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Kampf dem Krebs (1)
Wie sich der Kampf gegen den Krebs ändert

Kampf dem Krebs (1): Wie sich der Kampf gegen den Krebs ändert
Experten im Kampf gegen Krebs: Professor Thomas Frieling, Leiter des Darmkrebszentrums, und Privatdozent Dr. Chalid Assaf, Leiter des Onkologischen Zentrums und Hautkrebszentrums am Helios Klinikum Krefeld. FOTO: Lammertz
Zum Welttag des Krebses am 4. Februar starten wir eine neue Reihe: Wie kämpfen heute Ärzte in Krefeld gegen die Krankheit? Wir erkunden die Geschichte, Gegenwart und Zukunft mit Fachleuten vom Helios-Klinikum.

Wo steht die Medizin im Kampf gegen den Krebs? Nach dem Gespräch mit Professor Thomas Frieling, Leiter des Darmkrebszentrums, und Privatdozent Dr. Chalid Assaf, Leiter des Onkologischen Zentrums und Hautkrebszentrums am Helios Klinikum Krefeld, geht einem ein militärischer Vergleich durch den Kopf: Es gibt noch nicht die eine Wunderwaffe, aber einen sehr erfolgreichen Mehrfrontenkrieg. Operationstechniken, Bestrahlung, Chemotherapie: "Alles ist besser, feiner, genauer und schonender geworden", resümiert Frieling. Immer wichtiger wird eine andere Strategie: Der Kampf gegen die Krebszelle wird in ihr Inneres verlegt. Wir nehmen den Weltkrebstag am 4. Februar zum Anlass, historische Trends und die Gegenwart der Medizin zu betrachten - und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Die Sterberate an Krebs sinkt beständig. Um die Jahrtausendwende starben in Deutschland rund 250.000 Männer und rund 150.00 Frauen an Krebs. Heute liegt die Rate bei Männern bei unter 200.000 und bei Frauen bei 125.00 Toten. Das Krebsrisiko bleibt hoch: 50 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen erkranken im Laufe des Lebens an Krebs. Krebserkrankungen treten bei Frauen insgesamt etwas seltener, aber tendenziell früher im Lebenslauf auf. Etwa jeder vierte Mann und jede fünfte Frau stirbt an einer Krebserkrankung.

Die Überlebensaussichten je nach Krebsart sind sehr unterschiedlich. Die relativen Fünf-Jahres-Überlebensraten beschreiben, wie viele an Krebs erkrankte Menschen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung fünf Jahre nach der Diagnose ihrer Krebskrankheit noch leben. Je nach Krebsart unterscheiden sich diese Raten zum Teil erheblich. Sie reichen von über 90 Prozent für das Hodgkin Lymphom, den Hodenkrebs und den Prostatakrebs, bis hin zu Überlebensraten von unter 20 Prozent bei Lungen-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Früher lautete die Devise im Kampf gegen Tumore: Stahl und Strahl, also operieren und bestrahlen. "Diese Methoden haben nicht ausgedient, aber sie sind heute wesentlich verbessert worden", resümiert Frieling. Minimalinvasive Eingriffe wie die Schlüsselloch-OP und präziseres Operieren mit Hilfe von Video-Endoskopie und Laparoskopie schonen den Patienten viel mehr als früher und sind gleichzeitig in geübter Hand radikaler. "Auch das trägt dazu bei, die Prognosen deutlich zu verbessern", sagt Frieling.

Vor 30, 40 Jahren hoffte man, den Krebs zu besiegen, indem man möglichst großflächig Gewebe rund um die Tumoren operativ herausschnitt. Ein Beispiel ist der schwarze Hautkrebs oder auch der Brustkrebs. "Früher hat man immer auch alle Lymphdrüsen und sogar die Lymphbahnen weggenommen. Es hat sich aber herausgestellt, dass das nicht immer viel bringt. Heute kennt man Prognosefaktoren, die ein individuelles Vorgehen für jeden einzelnen Patienten ermöglicht", sagt Assaf.

