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Krefeld
Verblüffende Idee: Studenten ins Seidenweberhaus

Krefeld: Verblüffende Idee: Studenten ins Seidenweberhaus
Der Entwurf sieht vor, das Seidenweberhaus für die Hochschule zu erschließen; zum Ostwall hin möchte Carolin Krebber ein Studentenwohnheim errichten - der Entwurf dafür ist rechts eingezeichnet. Das Ensemble soll den Theaterplatz und die gesamte Innenstadt beleben FOTO: Krebber
Krefeld. Für September wird eine Grundsatzentscheidung der Politik zum Seiden-weberhaus erwartet. Auch die 26-jährige Carolin Krebber hat dem Planungsamt einen Vorschlag für die Entwicklung des Theaterplatzes unter-breitet. Verblüffend: Es gibt in der jungen Architektengeneration eine neue Wertschätzung des Seidenweberhauses. Von Anette Frieling

Dies ist die Geschichte über eine Idee für die Innenstadt, von der man nur hoffen kann, dass Krefelds Stadtplaner sie nicht unbeachtet lassen. Die Idee stammt von einer jungen Architektin, von deren Potenzial das renommierte Münchener Architektenbüro Allmann Sattler Wappner so überzeugt ist, dass es die junge Frau vom Fleck weg noch vor der Benotung ihrer Master-Arbeit engagiert hat.

Für September wird die Grundsatzentscheidung der Politik zum Seidenweberhaus erwartet. Derzeit bereitet die Verwaltung auf Grundlage der Ideen aus einem Bürgerbeteiligungsverfahren vier Alternativvorschläge vor. Basierend auf ihrer Master Thesis mit dem Titel "Das Seidenweberhaus" hat die 26-jährige Architektin Carolin Krebber dem Planungsamt vor einigen Wochen einen umfassenden Vorschlagsentwurf für die Entwicklung des Theaterplatzes angeboten. Angestellt in einem renommierten und mehrfach ausgezeichneten Münchener Architekturbüro Allmann Sattler Wappner arbeitet die Krefelderin aktuell an Entwürfen für einen Wettbewerb für das Eingangsgebäude des Deutschen Bundestages in Berlin mit. Die Möglichkeit, ihr Konzept für Krefelds Innenstadt-Platz im Rahmen der "Bürgerwerkstatt Seidenweberhaus" vorzustellen, hatte sie bisher nicht.

Allmann Sattler Wappner zählt zu den bedeutenden deutschen Architektur Büros, zu deren zahlreichen preisgekrönten Gebäuden neben der Münchener Herz-Jesu Kirche auch das Dorniermuseum in Ludwigshafen gehört. Die Münchener schätzen das fachliche Potenzial Krebbers so hoch ein, dass sie die 26-Jährige eingestellt haben, noch bevor ihre "Master Thesis", ihre Abschlussarbeit, benotet wurde. "Das Seidenweberhaus" lautet der schlichte Arbeitstitel. Hinter diesem Minimalismus steckt nicht nur die Analyse des Krefelder Stadtgefüges, sondern ein Entwurf, der das gesamte soziale, kulturelle und funktionale Potenzial der Stadt aufgreift und in ein neues Gesamtkonzept einbezieht. Krebber argumentiert für die Veränderung des Theaterplatzes unter Beibehaltung des Seidenweberhauses; und erklärt, mit Verweis auf die aktuellen Entwürfe internationaler Architektur-Büros, warum. "Das, was wir am Seidenweberhaus vorfinden, erleben wir als Weiterentwicklung zurzeit in den preisgekrönten Terrassenbauten des niederländischen Büros MVRDV". Ein halbes Jahr hat Krebber dort mitgearbeitet, das schärfte den Blick für die bauliche Besonderheit.

"Das Seidenweberhaus schafft es, in einem urbanen dichten Umfeld Freiflächen in Form von Terrassen über die volle Höhe des Gebäudes zu entwickeln, ein Element, um das jeder Architekt heute kämpft und was in Verbindung von Natur und Urbanität neu eingesetzt wird".

Sie ändert das Nutzungskonzept des Seidenweberhauses, weil es laut Krebber als Veranstaltungshalle eine "Black Box" ist; nur temporär bespielt und damit ein Gebäude "das um sich herum totes Gelände generiert". Dieses Problem sei bekannt, und man gehe inzwischen bei Städteplanung dazu über, wie auch in Krefeld mit den Überlegungen zum Kesselhaus, Veranstaltungshallen aus den Stadtzentren an den Außenrand zu legen. Ihr Fazit darum: "Das Veranstaltungshaus im Zentrum muss weg".

