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Sonderausgabe Krefeld!
Was man von Karl Buschhüter lernen kann

Sonderausgabe Krefeld!: Was man von Karl Buschhüter lernen kann
Karl Buschüter: Sonderling, Architekt, Judenhasser. FOTO: sTADTARCHIV kREFELD; AUS. wALFRIED pOHL. dER kREFELDER aRCHITEKT kARL bUSCHHÜTER
Krefeld. Krefeld hat dem Architekten Karl Buschhüter einige sonderbar schöne Gebäude zu verdanken. Dennoch: An ihn zu erinnern und über ihn nachzudenken, ist ein Weg sich klarzumachen, wofür die Stadt nicht steht. Eine wenig freundliche Annäherung. Von Jens Voss

Bei allen Nachrichten über sein Leben ist es ein Begriff, über den man stolpert: das Wort vom "Lebensreformer". Der Architekt Karl Buschhüter (1872 - 1956) verstand sich nicht nur als Baukünstler, sondern als umfassenden Reformer der Gesellschaft, angeblich im Dienst des Lebens: Er verabscheute das Geld, den Kapitalismus, die Industrie, die Verstädterung der Landschaft, die Wirtschaft überhaupt, und er verabscheute Juden. Seine Lebensreform hatte einen lebensfeindlichen Kern, weil er Juden hasste und Nicht-Deutsche mindestens verachtete.

Das Deutschland seiner Fantasie wäre in die steinzeitliche Selbstversorger-Wirtschaft zurückgefallen, und seine Häuser hätte man ohne die moderne Industriegesellschaft, die er so verabscheute, gar nicht bauen können. Vermutlich hätte das Buschhüter-Deutschland mit dem Deutschland Hitlers nur eines gemeinsam gehabt: Mord und Totschlag an den verhassten Juden. Wenn Buschhüter also bei Wikipedia als "Lebensreformer" bezeichnet wird, dann muss man einfach wissen: Gemeint ist eine Bewegung, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts Anfänge des ökologischen Denkens entwickelte, aber oft mit völkischem Denken und Rassenhass verseucht war. Buschhüter war sogar Impfgegner, weil er eine jüdische Verschwörung witterte: Er fürchtete eine "vorsätzliche Vergiftung mit Impfgiften unseres von Natur reinen Volkes". Buschhüters Seele war vergiftet von wahnerfülltem Hass. Liebe zum Leben sieht anders aus. Karl Buschhüter wurde 1872 in Krefeld als Sohn eines kleinen Angestellten geboren. Er machte eine Lehre in einem Baugeschäft, die man sich als Mischung aus Bauhandwerker- und Bauzeichnerlehre vorstellen muss. Architektur hat er nie studiert; was er darüber wusste, hat er sich später als Bauzeichner in Architekturbüros angeeignet. Der Beruf des Architekten war nicht geschützt. Buschhüter hatte als Architekt in Krefeld zunächst beachtlichen Erfolg: Er baute Wohn-, Miets- und Geschäftshäuser. Einer seiner ersten Bauten war das Haus St.-Anton-Straße 91 - heute bekannt als Buschhüterhaus. Er baute es für seinen Vater und fand dort auch Raum für sein Atelier.

Buschhüter verdarb sich aber auch alles wieder. Er verband seine ohne Zweifel vorhandene Begabung für Architektur mit einem messianischen Sendungsbewusstsein, das heutige fast komisch wirkt und für die Zeitgenossen schwer erträglich gewesen sein muss: ein sich prophetisch gebender Waldschrat, ein aggressiver Öko-Freak - es gibt Fotos von ihm, die ihn mit Rauschebart und Apostelgewand zeigen. So sah er sich als Hohepriester der "sittlichen Einigung" der Deutschen, er sprach von der "Sehnsucht, der Menschheit zeigen zu dürfen, wie man aus neuzeitlichem Geiste wahrhaftig baukünstlerisch schaffen kann", er sah sich als "Künder" eines "neuen Reiches". Und er steigerte sich immer mehr in eine Art Fundamental-Opposition zu seiner Zeit hinein: auch gegen das Christentum, weil es angeblich der sittlichen Einigung des deutschen Volkes entgegenstand.

Buschhüters Lage in Krefeld wurde immer schwieriger. Seine Streitsucht, seine Selbststilisierung zum Öko-Propheten - all das war seinem Geschäftsleben nicht förderlich; er wurde immer mehr zum Außenseiter, verarmte, hungerte teilweise offenbar. Freunde aus der "Lebensreform"-Bewegung unterstützten ihn, so gut es ging. Auch unter der Nazi-Herrschaft wurde es nicht besser. Zwar verband ihn mit den Nazis der Antisemitismus, doch geriet der Sonderling rasch ins Visier der neuen Machthaber - Buschhüter kritisierte auch das neue Regime als fremdländisch unterwandert: "Ihre Architektur ist keine deutsche, sondern eine Wällsche." Wie absurd: Die Nazis waren ihm nicht deutsch genug.

Buschhüters Selbstwahrnehmung als großer Erwecker entsprach eigentlich nie seinen Leistungen. Architektonisch suchte Buschhüter eine eigene Formsprache, wollte den wilhelminischen Klassizismus und den Jugendstil überwinden - was beides nicht gelang. Er schuf ein Stilgemisch, in dem der sogenannte Heimatstil besondere Akzente setzte. Am epochalen Durchbruch in die Moderne, der mit dem Bauhaus oder Namen wie Mies van der Rohe verbunden ist, hat er keinen Anteil.

Auch nach dem Zusammenbruch von Nazi-Deutschland blieb er seiner Linie treu. All das Leid, all die Zerstörung, all die Toten, all die Gräuel und Verbrechen - Worte des Mitgefühls, des Erschreckens sind nicht überliefert. Im Gegenteil: Er sprach vom "großen Reinemachen", hoffte, dass "nichts von dem alten Kram mehr auf der Erdoberfläche bleiben wird". Viele seiner Bauten sind beim großen Bombenangriff auf Krefeld 1943 zerstört worden. Buschhüter bleibt in Erinnerung als ein Begabter, dessen Seele von Hass vergiftet und dessen Herz seltsam fühllos war. Seltsam ist auch: Seine Häuser strahlen oft mehr Wärme aus als sein Denken, weil sie in warmen Farbtönen etwas Erdverbundenes hatten.

So verdankt Krefeld Karl Buschhüter - nichts. Die Stadt ist groß geworden mit Weltoffenheit, mit Zuwendung zum Fortschritt, mit Handel und Wandel und technischen Spitzenleistungen. Die vornehmsten geistigen Traditionen drehen sich um Toleranz, um Humanität der Mennoniten, um künstlerische und kunsthandwerkliche Avantgarde. Krefeld war immer dort sympathisch und erfolgreich, wo es nicht gehasst, sich nicht abgeschottet hat, sondern sich geöffnet hat für das Neue. Das ist die Lektion, die man aus dem seltsamen Leben und Denken Karl Buschhüters lernen kann.

Quelle: RP
 
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