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Krefeld
Wenn Autos im Rhein baden gehen

Krefeld: Wenn Autos im Rhein baden gehen
Da wunderten sich die Spaziergänger: Die Binnenschiffer trafen am Samstag in Höhe Krefeld auf Automobile, die durch den Rhein schwammen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. In den 1960-ern floppte das schwimmende Cabrio Amphicar. Umso seltener und teurer sind die Schwimmwagen heute. Von Otmar Sprothen (Text) und Thomas Lammertz (Fotos)

Nach einem prüfenden Blick zum Himmel öffnet Heinz-Jürgen Jannek das weiße Verdeck seines Amphicars wieder, dessen Knöpfe er zuvor mit Hilfe seiner Frau wegen des Nieselregens geschlossen hatte. Bis zur Kaffeepause in Duisburg, vielleicht auch bis zum Tagesziel in Orsoy, ist wohl kein Regen mehr zu erwarten. Der Beckumer gehört zu den wenigen Wetter-Optimisten der knapp 30 Amphicar-Fahrer, die sich in langer Reihe auf der breiten Slipanlage der Kanu-Abteilung des Sportvereins Bayer 05 an der Bataverstraße zur ersten Wasserfahrt aufgestellt haben, die rheinabwärts bis Orsoy führen soll. Wie für andere Wassersportler spielt das Wetter auch für Schwimmwagen-Fahrer eine wichtige Rolle. Erstmals sind die Aktiven des Amphicar-Clubs Berlin von 1967 zu ihrem traditionellen Pfingsttreffen in Krefeld zusammen gekommen, das Peter Vranken, der einzige Krefelder Amphicar-Fahrer, perfekt vorbereitet hat. Der Berliner Schwimmwagen-Club vereint Amphicar-Begeisterte aus allen Teilen Deutschlands, erstmals sind auch Teilnehmer aus der Schweiz und Italien dabei. Das Pfingsttreffen ist eines von drei Jahrestreffen des Clubs.

Während eines kurzen Skipper-Meetings, in dem Vranken noch mal auf die Besonderheiten der alten Nato-Rampe in Duisburg hinweist, über die die Schwimmfahrzeuge für die Kaffeepause ihrer Besitzer später an Land fahren sollen, bezieht das Boot der DLRG draußen auf dem Rhein Stellung. Dann rollen die in leuchtendem Rot, Blau, Grün und Weiß lackierten hochbordigen Amphicars mit ihren markanten Heckflossen langsam dem Wasser zu, während die beiden Heckschrauben aus Polyamid bereits langsam andrehen. Manche haben auf der Heckklappe einen Rettungsreifen aufmontiert. Mit einem herzlichen "Auto Ahoi!" verabschieden die Zuschauer den ungewöhnlichen Corso. Beim Erreichen der Wasserlinie taucht der Vorderwagen tief ein, dann fällt das Heck klatschend auf das Wasser, die Schrauben drehen auf, und mit einer breiten Bugwelle strebt das Amphicar dem Fahrwasser zu, wo es mit den anderen Schwimmwagen eine langgezogene bunte Reihe bildet, wie sie dieser Abschnitt des Rheins noch nicht gesehen hat.

Die Mitglieder des Amphicar-Clubs Berlin von 1967 versammelten sich zu ihrem traditionellen Pfingsttreffen in Krefeld. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Eingefleischte Segler bespötteln laute und nervige Motorboote als Wasserautos. Die schnuckeligen Amphicars, als zweisitziges Cabrio mit einer hinteren Notsitzbank für weitere zwei Personen ausgelegt, verbinden auf perfekte Weise Auto und Wasserfahrzeug. Die Antriebswelle des vom Triumph Herald stammenden Reihenvierzylinders mit 1147 Kubikzentimetern und einer auf die Hinterräder übertragenen Leistung von 38 PS läuft durch je ein viergängiges Land- und ein Wassergetriebe mit je einem Gang für Vorwärts- und Rückwärtsfahrt. Gelenkt wird der Schwimmwagen auch im Wasser über die Vorderräder. Für seine Zulassung als Wasserfahrzeug erhielt das Amphicar eine voll abgedichtete Karosserie aus 1,5 Millimeter dickem Stahlblech mit doppelten Türdichtungen und einer Lenzpumpe, die eindringendes Wasser wieder zurück befördert. Vorne auf der Haube befinden sich Backbord- und Steuerbordlicht und die Signalhupe. Der mitgeführte Anker kann vom Fahrerfenster aus bedient werden. Das mehrere Meter lange Seil, an dem um die 10 Meter Kette hängen, liegt griffbereit auf der Haube. Als Auto der 1960-er Jahre muss der Schwimmwagen häufig abgeschmiert werden. Nach fünf Betriebsstunden wollen zehn Schmiernippel alleine unter der Rückbank mit Fett versorgt werden, insgesamt sind es mehr als 30. Da bei der geringen Produktionsstückzahl für das Amphicar kein Kundendienstnetz aufgebaut werden konnte, sind es die Eigner des Oldtimers gewohnt, selber zu Fettpresse und Werkzeug zu greifen. Manche Enthusiasten dengeln ihre Karosserieteile sogar eigenhändig. An Land benötigt der Amphicar-Fahrer den normalen Führerschein, auf dem Wasser den Amtlichen Sportbootführerschein Binnen. Je nach Fahrweise verbraucht der Schwimmwagen an Land rund zehn Liter Sprit auf 100 Kilometer. Auf dem Wasser sind es je nach Fahrweise drei bis zwölf Liter.

Ihren persönlichen Zugang zum Amphicar finden die Clubmitglieder sowohl von der Land- wie von der Seeseite. Heinz-Jürgen Jannek hatte sich zuvor vom Kanadier über ein Schlauchboot bis zum Kajütsegelboot hochentwickelt. Mit dem Amphicar wollte er nun auf etwas Ausgefalleneres überwechseln. Peter Vranken hatte nach einem ungewöhnlichen Cabrio Ausschau gehalten. Dass das hochbordige, über eine Tonne schwere Amphicar nur eine Spitze von 120 Stundenkilometer schafft und weder als Auto noch als Boot so richtig perfekt wirkt, hat keine Bedeutung gegenüber dem Kultstatus, den die letzten knapp 500 überlebenden Amphicars genießen. Je nach Erhaltungszustand kostet ein Amphicar heute leicht mehr als 60000 Euro, und die Preise ziehen in Jahresschritten weiter an. Das ist viel Geld für ein Fahrzeug, das ursprünglich 10500 Deutsche Mark kostete und am Ende seiner Produktion im Jahre 1963 sogar für 5000 DM zu haben war.

Ein Ausflug in den Rhein gehörte zum Programm und begeisterte Teilnehmer und Zuschauer gleichermaßen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Quelle: RP
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