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Analyse
Vagedes - Krefelds heilige Kuh

Krefeld. Der Name Vagedes fällt immer, wenn es Streit um Stadtplanung gibt. Dabei hat die Vagedes-Verehrung Züge einer Lebenslüge: Wo Vagedes Lebensraum schaffen wollte, ist heute eine überdehnte City. Und das Auto wird zu Unrecht verteufelt. Von Jens Voss

Vagedes, immer wieder Vagedes. In Krefelder Planungsdebatten wird dieser Name geraunt; voller Ehrfurcht. Er wird getragen wie eine Monstranz, glänzend, ein Geheimnis des Glaubens. Es ist Zeit für einen Titanensturz. Vielleicht sollte jedermann, bevor er zum nächsten Vagedes-Festumzug aufbricht, die vier Wälle entlangspazieren und beschreiben, was er sieht: vier langgestreckte Inseln, von Verkehr umtost, an den Rändern gesäumt von mehr oder weniger kritischen Bereichen mit unklarer Zukunft. Schöne Häuser einerseits, andererseits Anflüge von Tristesse. Der Sound über allem: Autoverkehr. Die vier Wälle sind in Wahrheit Mischwesen: ein bisschen Flaniermeile, ein bisschen Autobahn, nichts richtig.

Vagedes, was hast du uns hinterlassen?

Vagedes bekam bekanntlich 1815 den Auftrag, eine Stadterweiterung für Krefeld zu planen, als die Stadt rund 15.000 Einwohner hatte. Was hat er getan? Beschreibt man es nicht ehrfürchtig, sondern unbarmherzig, so hat Vagedes auf dem Reißbrett über den mittelalterlichen Stadtkern hinweg ein Brett genagelt - die vier Wälle. Seine (faktische) Kernentscheidung war: keine konzentrische Erweiterung um den Kern herum, sondern Ausdehnung in die Länge. Deshalb also hat Krefeld heute nicht wie andere Städte ein echtes Zentrum, um das herum sich alles gruppiert, sondern eine langgestreckte City, die - seien wir ehrlich und nicht ehrfürchtig - lebenspraktische Probleme mit sich bringt.

Zu Vagedes' Verteidigung muss man sagen, dass er ursprünglich eine Erweiterung in Kreuzform vorschlug. Bei dieser Lösung hätte es einen echten Mittelpunkt gegeben. Seine Idee war es, die Erweiterungen in den Umriss eines lateinischen Kreuzes einzubinden. Rund um die Stadt sah Vagedes einen Boulevard samt Wassergraben vor. Teile der Stadtmauern und die Stadttore sollten abgerissen werden, Abwassergräben zugeschüttet oder überbrückt werden. Doch diesen Plan lehnte der Stadtrat aus Kostengründen ab.

Vagedes hat mit der Kreuzform das Primat des mittelalterlichen Stadtkerns anerkannt. Indem der alte Stadtkern der Mittelpunkt der Ausdehnungsachsen werden sollte, respektierte er das, was sich in langer Historie als Krefelds Mitte herauskristallisiert hat. Indem die Stadt einen von zwei Balken des Kreuzes strich, stiftete sie strukturelle Unruhe: legte ein Brett über einen Kern. Mit Folgen bis heute.

Das Verblüffende ist, und darauf hat zuletzt die Stadtplanerin Claudia Schmidt bei einem Vortrag in der Bezirksvertretung Mitte hingewiesen: Der mittelalterliche Stadtkern deckt sich weitgehend mit dem Bezirk, der in dem Junker-und-Kruse-Gutachten über Potenziale der Krefelder City als Kernbereich des Einzelhandels ausgewiesen wird. So könnte man sagen: Die Stadterweiterung von 1817 war die erste große Fehlplanung Krefelds, weil sie sich anmaßte, gegen die historisch gewachsene Struktur der Stadt anzuplanen - vergeblich, wie wir heute wissen, denn der alte Kern wirkt immer noch.

Doch so wenig wie Vagedes unkritisch verehrt gehört, gehört er auf die Anklagebank. Er wollte ja keine Einzelhandelszone schaffen, sondern Lebensraum. In seinem langen Karree sollte man wohnen und arbeiten. Heute wird in der Stadt fast nur gearbeitet und viel zu wenig gewohnt. So sind die Zeitläufte auch über Vagedes hinweggegangen.

