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Krefeld
Von der Angst, erkannt zu werden

Krefeld: Von der Angst, erkannt zu werden
Krefeld. Eine VHS-Ausstellung zeigt Porträtfotos von 20 Flüchtlingen. Da sie fürchten, durch Bilder im Internet in ihrer Heimat erkannt zu werden, verzichten wir auf eine Veröffentlichung der Fotos . Vier Flüchtlinge erzählen hier ihre Geschichte. Von Bärbel Kleinelsen und Maike Ramrath

Vier junge Männer sind gekommen, um über das Leben in ihrer alten Heimat und die Flucht nach Deutschland zu erzählen. Sie sind Teilnehmer eines Gemeinschaftsprojektes von VHS und Integrationszentrum, haben sich im Rahmen dieses Projektes für die Ausstellung "Angekommen in Krefeld" fotografieren und interviewen lassen. Nun steht erneut ein Interview an und die Männer werden unsicher. "Kommt das auch ins Internet?", fragen sie und "Wer liest diesen Artikel alles?". Ihre Fragen, besonders nach dem weltweiten Netz, haben einen ernsten Hintergrund. Bei allen Vieren leben noch Familienangehörige im Geburtsland, kämpfen jeden Tag erneut um ein kleines Stück Normalität, einen Alltag, in dem sie überleben können, ohne zur Waffe greifen zu müssen.

Die Befürchtung der Männer in Krefeld: Würden kritische Kommentare von ihnen im Internet veröffentlicht, könnte sich das kritisierte Regime an den zurückgebliebenen Familienangehörigen bitter rächen. Ein Beispiel für die Härte, mit der korrupte Regierungen gegen ihre Gegner vorgehen, nennt ein 27-jähriger Teilnehmer: "Mein Onkel wurde getötet. Wir wissen, wer es war. Aber die Polizei hat niemanden verhaftet." Um kein Risiko einzugehen, haben wir uns deshalb entschlossen, auf Bilder der Flüchtlinge zu verzichten. Symbolisch für alle steht eine Silhouette im Text.

Inge Röhnelt, Leiterin der VHS, sagt: "Ich glaube, wir alle können uns gar nicht vorstellen, wie es in diesen Ländern zugeht." Sie kennt die Geschichten vieler Flüchtlinge, die in der VHS an den Deutschkursen teilnehmen, und ist trotzdem bei manchen Schilderungen noch immer schockiert. So auch, als der 19-Jährige erzählt, der aus Syrien geflohen ist. "Mein Vater ist Frauenarzt. Als die Islamisten unsere Stadt besetzten, hatte er keine Patientinnen mehr." Inge Röhnelt fragt nach: "Aber was machen die Frauen denn dann?" Der 19-Jährige zuckt mit den Schultern und meint: "Wenn sie Glück haben, werden sie sehr krank und müssen mit dem Krankenwagen in die Türkei gefahren werden."

Wie sein 23-jähriger Landsmann, der ebenfalls bei diesem Gespräch dabei ist, hat er den Traum, nach den Deutschkursen in Krefeld studieren zu können. Beide Syrer flohen, weil sie sonst in der Armee hätten kämpfen müssen, entweder bei Al-Qaida oder der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). "Ich habe in Syrien erst als Krankenpfleger gearbeitet und wollte dann Chemie studieren. Da die Hochschule jedoch von dem IS kontrolliert wurde, hätten sie mich in den Krieg geschickt. So bin ich mit meinem jüngeren Bruder über die Balkan-Route geflohen." Im September 2015 kamen die Brüder nach Krefeld, lebten zuerst in der Josef-Koerver-Halle an der Blumentalstraße und haben nun eine Ein-Zimmer-Wohnung.

Noch immer in der Sammelunterkunft untergebracht sind ein 22-jähriger Kurde und der 19-jährige Syrer. Sie beschreiben den Alltag in der Halle: "Es ist sehr laut und unruhig. Wir können schlecht schlafen oder lernen." Trotzdem freuen sie sich, in Krefeld zu sein: "Es gibt so viele, die uns unterstützen, und dafür sind wir dankbar. Ich würde gerne etwas zurückgeben, die Gesellschaft mitgestalten", sagt der 22-Jährige, dessen Frau sich noch in Griechenland aufhält. Sein größter Wunsch ist deshalb: "Das wir gemeinsam in Krefeld in Frieden leben können." Ein gemeinsames Leben mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen führt bereits ein 27-jähriger Albaner, der eine kleine Wohnung in der Innenstadt hat. Von korrupten Regierungen hat der gelernte Gärtner endgültig genug und freut sich über die Regeln und Gesetze, die in Deutschland für alle gelten. "Ich finde es gut, dass es in Deutschland Demokratie gibt und wir hier sicher leben können. Bald kommt mein zweieinhalbjähriger Sohn in Krefeld in den Kindergarten. Das ist gut, weil es für die Kinder auf der Flucht schon sehr schwer war. Immer der Ortswechsel und die verschiedenen Unterkünfte. Sie sahen richtig krank aus damals."

An einige "Besonderheiten" ihrer neuen Heimat müssen sich die vier jungen Männer noch gewöhnen. Inge Röhnelt sagt schmunzelnd: "Sie müssen zum Beispiel noch verinnerlichen, dass bei uns Frauen und Männer gleichgestellt sind. Ich glaube, dass ist noch nicht bei allen angekommen." Der 27-jährige Vater von zwei Kindern fühlt sich gleich angesprochen und bestätigt: "Ja, bei uns ist zu Hause allein die Frau für die Kinder zuständig." .

Ebenfalls ungewohnt für die Männer ist Krefelds kühles Klima. Der 23-jähriger Syrer erklärt: "Ich komme aus einer Wüstenstadt. Da hatten wir im Sommer bis zu 50 Grad." In einem Punkt sind sich alle vier Männer einig: Sie wünschen sich, dass der Krieg in ihren Heimatländern aufhört und ihre Familien dort endlich wieder sicher leben können.

Quelle: RP
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