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Krefeld
Wandern für ein grenzenloses Europa

Krefeld: Wandern für ein grenzenloses Europa
Pilger an der Wallfahrtskirche St. Mariä Himmelfahrt in Marienbaum: Claudia Zeiske und Nick May machten hier Station. Sie sind auf dem Weg nach Krefeld. FOTO: C. Reichwein
Krefeld. Claudia Zeiske und ihr Mann Nick May wandern von Schottland aus, wo sie wohnen, bis nach München, um die Mutter zu besuchen. Ein Marsch gegen den Brexit. Am Wochenende erreichen sie Krefeld. Von Bernfried Paus

Die Wallfahrtskirche St. Mariä Himmelfahrt in Marienbaum ist seit dem Brand vor ein paar Monaten geschlossen. Aber das neugotische Gotteshaus am Jakobsweg von Nijmegen über Xanten nach Köln war eine der ersten Stationen auf deutschem Boden für das Wandererpaar. Claudia Zeiske und ihr Mann Nick May haben sich Anfang Juli in ihrem Wohnport Huntly im Norden Schottlands ihre Rucksäcke auf den Rücken geschnallt und sind losmarschiert. Mit 22 Kilo Gepäck. Nach Tagestouren zwischen 20 bis 50 Kilometer wollen die Wanderer nach rund 1800 Kilometern Ende September am Ziel sein. In Unterpfaffenhofen bei München. Dort, wo die 57-Jährige aufgewachsen ist, möchte sie ihre 86-jährige Mutter Gertraud besuchen. "Von Zuhause nach Zuhause" hat sie ihre Wanderung getitelt. Sie nennt es zwar privates Projekt. Aber es soll auch eine persönliche Kunst-Aktion gegen den Brexit sein. Am Wochenende werden Zeiske und May Krefeld erreichen.

Claudia Zeiske lebt seit Mitte der 80er Jahre auf der Insel und leitet, nach einem mehrjährigen Aufenthalt in den Niederlanden, im 4000-Seelen-Dorf Hutly eine Künstler-Gesellschaft. Sie managt Projekte, die Künstler aus der ganzen Welt in Hutly realisieren - im gesamten Ort, der den Kreativen viel Raum lässt, sich auszudrücken - auf ihre jeweilige Art. "Room to roam" - der kleine Schriftzug steht programmatisch neben dem stilisierten Geweih der Gordon Highlanders unter dem Aufdruck Huntly auf ihrem knallroten T-Shirt, das sie jeden Abend wäscht, um es beim Start zur nächsten Etappe wieder überzustreifen.

Nun nimmt sie sich die Freiheit zu wandern - ohne Zügel für Körper und Geist. Die Karte gibt Orientierung. Das Handy nimmt sie nur zur Navigation im Notfall. "Ich bin auf digitaler Entgiftungstour", sagt sie.

Sie habe eine Auszeit vom stressigen Kunstmanagement genommen. Ihr Arbeitgeber habe sein Okay gegeben und zahlt das Gehalt weiter. Unter einer Bedingung. Sie musste sich ein Projekt ausdenken. So entstand die Idee zur Wanderung, die ein Zeichen setzen will - "gegen den Brexit". Weniger ein politisch motivierter Demonstrationsmarsch als eine Kunst-Aktion für ein "Europa ohne Grenzen". Es sei eine glückliche Fügung gewesen, dass der Weg über Schloss Moyland geführt habe, wo Beuys' Werke gehütet werden wie ein Schatz. "Joseph Beuys ist ein Gott für mich", sagt Claudia Zeiske.

Sie habe von den 7000 Eichen, die der in Krefeld geborene Künstler in der 80ern bei der Documenta in Kassel gepflanzt habe, Eicheln mit auf die Insel gebracht. 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges habe sie zusammen mit einer französischen Künstlerin diese in schottische Erde gelegt, um ein Friedenswäldchen zu pflanzen. Eichenblätter hat sie stets in der Tasche, um auf ihrem "Heimweg" jedem ihrer Gastgeber eines als Zeichen des Friedens zu überreichen. Eine schöne Geste.

Wie selbstverständlich ein Länderwechsel ohne Schlagbaum sein kann, haben die beiden Wanderer fast unbemerkt festgestellt, als sie vor drei Tagen irgendwo zwischen Kleve und Kalkar tief im Reichswald die Niederlande hinter sich gelassen hatten. "Als ich einen Hochsitz entdeckte, wusste ich gleich, dass wir in Deutschland sind", so EU-Bürgerin Zeiske, die unterwegs Schafswolle aufsammelt, um daraus dann Freundschaftsbänder zu spinnen.

Mit ihrem Mann als ständigem Begleiter verstehe sie sich prima - auf Schritt und Tritt. Nur ein einziges Mal hätten sie sich unterwegs bisher gestritten. Weil er sich geweigert habe, ein Foto von ihr mit einer Postkarte zu machen, von der sie ihrer Mutter jeden Abend eine schickt. Und auch die Füße machen bisher klaglos mit. Von Blasen keine Spur. Es läuft alles nach Plan. Die Wanderer, die, wenn sie bei Freunden oder Bekannten übernachten, in der Regel einen Ruhetag einlegen, haben bereits einen Tag rausgeholt. Das niederrheinische Wetter mit Wolken bei Temperaturen um die 20 Grad sei "ideal zum Wandern".

"Es wundert mich, dass hier mehr mit dem Rad als zu Fuß unterwegs sind", sagt die Deutsch-Schottin, die nach der Brexit-Entscheidung froh ist, dass ihre drei Kinder alle einen deutschen und einen schottischen Pass haben. "Aber vielleicht kommt der Brexit ja auch nicht", orakelt Nick May ("wie Theresa") im Schatten der Wallfahrtskirche. Hier darf man auf ein Wunder hoffen.

Quelle: RP
 
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