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Serie Menschen Für Gesundheit
Wie man eine Zunge rekonstruiert

Serie Menschen Für Gesundheit: Wie man eine Zunge rekonstruiert
Professor Dr. Stephan Remmert (l.) mit seinem Patienten Armin Gaidt. Gaidt hatte einen Zungentumor, Remmert hat seine Zunge so rekonstruiert, dass Gaidt heute normal leben kann. FOTO: Bianca Treffer
Krefeld. Die HNO-Klinik des Malteser Klinikums Rhein-Ruhr, Standort St. Anna, ist überregional bekannt. Ihr Chefarzt ist Professor Stephan Remmert, der Konstrukteur des in Fachkreisen berühmten Muskellappens nach Remmert. Von Bianca Treffer

Die Freude bei der Begrüßung ist auf beiden Seiten groß. Armin Gaidt strahlt genauso wie Professor Dr. Stephan Remmert. Wobei sich bei Gaidt tiefe Dankbarkeit in der Stimme widerspiegelt. "Ohne Professor Dr. Remmert stünde ich heute nicht hier. Ich könnte auch nicht normal atmen, essen und sprechen", sagt Gaidt.

Im November 2003 bemerkte der sportliche Duisburger nach dem Sport eine Schwellung im unteren Gesichtsbereich. Er konsultierte seinen Zahnarzt, der ihn direkt an die HNO-Abteilung des Malteser-Krankenhauses St. Anna überwies. Dort dann die Diagnose: Zungenkrebs mit Metastasen in den Lymphknoten. "Das Problem dieser Art von Tumoren ist, dass sie klinisch lange stumm bleiben. Das heißt, sie machen keine Beschwerden und können erst ab einer Größe von einem Zentimeter mit bildgebenden Verfahren oder endoskopisch sichtbar gemacht werden", erklärt Remmert. Vor dem Hintergrund, dass die Zunge ein zentrales Organ des Schluckaktes und der Artikulation ist, der Zungengrund den oberen Luftweg vor Aspiration schützt, die Zunge sensorische und sensible Funktionen innehat, treten bei Resektionen funktionale Defizite auf. Die umso größer werden, je größer der Resektionsumfang ist, der sogar bis zur kompletten Entnahme führen kann.

"Vor 20 Jahren wurde ich an der Lübecker Uni-Klinik mit der Situation eines erkrankten Familienvaters konfrontiert. Seine Kinder, elf an der Zahl, hatten nur einen Wunsch, Papa soll weiter leben", erinnert sich der Chefarzt. Die damalige Lage sah so aus, dass Rekonstruktionen aus dem Brustmuskel und Haut gemacht wurden. Eine Rekonstruktionsmethode, die den Mediziner nicht ansprach. Er suchte nach einer Alternative mit einem funktionelleren Ergebnis und fand sie.

Der gebürtige Magdeburger hatte die Idee, Muskulatur des Zungenbeines zu entnehmen und daraus einen Zungenkörper zu formen. Dieser wurde mit Dünndarmschleimhaut bedeckt. Wobei die Bauchoperation etwas später entfiel und der Arzt auf Unterarmhaut zurückgriff. Neben dem Vorteil des Verzichtes auf einen Baucheingriff bietet die Unterarmhaut höhere Resistenzen gegenüber mechanischen Belastungen.

Diese völlig neue Zungenrekonstruktionsmethode schrieb Geschichte. Der Muskellappen nach Remmert war geboren. Eine Methode, für die der Arzt, der seit nunmehr 14 Jahren die HNO-Klinik am Malteser Krankenhauses St. Anna leitet, eine hohe medizinische Anerkennung erhielt und bekannt wurde.

Das hochmoderne HNO-Zentrum des Malteser Klinikums St. Anna mit seinem breiten Leistungsspektrum hat heute eine überregionale Bedeutung.

Remmert operierte schon Patienten aus ganz Europa und sogar Russland. "Wenn wir die Gefäße zusammennähen, sprechen wir von Größen von einem bis drei Millimeter Durchmesser. Die Fäden, mit denen wir arbeiten sind dünner als menschliches Haar. Es ist eine Hochleistung der Industrie, auf die wir bei unseren Operationen zurückgreifen können", beschreibt Remmert seine Arbeit. 600 bis 800 Operationen führt er selber pro Jahr durch. Insgesamt sind es durchschnittlich pro Jahr 5500 HNO-Operationen in St. Anna.

Bei Krebserkrankungen, wie sie auch Gaidt getroffen hat, stehen nach der Operation entsprechend der Krankheit Kombinationen aus Bestrahlung- und Chemotherapie an. Kein einfacher Weg, wie Gaidt heute im Rückblick bemerkt. Auch die Tatsache, dass er lernen musste, zu schlucken und für sieben Monate über eine Magensonde seine Ernährung erhielt, verschweigt er nicht. Die Arbeit mit einer Logopädin gehörte neben engen regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen für ein Jahr zu seinem Alltag. Danach verlängerte sich der Rhythmus der Nachsorgeuntersuchungen, der heute bei einmal jährlich liegt.

Gaidt lebt zwar mit einigen Einschränkungen und Folgen der Bestrahlungs- und Chemotherapie, aber "ich habe ein für mich normales Leben aufbauen können, das ich genieße", betont er.

Quelle: RP
 
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