist Liebe auf den ersten Blick. Nach einem kurzen Rundgang nicken mein Mann und ich uns zu, wissend: Dieses Haus am Lutherplatz ist für uns bestimmt. Baujahr 1927, das ganze prachtvolle Programm dieser Zeit bestens erhalten: hohe Decken, sensationelles Treppenhaus, viele lichtdurchflutete Räume, zauberhafter Staudengarten mit Teehaus in der Sichtachse. Und nach vorne ein Traumblick auf die Lutherkirche. Unfassbares Glück, dass diese Immobilie fast allen 70er Jahre braun-beige-orange Verschlimmbesserungen entgangen ist. Seit dem Krieg hat hier eine Familie gewohnt - und nur wenig angepackt. Im Keller gibt es tatsächlich noch eine funktionierende Kohle-Heizung aus der Bauzeit (von uns liebevoll Emma getauft, eine Hommage an Lukas, den Lokomotivführer) und einen Bunkerraum aus dem Krieg. Mit Toilette. Das Haus ist herrlich altmodisch, aber mit Liebe gepflegt. Was für ein Glück!

Fast entschuldigend meint der Makler, an dem Badezimmer aus der Bauzeit müsse man natürlich dringend was machen. Finden wir nicht. Die aquafarbenen Fliesen nennt man heute "retro", und den Waschtisch aus den 20er Jahren würde jeder Antikhändler mit Kusshand abkaufen. Witzig, originell, das hat Geschichte. Genau unser Ding.

Die Sache ist also entschieden. Das neue Zuhause für unsere fünfköpfige Familie ist am Lutherplatz. Lutherplatz? Krefelder Freunde wollen erst nicht glauben, dass wir im Südbezirk kaufen. Lutherplatz, das Synonym für Trinkerszene und Obdachlosenunterbringung? Und noch dazu "Blaulichtalarm" vom benachbarten Krankenhaus? Heißt es nicht immer "Lage, Lage, Lage"? Doch für uns ist die Lage perfekt. Unsere Kinder sind fast erwachsen, brauchen keine verkehrsberuhigte Spielstraße mehr - und schätzen die kurzen Wege zu allen "Samstagabend-Locations". Unsere neue Lebensqualität ist so gut wie autofrei. Wir benutzen den Wagen so selten, dass wir manchmal nicht mal mehr wissen, wo wir eigentlich geparkt haben. Die Innenstadt ist fünf Fahrradminuten entfernt.

Großartig. Es ist übrigens erstaunlich ruhig hier, die Krankenwagen schalten nämlich das Blaulicht an der Kölner Straße ab. Und die Trinkerszene, hunderte Meter weit weg auf der anderen Seite der Kirche, ist zu keiner Zeit ein Problem. Und auf unsere Freunde wartet der Aha-Effekt. Ist das Haus mit seiner Backsteinfassade (und - leider - noch viel zu gut erhaltenen 70er Jahre Fenstern) von außen noch recht schlicht, findet drinnen großes Kino statt. Und zwar spätestens im Treppenhaus, das sich über zwei Etagen elegant nach oben schwingt. Oder in der Wohnzimmer-Esszimmer-Flucht, die sich mit 3, 30 Meter hohen Decken über einen Wintergarten zur Terrasse öffnet. Eine witzigerweise häufig gestellte Frage ist: "Habt ihr neue Möbel?" Nein, haben wir nicht. Aber die Möbel sehen in diesem Haus einfach schöner aus, kommen besser zur Geltung, als in der Null-Acht-Fuffzehn-Doppelhaushälfte, die wir vorher gemietet hatten.

Drei Monate vergehen vom Kauf bis zum Einzug. Eine Zeit, prall gefüllt mit Sanierungs- und Renovierungsarbeiten. Denn, ja, das Haus war gepflegt. Aber eben auch in vieler Hinsicht veraltet. Dem Elektromeister unseres Vertrauens genügte ein Blick in den Sicherungskasten, um zu wissen, dass dieses Haus wohl einen Gasherd hat. Denn alle Leitungen sind zweiadrig, stoffummantelt. 20er Jahre eben. Da geht nix mit Starkstrom. Heißt: Alle Leitungen müssen raus und ersetzt werden.

Im Laufe der Sanierungsarbeiten sollen wir uns noch viele Male vor dem Können unserer Handwerker verneigen. Wie sie ohne viel zu stemmen, neue Stromkabel durch die alten Rohre ziehen. Wie unser Installateur von oben bis unten die alten Blei-Wasserleitungen durch moderne ersetzt. Und unser geniales Bauunternehmen immer wieder einfache Lösungen für kompliziert erscheinende Probleme, wie zum Beispiel durchhängende Zimmerdecken, findet. Unsere Devise lautet: Modernisieren, aber möglichst viel Charme der 20er erhalten. Und: Es muss nicht immer perfekt sein, die Kosten sollen sich ja im Rahmen halten. Deswegen bleiben auch die Fenster erst mal drin, auch wenn die wirklich hässlich sind. Weichen muss eine eigentlich praktische Speisekammer zugunsten einer jetzt üppig großen Wohnküche. Ein neues Bad muss auf der Kinderetage das unbeschreibliche Klo mit Eimer-Ausguss ersetzen. In fast jedem der sieben Schlafzimmer ist ein Waschbecken angebracht. Auch diese wollen wir natürlich nicht behalten, 20er Jahre Charme hin oder her.

Fast sechs Jahre nach dem Einzug sind wir uns alle einig: Dieses Haus ist unser perfektes Zuhause, das urbane Wohnen knapp außerhalb der vier Wälle macht jeden Tag Spaß. Wir haben den Kauf noch keine Sekunde bedauert.

(cpu)
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