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Andreas Simon
Wie Hip Hop Lust auf Zeitgenössischen Tanz macht

Andreas Simon: Wie Hip Hop Lust auf Zeitgenössischen Tanz macht
Andreas Simon sagt: "Da im Tanz nicht geredet wird, denken viele, diese Kunstform habe nichts zu sagen. Viele erkennen nicht, dass das Wie mehr aussagt, als das Was." FOTO: Ludger f.J. schneider
Krefeld. Der Choreograf und Tänzer Andreas Simon bietet zum Festival "First Steps" einen Workshop an, in dem der Zeitgenössische Tanz auf Hip Hop trifft. Jugendliche sollen aus beiden Genres einen neuen, eigenen Stil kreieren.

Andreas Simon ist Choreograf und Tänzer. Er produziert seit Jahren Tanz- und Theaterstücke mit Kindern und Jugendlichen. Simon arbeitet gern ortsbezogen, wie jüngst in seiner Performance am Stadtwaldweiher "Wahrscheinlich Wintermond". In seinem Workshop "Manhattan & Bronx" beim Festival "First Steps", der Bühne für jungen Zeitgenössichen Tanz, begegnen sich zwei Tanzstile, die ihre Ursprünge in den 1960er Jahren haben, jedoch selten gemeinsam auf der Bühne zu sehen sind: Zeitgenössisches und Hip Hop.

Warum sollten Kinder heute Zeitgenössischen Tanz lernen?

Andreas Simon (lacht) Gleich die schwere Frage zu Beginn. Ich unterrichte Zeitgenössischen Tanz an Schulen. Da habe ich freie Hand. Im Gegensatz zu anderen Fächern gibt es kein Curriculum. Die Freiheit gibt den Kindern und mir die Chance, etwas Eigenes zu kreieren, und das ist gleichzeitig das Spannende am Zeitgenössischen Tanz.

Was hat Sie dazu gebracht, Kinder in Zeitgenössischem Tanz zu unterrichten?

Simon Tanz fängt immer als Kind an. Für einen Tänzer bin ich schon ein alter Mann. Irgendwann hat sich die Arbeit auf der Bühne verschoben zum Tanz mit Erwachsenen und Kindern. Ich wollte nie nur Schrittfolgen beibringen, sondern schon bei meiner Sache bleiben, die ich unterrichte und habe dann geguckt, welche Klientel ich erreiche. In Krefeld haben mich Nachbarskinder gefragt, ob ich ihnen für ein Fest einen Vampirtanz beibringen kann. Daraus ist eine feste Gruppe geworden, die ich zehn Jahre unterrichtet und begleitet habe. Das war die Initialzündung.

Wie sieht Tanz als Unterrichtsfach an Schulen aus?

Simon Ich gehe nicht mit dem Anspruch in den Unterricht, das möchte ich am Ende mit den Schülern erreichen. Wir begegnen uns mit Neugierde. Ich stelle etwas von meinen Sachen vor und möchte dann etwas von den Schülern sehen. Ich frage die Schüler, was sie interessiert, was interessiert dich konkret an der Stadt, in der du lebst? Es ist ein Prozess, nichts steht von Anfang an fest. Ich frage die Kinder, was ist das Schnellste, was du kannst? Was ist das Langsamste? Was ist das Weiteste? Was ist das Engste? Es sind klare Aufgaben, aber ich gebe nicht immer die Form vor. Ich möchte Alternativen anbieten, umzuschauen, in welche Richtung sie sich entwickeln. Jedes Alter hat sein eigenes Tempo, ein elfjähriger Junge bewegt sich anders als ein 16-Jähriger. Das ist sehr spannend zu beobachten.

Was bringt die Zusammenarbeit mit dem Hip-Hop-Tänzer und Performer Majid Kessab?

