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Krefeld
Vagedes - das sagen Architekten

Krefeld. Zum Beitrag "Vagedes - Krefelds heilige Kuh" haben wir Stellungnahmen von Architekten erhalten. Wir dokumentieren sie - als Debattenbeitrag zur Stadtentwicklung.

"Vagedes - Krefelds heilige Kuh" lautete ein Essay, den wir im Zusammenhang mit der Debatte um den Westwall und die Frage, ob der Karlsplatz vor dem Museum für den Autoverkehr gesperrt werden soll oder nicht, veröffentlicht haben.

Die Kernthesen: Die vier Wälle von Vagedes haben Krefeld eine langgestreckte Innenstadt beschert, die heute städtebaulich ein Problem ist. Die vier Wälle sind Mischwesen - weder funktionierende Einkaufs- noch funktionierende Wohn- und Flanierstraßen. Der eigentliche Einkaufsbereich müsste verkürzt, Wohnbebauung durch entschlossene Umgestaltung vorangetrieben werden. Dazu würde es auch gehören, Straßen wieder für den Autoverkehr zu öffnen, auch mal Gebäude abzureißen, um Wohnquartiere zu schaffen (die auf jeden Fall ausreichend Parkplätze für die Anwohner bieten müssen) und so das Vier-Wälle-Konzept neu zu interpretieren. Vagedes zu verehren und vereinzelt bei Einzelfragen wie der Öffnung oder Schließung des Karlsplatzes in Stellung zu bringen, reicht nicht mehr. Dazu haben uns folgende Beiträge erreicht:

Der Architekt Uwe Schulz-Christofzik schreibt uns:

"Es ist schon erstaunlich, was Herr Voss Herrn Vagedes so alles vorwirft. Die Wälle sind seiner Meinung nach Mischwesen aus Flaniermeile und Autobahn. So richtig die Betrachtung, so falsch der Vorwurf an Herrn Vagedes. Die Wälle wurden als reine Flaniermeilen geplant und im Rahmen der Verkehrsplanung Mitte des 20. Jahrhunderts dem Diktat des Autoverkehrs unterworfen.

Ebenso falsch ist der Vorwurf, die Einzelhandelszone bis zum Hansa-Zentrum verlängert zu haben. Einen Einzelhandelsbereich hatte Vagedes ganz gewiss nicht im Sinn. Es ging um die Stadt in ihrer gesamten Ausdehnung mit all ihren Nutzungen von Wohnen, über Handel, Verwaltung bis zum Gewerbe.

Ganz verwirrend wird es, wenn Herr Voss dann von Abriss zu Gunsten von Parkraum spricht. Die Wunden der Nachkriegsjahre, an deren Stelle zahlreiche Parkplätze das Stadtbild verschandelten, sind Gott sei Dank weitestgehend verschwunden (Behnisch-Haus, VHS, Hansa-Zentrum), da fordert Herr Voss im Ernst, es sollen wieder Lücken für Parkraum geschaffen werden, obwohl die vorhandenen Parkhäuser nicht einmal ausgelastet sind. Dass wir heute mit Autos leben müssen, ist wohl so, obwohl bei den jüngeren Generationen inzwischen ein Paradigmenwechsel stattfindet und man seinen Status nicht mehr über das Auto definiert. Die Autos müssen nicht zwangsweise im Freien stehen und das Stadtbild bestimmen.

Ein Ziel von Herrn Voss scheint mit den ursprünglichen Ideen von Herrn Vagedes und mit den Vorstellungen vieler Bürger der Stadt vereinbar zu sein, dass die Innenstadt wieder mehr Richtung Wohnen und Aufenthaltsqualität entwickelt wird. Über den richtigen Weg dorthin wird wohl noch zu diskutieren sein. Bedauerlich wäre, wenn ein ideologisch motivierter Disput (pro oder contra Vagedes) die sicherlich erforderliche Diskussion vergiften würde. Der Entwurf des Herrn Vagedes, wie auch der mittelalterliche Kern, haben tiefe und markante Spuren im Stadtbild hinterlassen. Dieses Erbe sollten die Krefelder als Chance verstehen und das Beste daraus machen.

Der Architekt Heinz Dieter Küppers schrieb uns: "Bravo für eine Stellungnahme und Analyse zu städtebaulichen Problemen unserer Stadt. Dazu lesen wir viel zu selten. Aber was soll die Polemik gegen den armen Vagedes? Als der 1815 den Auftrag erhält, geht es darum, die bereits vier vorhergegangenen Stadterweiterungen zwischen 1692 und 1766 mit einer großen Lösung abzuschließen.

Waren die ersten Erweiterungen rein wirtschaftspolitischem Kalkül und praktischer Notwendigkeit geschuldet, der Seidenmanufaktur zu dienen, sollte sein Plan die Bedeutung Krefelds städtebaulich und architektonisch zur Geltung bringen. Das ist ihm auch ohne die Realisierung seines Kreuzes, dessen Zentrum keinesfalls, wie im Artikel gemeint, der alte dörfliche Ortskern gewesen wäre, gut gelungen. Sein Mittelpunkt wäre heute im Kreuzungsbereich Friedrichstraße/ Ecke St. Anton-Straße zu verorten. So hat denn Vagedes auch kein "Brett über den alten Kern genagelt" und auch eine "konzentrische" Erweiterung wäre mit Blick auf die schon vorher erfolgten Stadterweiterungen eh nicht mehr möglich gewesen. Lassen wir diese Ungenauigkeiten einmal weg, ist die Analyse des heutigen Zustands aber richtig. Ein Spaziergang um das Wallviereck zeigt in der Tat wenig Erbauliches. Dabei ist Krefelds Stadtgrundriss im Zentrum im Vergleich zu anderen Städten, die in viel längeren Zeitspannen gewachsen sind, einzigartig. Und genau darum ist auch das Wallviereck so wichtig und bedarf, wenn man heute seinen Zustand sieht, dringender Pflege.

Die im Artikel aufgezeigten Perspektiven einer strukturell begründeten Weichenstellung für eine differenziertere Nutzung des allein für den Einzelhandel überdimensionierten Bereichs zwischen den Wällen sind nachdenkenswert. Der Ostwall zwischen Nord- und Südwall ist länger als die Kö in Düsseldorf zwischen Hofgarten und Graf-Adolf-Straße. Bei jedem Eingriff sollte sorgfältig überdacht werden, inwieweit sich jede Maßnahme in die schützenswerte Grundstruktur einfügen lässt. Das ist in der Vergangenheit nicht immer geschehen. Als stadtplanerisch besonders unbedachte Beispiele mögen hier Schwanenmarkt, Horten- und Seidenweberhaus stehen. Diese großen Baumaßnahmen sind über jede städtebauliche Vorgabe des Stadtgrundrisses hinweg realisiert und werden als Fremdkörper wahrgenommen.

P.S.: Damit keine Missverständnisse aufkommen. Das ist kein Plädoyer für den Erhalt des Autoverkehrs vor dem Kaiser-Wilhelm-Museum auf dem Westwall. Aber muss der stadtstrukturell wichtige Westwall vor dem Museum unterbrochen werden, nur damit ein Platz davor die misslungene Gestaltung des Museumseingangs repariert?

Quelle: RP
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