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Krefeld
Wie ein Stück über Flüchtlinge entsteht

Krefeld: Wie ein Stück über Flüchtlinge entsteht
Krefeld. Im Auftrag des Stadttheaters schreibt der Krefelder Hüseyin Michael Cirpici gemeinsam mit Lothar Kittstein ein Theaterstück zur Zeitgeschichte über die Ströme der Zuwanderer. Premiere von "Kein schöner Land" ist am 28. Mai. Von Petra Diederichs

Die Begegnung mit einem zwölfjährigen Jungen hat Hüseyin Michael Cirpici die Augen geöffnet: "Der Junge sprach kein Deutsch, er hielt mir einfach sein Handy hin." Zu sehen war ein einminütiges Video, das den Jungen mit Schwimmweste in einem überfüllten Boot mitten auf dem Meer zeigt. Bilder, die alle aus dem Fernsehen kennen, waren hier plötzlich ganz unmittelbar: "In dem Moment wurde mir klar, das ist real. Diese Menschen sind jetzt hier."

Hüseyin Michael Cirpici (48) ist in Krefeld geboren und aufgewachsen. Sein Vater war als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen. Nach dem Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart arbeitete Cirpici zunächst als Schauspieler, wechselte dann zum Radio, schreibt inzwischen Stücke und führt Regie. In Krefeld war er erstmals mit seinem preisgekrönten Theaterprojekt "Das Dorf" zu sehen - auch ein Migrationsthema. Als das Theater ihm den Auftrag für ein Stück mit dem Arbeitstitel "Lampedusa" erteilte, holte er Lothar Kittstein (geboren 1970 in Trier) ins Boot. "Wir wussten am Anfang ganz wenig, nur dass das Stück von dem erzählen sollte, was hier in Deutschland passiert", erinnert er sich.

"Lampedusa" hatte sich als Titel schnell erledigt. Die Balkanroute wurde aktuell, dann Angela Merkels Botschaft "Wir schaffen das" und die nicht mehr abebbenden Ströme von Menschen, die vor dem Krieg aus ihrer Heimat flüchteten. Und schließlich Silvester in Köln. Für die beiden Autoren war da längst klar, dass sie nicht die schicksalsschwere Geschichte eines einzigen Geflüchteten erzählen wollten. "Es ist ein Thema in Bewegung. Was wir heute entscheiden, ist morgen schon anders." In Begegnungsstätten, in Flüchtlingsunterkünften und über Bekannte organisiert, führten sie etwa ein Dutzend Interviews und Gespräche, hörten schockierende Geschichten, wie die eines Mannes aus dem Irak, der als Kind von der Militärpolizei mit dem Schulbus gestoppt und in ein Stadion geführt worden war. Dort wurden die Schüler Augenzeugen von Hinrichtungen. Solche Geschichten brennen sich ein. Und wenn sich aus den unterschiedlichen Erlebnissen auch ein Muster abzeichnet, so war beiden Autoren bewusst: Jeder Mensch hat seine Geschichte, seine Fluchtgründe, seine Fluchtroute. Deshalb soll das Stück ein Kaleidoskop sein, das vieles zeigt und die Stimmung deutlich macht. "Wir wollen kein Klagelied der ertrinkenden Flüchtlinge anstimmen, sondern von Ängsten und Hoffnungen erzählen, auch von den Problemen in Deutschland", sagt Kittstein. Weder die Begrüßungsteddybären von München, noch die Eskalationen in Sachsen oder die Überfälle in Köln werden gezeigt. "Aber sie sind atmosphärisch spürbar", so Cirpici. Das Stück wird nun den vieldeutigen Titel "Kein schöner Land" tragen. Und er passt auch zum Plot, von dem Cirpici und Kittstein noch nicht allzu viel verraten wollen. Nur so viel: In einer Zeitung stolperten sie über eine Meldung aus Bayern. Dort probte ein Chor im Gemeindehaus, als ein Schwarzafrikaner auftauchte, sagte, er sei Flüchtling und bat, mitsingen zu dürfen. Verdutzt hatte zunächst niemand gewusst, wie er reagieren sollte. Inzwischen ist der Nigerianer der Star des Tegernseer Chores. Diese Szene wird Ausgangspunkt sein für das Theaterstück. "Wenn wir auch von dokumentarischen Methoden reden, ist eines wichtig: Es ist eine literarische Bearbeitung des Themas. Das Tempo von Politik ist ein anderes als das von Literatur und Theater", betont Dramaturg Martin Vöhringer. "Wir hecheln keinen Ereignissen hinterher. Wir stellen die gleiche Frage wie seit 2000 Jahren: Wie reagiert der Chor auf den Fremden?"

Quelle: RP
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