Simon Zunächst werde ich mit den Kindern Bewegungsinseln bauen. Es wird Raumbereiche geben, wo es um Schnelligkeit, Zeitlupe, Partnerarbeit und Präzision geht. Das ist der zeitgenössische Teil. Dann guckt sich mein Kollege an, wie daraus eine Hip-Hop-Choreografie gebaut werden kann. Zeitgenössischer Tanz bekommt eine Hip-Hop-Schablone. Das ist der erste Block. Im zweiten Block wird es eine Hip-Hop-Kombination geben, die zeitgenössische Parameter bekommt. Ich arbeite das erste Mal mit einem Hip-Hop-Tänzer zusammen. Uns geht es nicht nur um die Annäherung der beiden Tanzstile, sondern darum, etwas Drittes zu schaffen. Wir geben den Kindern das Handwerk, eine Tanzkombination selber für sich umzubauen. Ich bin ein Freund davon, dass Kinder sich ihren eigenen Tanz bauen dürfen.

Die Altersspanne zwischen zehn und 18 Jahren ist ungewöhnlich breit gefasst. Warum?

Simon Öffnen ist das Lösungswort. Wir öffnen den Zeitgenössischen Tanz der Hip Hop- Kultur und umgekehrt. Und öffnen auch die Altersgrenzen. Wer pusht wen? Das gegenseitige Beeinflussen von positiven Eigenschaften, die jede Altersklasse hat, ist gewollt. Also: Flink wie ein Elfjähriger, überlegt wie ein 16-Jähriger und die Geschicklichkeit eines 18-Jährigen - von allen etwas nehmen, um sich dann etwas Neues zusammen zu bauen ist Motto dieses Workshops.

Wie gehen die Kinder mit dieser Freiheit um?

Simon Manchmal dauert es ein Vierteljahr, bis die Kinder mit dieser Freiheit zurechtkommen. Es geht um den ersten Impuls, den die Kinder haben, bei uns gibt es kein falsch oder richtig. Es darf sowohl Angst ihren Raum haben, wie auch Wut. Viele Tänze sind aus Wut gespeist. Ursprünglich ist Hip Hop ein Tanz, der aus Wut entstanden ist. Emotionen dürfen sein, ich muss dann schauen, dass das nicht übergreift und gegebenenfalls räumlich trennen.

Wie definieren Sie Zeitgenössischen Tanz?

Simon Im Zeitgenössischen Tanz geht es um die Generierung von Bewegung. Wie entsteht Bewegung in Auseinandersetzung mit einem konkreten Thema? Ich mache Zeitgenössischen Tanz für Kinder. Wir gehen zum Beispiel in die Stadt und fragen, wem gehört die Stadt? Ist ein Parkplatz, den ich mir miete, auch als Nichtautofahrer mein gemieteter Platz? Mit ihren gekauften Parktickets haben die Kinder dann den Parkplatz betanzt. Sie hatten sich diesen Raum als Tanzplatz erkauft und die Autofahrer mussten wieder umkehren. Den Kindern wird klar, dass Tanz mehr ist, als eine Anreihung von Bewegung. Auch wenn das genügen würde. Im Tanz geht es viel ums Ausprobieren, die Reflektion kommt später. Tanz ist auch Persönlichkeitsentwicklung und damit auch eine ganzheitliche Sache.

Was sollen die Schüler aus diesem Unterricht mitnehmen?

Simon Viele erinnern sich, wenn sie das nächste Mal ein Tanz- oder Theaterstück sehen, und sie sagen dann, "ich hatte schon einmal so einen Typen, bei dem habe ich so etwas gemacht - das ist Tanz". Wenn die Kinder das diskutieren, haben wir schon ganz viel gewonnen.

Sie haben einen Wunsch frei: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Zeitgenössischen Tanzes?

Simon Ich hätte gerne, dass die Wertigkeit von Tanz selbstverständlich wird. Unter den darstellenden Künsten steht der Tanz ganz unten. Das sieht man daran, dass die Sparte an Theaterhäusern immer als erste gestrichen wird. Da im Tanz nicht geredet wird, denken viele, diese Kunstform habe nichts zu sagen. Viele erkennen nicht, dass das Wie mehr aussagt, als das Was. Die Vernetzung bei Programmen wie "First Steps" ist deshalb sehr wichtig, sie schafft eine Präsenz des Tanzes innerhalb der Stadt. Es wird viel getanzt in dieser Stadt, aber an vielen unterschiedlichen Orten. Tanz hat eine gesellschaftliche Substanz, die für uns alle viele Schätze birgt.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE ISABEL MANKAS-FUEST

Quelle: RP
 
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