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Krefeld
Wenn es nur noch mit Alkohol geht

Krefeld. Im September begeht die Gruppe der Anonymen Alkoholiker in Krefeld ihr 50-jähriges Bestehen. In der Gemeinschaft können sich Leidensgenossen auf Augenhöhe und in vertraulicher Umgebung begegnen. Von Martin Heuchel

1967 trafen sich Bürger aus der Region erstmals im Jugendheim an der Hofstraße unter dem Prinzip der Anonymität, um ihre Alkoholsucht gemeinsam zu bewältigen. Großer Zulauf ließ die Gruppe schnell anwachsen. Heute - 50 Jahre später - gibt es bei den Anonymen Alkoholikern in Krefeld feste Strukturen: Jeden Tag in der Woche trifft sich eine Gruppe. Hier wird Alkoholsucht nicht als Charakterschwäche ausgelegt, sondern als ernste Krankheit behandelt. Die Veranlagung ist tief im menschlichen Belohnungssystem verwurzelt, oft reicht ein Bild mit Zusammenhang zum Alkoholkonsum, um die Rezeptoren im Gehirn anzuwerfen.

"Wir begegnen uns frei von Vorurteilen, jeder hat die Möglichkeit, seine eigenen Erfahrungen weiterzugeben oder den anderen einfach nur zuzuhören.", erzählt der Sprecher des Öffentlichkeitsarbeitsteams der Region Mönchengladbach-Krefeld, der nach dem Prinzip der Gruppe ungenannt bleiben möchte. Kommentare oder Widerspruch gebe es nicht. In der Runde ist ein vertrauensvolles und ernsthaftes Miteinander selbstverständlich; Vertraulichkeit ist verpflichtend.

Naturgemäß möchte die Gruppe Neuen den Einstieg möglichst einfach machen: "Neulinge genießen das erste spontane Rederecht, sie können jederzeit ihre Erfahrungen mit der Gruppe teilen". Dennoch sei eine gewisse Scheu zu Beginn nicht unverständlich. Er selbst habe bei seinem ersten Treffen eine Gruppe außerhalb seines direkten Umfelds besucht. "Ich wollte in meiner eigenen Umgebung nicht in eine Schublade gesteckt werden", erklärt der Sprecher. Heute wisse er aber, wie unbegründet diese Sorge gewesen ist.

Seine Sucht habe sich ab den 1980er Jahren immer wieder in unterschiedlich langen und intensiven Trinkphasen bemerkbar gemacht. "Ich hab in dieser Zeit nicht immer täglich getrunken. Trocken oder gesund bin ich über Jahre aber eigentlich nie gewesen.", sagt er über sich selbst. Getrunken habe er heimlich zu Hause und bei Feierlichkeiten, wo das Trinken dazu gehörte und "vermeintlich" nicht auffiel.

Wie bei vielen anderen sei der Druck bei ihm nach längeren Trinkphasen von der Seite seiner Partnerin ausgegangen. Als die Trennung plötzlich im Raum stand, sei er endlich aktiv gegen seine Sucht vorgegangen. Eine achtwöchige Therapie habe ihm vor neun Jahren nach dieser langen Verdrängungsphase dann die Augen geöffnet.

"Der Schalter muss letztlich freiwillig umgelegt werden. Irgendwann ist die Einsicht gekommen, dass ich nicht aufhören muss, sondern selbst aufhören will." Danach gibt es verschiedene Strategien das gesetzte Ziel auch zu erreichen. "Wenn ich auf Feiern angesprochen werde, warum ich nicht trinke, sage ich, dass ich mein Lebensquantum Alkohol schon hinter mir habe. Dann kommen die meisten von selbst drauf."

Auch nach langer Abstinenz ist die Gruppe für ihren Sprecher noch eine wichtige Stütze. "Es gibt einige, die kommen eine Weile zu uns und denken dann, dass sie das nicht mehr brauchen." Seiner Meinung nach sei das aber ein Fehler. Die Erfahrung bestätige dies. Wer nach langer Trockenphase rückfällig wird, für den sei es extrem schwierig, einen Neuanfang zu starten. "Die regelmäßigen Besuche sind für mich deshalb eine Art Lebensversicherung.", sagt er ernst.

Das Jubiläum der Anonymen Alkoholiker wird am Samstag, 9. September, mit einer Informationsveranstaltung begangen. Ab 15 Uhr lädt die Gruppe Interessierte (nicht nur Betroffene) in das Berufskolleg Glockenspitz ein. Nach einer Begrüßung durch den Sprecher der Anonymen Alkoholiker, wird ein Teilnehmer über Ursprung, Inhalt und Bedeutung der Gruppe referieren. Anschließend gibt es die Möglichkeit, der persönlichen Lebensgeschichte von einem der Mitglieder zu folgen. Zum Abschluss hält Dr. Helmut Eich, Chefarzt am Alexianer Krankenhaus, einen Vortrag zum Thema, bevor bei einem Diskussionsforum persönliche Fragen gestellt werden können.

Das Jubiläum wird auch als Teil der Öffentlichkeitsarbeit bei den Anonymen Alkoholikern angesehen. "Das ist sehr wichtig. Wir versuchen, das Programm in verschiedene Bereiche der Öffentlichkeit zu tragen, damit jeder überhaupt die Möglichkeit hat, mit Hilfe versorgt zu werden."

Quelle: RP
 
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