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Krefeld
Wie Arbeitnehmer ihre Zukunft im Beruf bewerten

Krefeld. "Es herrscht anscheinend die Sorge, dass Dinge auf die Menschen zukommen, die sie nicht mehr steuern können", sagt Hochschul-Professor Alexander Cisik. Von Angela Rietdorf

Digitalisierung ist das Zauberwort, das die Arbeitswelt von morgen prägt. Ein volltönendes Schlagwort, das alles und nichts bedeuten kann. Deshalb ist es gut, dass Alexander Cisik, Professor für Wirtschafts-, Organisations- und Arbeitspsychologie an der Hochschule Niederrhein, erst einmal respektlos beginnt. Ja, die Gesellschaft sei im Umbruch, aber: "Analoger Mist bleibt auch digitaler Mist." Und aus analogem Stroh werde kein digitales Gold.

Dennoch hat der Hochschullehrer dem reichlich herbei geströmten Publikum viel zu sagen zu den Trends, die die zukünftige Arbeitswelt bestimmen werden. Das Kompetenzzentrum Frau & Beruf Competentia NRW hatte gemeinsam mit Wirtschaftsförderung, Hochschule, Bundesagentur für Arbeit und Jobcenter zur Veranstaltung "Arbeiten und Führen im digitalen Zeitalter" eingeladen.

Das Spannende: Wirtschaftspsychologe Cisik spekuliert nicht vor sich hin, sondern hat gerade eine Studie abgeschlossen, in der Mitarbeiter von Unternehmen 30 von ihm aufgestellte Thesen über den Wandel der Arbeitswelt nach Wahrscheinlichkeit bewerten. Außerdem geben sie an, ob sie die Veränderung positiv oder negativ einschätzen. Da die Studie erst Anfang März abgeschlossen wurde, sind ihre Ergebnisse hochaktuell. Sie zeichnen ein faszinierendes, aber auch zwiespältiges Bild der Zukunft.

Die Befragten sind sich einig, dass der technische Fortschritt das Leben extrem beeinflussen wird. Dass vermehrt Freiberufler und Selbstständige in immer kürzeren Zyklen und wechselnden Projekten arbeiten werden. Dass die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben immer stärker verschwimmen werden. Aber gerade letzteres, was häufig als bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschworen wird, wird kritisch gesehen. "Es herrscht anscheinend die Sorge, dass Dinge auf die Menschen zukommen, die sie nicht mehr steuern können", stellt Cisik fest. Die Vielfalt der Wahlmöglichkeiten überfordere. "Das ist wie mit der Speisekarte im Lieblingsrestaurant, die vierzig Gerichte umfasst, auf der man aber immer nur das Gleiche sucht", sagt er.

Die gerade so angesagten Open Space-Büros, bei denen die Mitarbeiter keine eigenen Schreibtische mehr haben, alles durchdesignt und gläsern-transparent ist, werden ebenfalls eher kritisch gesehen. "Es gibt keine Privatsphäre und keine Rückzugsmöglichkeiten mehr, man wird permanent gestört", sagt der Referent. "Und es gibt auch keine Belege, dass Open Space die Leistung verbessert."

Weitere Veränderungen werden von den meisten Befragten als sehr wahrscheinlich eingeschätzt: Die Menschen werden nicht mehr an festen Orten arbeiten, sie werden nach dem Erreichen von Zielen bezahlt, Persönlichkeit und Erfahrung bedeuten mehr als Ausbildung und Noten. Selbststeuerung ersetzt die Führung. Die meisten sind der Ansicht, dass die Arbeitsleistung in Zukunft höher sein wird, die Unternehmen damit erfolgreicher. Bei der Arbeitsmotivation aber sieht man schwarz: Sie wird nicht höher sein, und die Menschen werden sich nicht wohler fühlen, meinen viele der Befragten. "Wenn wir nicht aufpassen, gewinnt die Wirtschaft, aber der Mensch verliert", sagt Cisik in seinem Fazit. Allerdings liegen auch große Chancen in der Entwicklung. "Die Mitarbeiter entwickeln sich von Arbeitnehmern zu Operating Partnern, die Vorgesetzten werden zu Managing Partnern", sagt der Wirtschaftspsychologe. "Sie müssen aber weiterhin Orientierung bieten und eine Vertrauens- und Wertekultur leben."

Quelle: RP
 
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