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Krefeld
Waldorf-Theater nach umstrittenem Buch

Krefeld. Eine außergewöhnliche Premiere gibt es in der Waldorf-Schule: Die Klasse 12 bringt heute "Nichts" auf die Bühne. Der Jugendroman über eine Gewalt-Eskalation sollte zunächst verboten werden, wurde später mit Preisen ausgezeichnet. Von Petra Diederichs

Ein Stück, dem eine andere Schule Aufführungsverbot erteilt hat, nach einem Roman, den aufgebrachte Initiativen mit dem Argument "Jugendschutz" nach seinem Erscheinen im Jahr 2000 liebendgern verboten hätten - das ist bestes Futter für einen Regisseur. Deshalb war Franz Mestres Neugier geweckt, als die Klasse 12 der Freien Waldorfschule Krefeld die Idee an ihn herantrug, mit ihnen "Nichts" auf die Bühne zu bringen. "Ich war extrem begeistert, als ich es gelesen habe. Hier werden ganz zentrale Themen behandelt, auf ganz berührende, intensive Weise", sagt Mestre. "Worauf kommt es im Leben an? Was hat Bedeutung? Wie weit darf man gehen, um seine Ziele zu verwirklichen?" Die Vorstellung beginnt heute, 20 Uhr, in der Aula der Schule.

Das Stück "Nichts" trägt im Deutschen den Untertitel "Was im Leben wichtig ist" und basiert auf dem Jugendroman der dänischen Autorin Janne Teller, der zunächst als Skandalbuch Dänemark erschütterte und spaltete. Die Autorin (Jahrgang 1964) thematisiert die Sinnlosigkeit des Lebens und die Eskalation von Gewalt: Ein Siebtklässler zieht sich mit der Äußerung "Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun" auf einen Pflaumenbaum zurück. Seine Mitschüler wollen ihn vom Gegenteil überzeugen und errichten einen "Berg der Bedeutung", auf dem sie ablegen, was ihnen wichtig ist. Die Sache läuft aus dem Ruder, nach einigen belanglosen Gegenständen werden nun einschneidende Opfer verlangt: der Goldhamster, die Jungfräulichkeit, schließlich ein Finger. Und dann wird der Berg zum Medienereignis. Ein amerikanisches Museum erklärt ihn zum Kunstwerk und kauft ihn für einen Millionenbetrag. Harter Tobak. "Ja, aber die Dramatisierung von Andreas Erdmann behandelt den Stoff in einem Rückblick, aus einer Distanz von mehreren Jahren. Das schafft eine andere Haltung", sagt Regisseur Mestre, der für die Krefelder Aufführung noch nachjustiert hat. In der theatralen Mischung von Spiel, Erzählen und Bildern sei die Über-Identifikation nicht gegeben. "Wir zeigen keine brutale Gewalt, das Theater hat dafür andere Mittel. Es wäre falsch, Bilder des Grauens auf die Bühne zu bringen. Es gibt keinen Realismus, weil es eine Nacherzählung ist."

Die 17- bis 19-jährigen Mitglieder der Theaterklasse hatten sich gewünscht, das provokative Stück zu spielen, obwohl (oder weil) an anderen Waldorfschulen abgewunken worden war. Über die Furcht vor dem heißen Eisen kann Mestre nur mutmaßen: "Es scheint so, dass die Hauptanklage des Textes, dass Schule nicht mehr in der Lage ist, Werte zu vermitteln, die Angst befeuert, dass das ein Denken in Gang setzt, mit dem man nicht konfrontiert sein mag." Und auch die schweigende Gesellschaft werde kritisiert. Denn niemand interveniert, wenn das, was angeblich von Bedeutung ist, für Geld hergegeben wird. Welches Fingerspitzengefühl das vielschichtige Stück erfordert, ist Mestre bewusst. Auf Publikumsgespräche will er deshalb verzichten, nicht Gefahr laufen, dass "partikuläre Meinungen" eine eigene Dynamik entwickeln. Aber er will darauf hinweisen, dass Gespräche mit ihm und mit den Darstellern nach der Aufführung möglich sind. Denn es werden viele Fragen offen sein.

Janne Tellers Kritiker, die den Roman im Jahr 2000 verbieten wollten, konnten sich nicht durchsetzen. Im Gegenteil: 2001 wurde er mit dem Jugendbuchpreis des dänischen Kultusministeriums geadelt, es folgten weitere Ehrungen, unter anderem der Michael L. Printz Award, ein jährlicher US-amerikanischer Literaturpreis.

Dennoch habe man sich die Frage nicht leicht gemacht, für welche Altersklasse man den Abend freigeben solle. "Der erste Impuls war: ab 16. Aber unter unseren Beleuchtern sind 14-Jährige, die das Stück keinesfalls traumatisiert hat, deshalb ist es für Zuschauer ab 14 frei. Aber letztlich müssen Eltern das immer individuell entscheiden."

"Nichts. Was im Leben wichtig ist": Aufführung heute, 20 Uhr, in der Aula der Freien Waldorfschule, Kaiserstraße 61. Der Eintritt ist frei.

Quelle: RP
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