Das Hodgkin-Lymphom (Lymphdrüsenkrebs) ist ein weiteres Beispiel für dramatische Fortschritte im Kampf gegen den Krebs. Bis in die 80er Jahre hinein war die Prognose bei dieser Krankheit sehr schlecht; die Diagnose glich fast einem Todesurteil. Heute verstehen die Mediziner die Natur der Krebszellen. Diese können gezielt bekämpft werden, indem man etwa Antikörper gezielt mit Zellgiften bestückt und so die bösen Zellen tötet. Das sagt sich so; dahinter steht Molekularbiologie und -genetik modernster Güte. "Heute haben Hodgkin-Patienten sehr gute Aussichten, die Krankheit zu überstehen", sagt Frieling. So ändern sich die Fronten. Brustkrebs ist heute deutlich besser heilbar als früher; bei Darmkrebs gibt es Erfolge auch dank feinerer Operationstechniken und weil sich langsam herumspricht, dass Vorsorgeuntersuchungen Leben retten können. Denn immer noch gilt: Je früher man den Krebs erwischt, desto besser die Chancen, ihn zu besiegen.

Neue Krebsarten sind auf dem Vormarsch: Lungen- oder Hautkrebs zum Beispiel. "Vor 50 Jahren war das kein großes Thema", berichtet Assaf, "In den 90er Jahren hatten wir in meiner Zeit an der Charité ein Melanom, also schwarzen Hautkrebs, alle sechs Wochen, heute sehen wir drei bis vier pro Tag." Neben den unbeeinflussbaren genetischen Ursachen spielt hier das Freizeitverhalten eine große Rolle. Das Heer der Sonnenanbeter etwa zahlt heute den Preis für ungezählte Stunden in gleißender Sonne, um "braun und gesund" auszusehen. In Wahrheit kommt man mit jedem Sonnenbad und insbesondere Sonnenbrand der Krankheit ein Stück näher.

Assaf schätzt, dass es in den letzten Jahren auch durch Aufklärung von Erwachsenen aber auch Kindern in den Schulen und Kindergärten langsam zum Umdenken kommt. "Die Hautkrebsfälle, die wir heute behandeln, resultieren aus dem Verhalten der vergangenen Jahrzehnte", sagt er. Heißt auch: Durchbrechende Erfolge bei der Vorsorge sind erst in zehn, 20, 30 Jahren messbar. Allerdings haben sich gerade in der Behandlung des schwarzen Hautkrebses (malignes Melanom) in den letzten Jahren mittels der medikamentösen Tumortherapie bahnbrechende Erfolge ergeben. Durch neue sogenannte zielgerichtete Therapien sowie neue Immuntherapien lassen sich selbst Patienten im fortgeschrittenen Stadium erfolgreich behandeln.

Zu den relativ neuen Strategien im Kampf gegen den Krebs gehört es, Krebszellen nicht nur von außen, sondern von innen anzugreifen. "Wir klassifizieren heute sehr viel genauer als früher die Untergruppen von bestimmten Krebsarten und richten danach die Therapie aus", berichtet Frieling. Wieder gehen einem militärische Vergleiche durch den Kopf: Man muss den Feind kennen, um ihn zu besiegen.

Mittlerweile ist es möglich, Antikörper so umzubauen und mit Gift zu munitionieren, dass sie exakt bei den Krebszellen andocken, die es zu zerstören gilt. Oder man greift so in das Innenleben der Zelle ein, dass sie sich nicht mehr teilen und vermehren kann. Der Krebs trocknet aus - militärisch gesprochen: Der Nachschub wird abgeschnitten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass jahrzehntelang die Krebstherapie auf drei großen Säulen: der operativen Entfernung ("Stahl"), der Bestrahlung ("Strahl") und der Chemotherapie beruhte. Um die Jahrtausendwende kamen als vierte Säule die zielgerichteten Therapien und erst in jüngster Zeit die immun-onkologischen Therapien als fünfte Säule hinzu. Diese Neuentwicklungen haben die Krebstherapie revolutionär verbessert.

Dennoch - ein Thema bleibt wichtig und wird von vielen unterschätzt: Vorsorge und gesunde Lebensweise. Rauchen, Übergewicht, Ernährung: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass sich weltweit mehr als 30 Prozent aller Krebsfälle durch Vorbeugung verhindern ließen. Auch das ist eine wichtige Einsicht, trotz aller Fortschritte in der Medizin. Wir sind nicht 'raus. Es liegt auch an uns, ob wir erkranken.

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