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Analyse Seidenweberhaus
Was tun mit Krefelds teuerster Pinkelecke?

Analyse Seidenweberhaus: Was tun mit Krefelds teuerster Pinkelecke?
Wer über das Seidenweberhaus nachdenkt, denkt über den Theaterplatz nach - heute werden in Krefelds erster Bürgerwerkstatt Ideen für die Zukunft des Ensembles gesammelt. Rund 120 Bürger haben sich angemeldet; sie werden heute von Oberbürgermeister Frank Meyer begrüßt sowie von Planungsdezernent Martin Linne und Planungsamtsleiter Norbert Hudde durch den Tag begleitet. FOTO: Heitkamp
Krefeld. Fast auf den Monat genau 40 Jahre nach der Eröffnung des Seidenweberhauses im Januar 1976 tagt heute Krefelds erste Bürgerwerkstatt, um Ideen für die Zukunft des Theaterplatzes zu sammeln. 120 Bürger haben sich angekündigt. Erinnerungen an das traurige Schicksal eines Gebäudes, das ein schicker Neuanfang sein sollte. Von Jens Voss

Zu den abenteuerlichsten Geschichten, die über den Bau des Seidenweberhauses zu hören sind, gehört diese: Angeblich wurde dem Rat Anfang der 70er Jahre ein Modell des Theaterplatzes gezeigt, bei dem das Seidenweberhaus nicht maßstabsgetreu, sondern kleiner nachgebaut war - Ziel der Manipulation: Die Kommunalpolitiker sollten über die wahren Ausmaße des Komplexes getäuscht werden.

Auch heute wuchern Gerüchte im Unterholz der Debatte um dieses Haus, das ästhetisch und bautechnisch als überholt gilt. So kursieren bei Ratsmitglidern Befürchtungen, die Verwaltung könnte die Kosten für die Sanierung künstlich hochrechnen, um einen Neubau plausibel erscheinen zu lassen.

Auch wenn sie ins Reich der Fabel gehören, sind solche Gerüchte aufschlussreich für die Realität: Das Seidenweberhaus gilt manchem als so missraten, dass man sich fragt, wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Doch aus dem Lebensgefühl der 70er Jahre gesehen ist das so verwunderlich nicht, im Gegenteil. Das Seidenweberhaus folgte seinerzeit einer völlig neuen Struktur: Das Gebäude verstieß geradezu kokett gegen die Erwartungen an ein klassisches Haus - vier Wände, Eingang vorn - und formulierte so etwas wie ein Programm der Moderne. Das war Ende der 60er Jahre plausibel. Die Stadt wollte die Nachkriegsepoche beenden: Neuanfang statt Wiederaufbau. Und diese nach vorn gerichtete Lebenslust suchte neue Formen des Ausdrucks.

Vor aller Kritik an der Architektur muss nun eine andere Geschichte erzählt werden: die vom Versagen des Staates in Form der Stadt. Das Seidenweberhaus ist preisgeben worden. Wer heute den Durchgang von der St.-Anton-Straße benutzt, geht durch eine Wolke aus Uringestank; wenn er Pech hat, hocken dort im Dunkeln Drogenabhängige, die Rauschgift verkaufen oder nehmen und Schutz und Deckung vor dem Wetter und dem Licht des Tages suchen. Uringestank hat einen früher bis in die Tiefgarage begleitet, Uringestank stieg aus den Treppenaufgängen hoch, Uringestank hing auch auf dem Weg in die Veranstaltungshalle im oberen Stock.

Das alles ist leidlich besser geworden, immerhin, auch wenn es Jahrzehnte gedauert hat: Die Tiefgarage ist besser geschützt, die Treppenabgänge sind abgekapselt, im Treppenhaus nach oben weht künstlicher Zitrusduft.

Der Durchgang aber ist immer noch eine Höhle aus Schmutz und Pisse, und immer noch bietet das Haus an seinen Rändern jenen, die sich mit Drogen ruinieren, Unterschlupf bei Wind und Wetter. Zur Wahrheit dieses Hauses gehört eben: Stadt und Politik haben es Jahrzehnte im Stich gelassen. Wir würden heute eine andere, freundlichere Debatte führen, wenn das Haus im Außenbereich stets sauber und gepflegt gewesen wäre.

Vielleicht hätte man diesen fürchterlich verpesteten Durchgang längst schließen, alle Unterstände und Deckungsmöglichkeiten samt Blumenbeeten tilgen müssen, um klarzumachen: Das Haus gehört seinen Gästen und sonst niemandem. Aber nein, es fehlte an Wille und Vorstellung, vielleicht an Geld - obwohl Nachbesserungen in den Anfängen nicht so viel gekostet hätten -, und all das nach Urin stinkende Nichtstun war begleitet von einer Polizei, die beharrlich und gegen das Empfinden der Bürger wieder und wieder sagte: Kein Kriminalitätsschwerpunkt. Sicher, Mord und Totschlag gab und gibt es dort gottlob nicht. Den Angstgefühlen von Passanten stehen kaum reale Untaten gegenüber. Unterm Strich ging es um öffentliches Eigentum, das verkam. So nahm das traurige Schicksal des Seidenweberhauses seinen Lauf: Das Haus, das sich einst als Ort für Kunst und Spiele träumte, wurde zu Krefelds größter Pinkelecke.

Zum äußerlichen Niedergang gesellten sich im Laufe der Jahre auch fachliche Kritik und wachsende Unzufriedenheit mit der städtebaulichen Verortung des Hauses. Bündig formuliert wurde diese Kritik in einer Expertise des Gestaltungsbeirates. Dieses 1990 gegründete Gremium aus Fachleuten gibt Empfehlungen für Verwaltung und Rat bei Projekten, die auf das Stadtbild erheblichen Einfluss ausüben. Ihre Expertise zum Seidenweberhaus lautet: Abriss und Neubau eines Anti-Seidenweberhauses, das die Schwächen des Gebäudes und seiner Platzierung im städtebaulichen Kontext nicht wiederholt.

Mal sehen, ob in der Bürgerwerkstatt andere Ideen geboren werden.

Quelle: RP
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