Zu den ideologischen, für eine fruchtbare Debatte hinderlichen Frontstellungen heute gehört der Hass auf das Auto. Wie sagte Stadtplanerin Claudia Schmidt? Wer für Autos plant, bekommt Autos; wer für Menschen plant, bekommt Menschen. Das klingt nur schön, schlüssig ist es nicht. Wer heute Menschen zum Wohnen in die City holen will, muss Autoverkehr ermöglichen. Die Leute müssen in der Nähe ihres Hauses parken können. Weil man abends nicht gerne weit läuft und weil Einkaufstütenundwasserkästenschleppen uns schnell an die Grenzen unserer Kräfte führt. Nein, wer Menschen will, muss mit dem Auto planen, sonst bekommt er gar nichts.

Wer heute Vagedes wirklich die Ehre geben will, müsste sich so schnell wie möglich auch eine Abrissbirne anschaffen. Die City müsste durchlüftet werden; das eine oder andere Haus müsste verschwinden; frisch geschaffener Platz dürfte nicht gleich wieder zugebaut werden; es müssten Straßen neu für den Verkehr geöffnet, Parkraum für Bewohner geschaffen und Viertel abgerundet werden. Abriss hier, Neubau da.

Und man müsste wieder für strukturelle Klarheit sorgen. Wenn es richtig ist, dass sich der Kernbereich der City mit dem Karree zwischen Rhein und Marktstraße deckt - warum nicht definieren: Die Einkaufsstadt Krefeld endet an der Hochstraße, Ecke Dreikönigenstraße? Warum nicht die Fußgängerzone verkürzen und den Raum dahinter als potenziellen Wohnbezirk definieren; warum nicht die Seitenstraßen so für den Verkehr öffnen, dass dort Wohnen sinnvoll wird? Das wäre vermutlich das größte Konjunkturprogramm für die Hochstraße ab Dreikönigenstraße: Die Vision vom Wohnbereich wäre ein echter Neuansatz für Geschäfte, die dann wohnumfeldbezogen agieren könnten. So ist der Bereich ab der Marktstraße zum Kränkeln verurteilt. Heißt auch: Man muss die heilige Kuh Vagedes schlachten. Die Dehnung der City war ein historischer Fehler des damaligen Rates; um ihn zu korrigieren, müsste man Vagedes Intention, Wohnraum zu schaffen, wiederbeleben.

Keine Fantasterei. Kempen hat in den 60er Jahren einen Masterplan für den Ortskern verabschiedet. Auf solch einen Masterplan hat sich auch die Stadt Lemgo in den 70er Jahren verständigt, um seine Innenstadt vor Verödung zu retten - bei unbestritten schöner Bausubstanz, von der auch Krefeld viel zu bieten hat. Das Beispiel Lemgo ist vor einiger Zeit in Krefeld bei einer Tagung der "Arbeitsgemeinschaften Historische Stadt- und Ortskerne in NRW" vorgestellt worden (wir berichteten seinerzeit). So etwas geht, auch wenn es 20, 30 Jahre dauert und eine Stadt einen solchen Plan nicht vor der jeweils nächsten Kommunalwahl wieder schreddern dürfte.

So gesehen, darf Vagedes keine heilige Kuh der Verehrung sein - wer ihn liebt, deutet ihn als Zukunftsentwurf. Nähme man ihn ernst und arbeitete an einer wohntauglichen City, würde sich auch so manches Leerstandsproblem lösen. Krefelds City ist in Wahrheit zu groß, um erfolgreich von der Rheinstraße bis zum Hansa-Zentrum von wertigen Einzelhändlern bespielt zu werden - aber schön genug für Wohnstätten. Die Wälle werden keine Geschäftsmeilen werden; aber die Bausubstanz wispert und flüstert von schönem Wohnraum - so wie Vagedes ihn wollte.

P.S.: Damit keine Missverständnisse aufkommen: Dies ist kein Plädoyer gegen die Schließung des Karlsplatzes für den Autoverkehr. Es wäre eine Chance, dass Krefeld das Wagnis eines Neuanfangs vor dem Museum eingeht. Wenn das Projekt glückt, wird es eine Initialzündung sein und das ganze Quartier aufwerten. Und wenn es mehr Probleme als Nutzen gibt, kann man den Platz wieder öffnen. Nur sollte man das Neue in seiner neuen Gestalt - also mit dem neuen Platz - wenigstens einmal ausprobieren.

Quelle: RP
 
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