Krebber holt stattdessen den Fachbereich Design aus der Peripherie zurück in den Focus der Innenstadt; denn dort gehört er mit Blick auf Krefelds Tradition zu Kunst und Design ihrer Ansicht nach hin. Den Standortverlust durch die Schließung der alten Werkkunstschule will sie rückgängig machen, und er wird wesentlicher Bestandteil ihres Änderungskonzeptes. Die neue Nutzung des Seidenweberhauses umfasst nach ihren Plänen drei thematische Bereiche, wobei das Foyer zum Ausgangspunkt aller drei Nutzungen wird und gleichzeitig zum öffentlichen Kommunikationsbereich. Im Erd- und ersten Obergeschoss sieht sie Bereiche mit öffentlichen Funktionen: Café, eine studentische Fachbibliothek, Studienberatung, eine Mensa sowie "Pop-up Stores der ansässigen Designindustrie, die als kommerzielle Zone in den Theaterplatz leitet". Im zweiten und dritten Obergeschoss plant sie eine Nutzung durch die Kunsthochschule. In neu entstehende Räume zieht der Lehrbetrieb, und der große Veranstaltungssaal wird zum Audimax, wobei die Benutzung unabhängig vom Lehrbetrieb wird.

Mit dieser Nutzungsänderung spinnt Krebber ein Netzwerk zwischen den bisherigen beiden Hochschulstandorten hin zum Theaterplatz und sorgt für "Durchlebung" der Innenstadt.

Mit einem "Studentenhaus" als zusätzlichem Baukörper entlang des Ostwalls schließt sie die Ecke des Theaterplatzes, und schafft ein Gebäude, das sich "typologisch" in zwei Teile aufteilt; "den öffentlichen Sockelbereich" mit einer Markthalle für die Bürgerschaft sowie "Co-Working-Spaces", also Arbeitsräume, die allen Studenten zugänglich sind. In diesem Bereich schafft die Architektin eine "Schnittstelle der Kommunikation zwischen Bürgern und Studenten".

Dem Sockelbereich aufgesetzt hat sie den privaten Teil. Er beinhaltet Studentenwohnungen samt Innenhof, der sich zum Theaterplatz öffnet. Sie schafft Arbeits- und Wohnraum für Studenten, die man im Stadtbild bislang nicht sieht ("wo sind die Studenten? Ich hab die nie wahrgenommen") und sie spricht von "Revitalisierung", die den problematischen Stadtbereichen Krefelds guttue. ("Es entstehen Bars und Kneipen, es entsteht ein studentisches Flair, die Studenten müssen irgendwo wohnen, der Leerstand verschwindet, die Studenten bleiben, kriegen Kinder, man braucht Spielplätze. Das Viertel lebt auf".)

Krebbers Vorschlag zum Seidenweberhaus ist nicht die Einzelbetrachtung einer in die Jahre gekommenen Stadthalle, die aufgrund ihres Baustils im "Brutalismus" von Anfang an im wahrsten Sinne des Wortes bei der Bürgerschaft aneckte. Es ist ein kontextbezogener Dialog mit der Innenstadt, der der Frage nachgeht, wie Menschen leben wollen. Sie weiß um die "Unpopularität" und Schwächen des Gebäudes, sagt aber auch "die Architektur der 70-er Jahre hat die Berechtigung, wie jeder andere Architekturdiskurs im Stadtbild präsent zu sein".

In München wurde Carolin Krebbers Gesamtentwurf für den Theaterplatz positiv bewertet. Ihrer Argumentation für den Erhalt des Seidenweberhauses ist man gefolgt, und ihr Vorschlag für ein neues Nutzungskonzept des Gebäudes wurde als sehr gut bewertet. Vor diesem Hintergrund hat die junge Frau sich an die Verantwortlichen des Krefelder Planungsamtes gewandt. Wohl wissend, dass die Verwaltung derzeit die Alternativvorschläge für eine Grundsatzentscheidung der politischen Gremien zum Umgang mit dem Seidenweberhaus vorbereitet.

Verarbeitet werden dort die Ideen von 120 Teilnehmern der "Bürgerwerkstatt Seidenweberhaus", zu der Oberbürgermeister Frank Meyer und Stadtplaner Martin Linne eingeladen hatten. Gesammelt, diskutiert und im April 2016 in einer Ausstellung öffentlich gemacht, sind sie Ergebnis von "Dialog und Diskurs" mit einer Bürgerschaft, deren Meinung zum Seidenweberhaus geteilt ist. Die politische Entscheidung, die im September über Abriss oder Erhalt gefällt wird, soll nach Wunsch der Stadtspitze ein Resultat sein, das "in einem Verfahren gelebter Demokratie" zustande gekommen ist. Doch es ist ruhig um die bürgerliche Gedankenschmiede geworden.

Es bedurfte mehrerer Anrufe im Planungsamt, um zu erfahren, dass es die Werkstatt noch gibt. "Für eine gute Idee ist noch nicht closed shop", versichert der Ansprechpartner der Bürgerwerkstatt, Norbert Hudde, jedoch müsse sie zeitnah eingereicht werden, "weil eine Grundsatzentscheidung in Vorbereitung ist".

Krebber bot auch an, ihr Konzept persönlich vorzustellen. Diesen Vorschlag hat sie vor sechs Wochen gemacht. Eine Antwort hat sie bislang nicht erhalten.

Quelle: RP
 
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