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Krefeld
Wie wird ein junger Mensch ein "Räuber"?

Krefeld: Wie wird ein junger Mensch ein "Räuber"?
Mit pointierten Neuformulierungen und anderen Kunstgriffen verschafften Regie und Schauspieler der uralten Thematik der Gewalt eine besondere Aktualität.
Krefeld. Der Jugendclub des Theaters Krefeld führte in der Fabrik Heeder Friedrich Schillers Stück Die Räuber vor ausverkauftem Haus auf. Das Ensemble erntete für die Leistung den verdienten Applaus des begeisterten Publikums. Von Mojo Mendiola

Das explosive Gefühl, aus der Situation, die man hat, nur noch herauszuwollen, fast egal wie, stand am Beginn der Interpretation, die sich der Jugendclub des Theaters Krefeld von Schillers Räubern erarbeitet hatte und am Freitag bei der ausverkauften Premiere in der Fabrik Heeder vorstellte. Denn man spielte sich zwar mit viel Respekt für Schillers Werk an dessen Originaltext entlang, verschob aber ein wenig die Akzente und widmete sich vor allem der Frage: Wie werden eigentlich aus jungen Menschen "Räuber"?

Im Falle Karl von Mohrs war es vor allem die finstere Intrige seines erbschleichenden Bruders Franz, die ihn ins Bandenleben trieb. Das Höhner-Lied "Echte Fründe", das in den Lagern beider Brüder erklang, blieb dabei übrigens nicht der einzige Schuss Ironie, der das idealistische Bild vom "Sturm und Drang" in gesunder Weise relativierte.

Denn erst recht, als Karl sogar zum Räuberhauptmann avancierte und dennoch nicht verhindern konnte, dass sich seine Bande in übelsten Gewaltexzessen auslebte, wurde klar: Man hat keine seriösen Revolutionäre vor sich, die den Lorbeer der Geschichte verdienen, sondern Kinder, die sich in unreflektiertes Revoluzzertum stürzen und vor allem Schuld auf sich laden. Das bestätigten auch die Selbstbeschreibungen der Räuber in aktuellen Textbeiträgen: Lauter misshandelte und verletzte Kinderseelen, die ihre Gewalttätigkeit als Antwort auf erfahrene Gewalt verstanden und weiter nicht hinterfragten.

Und Karl selbst, durchaus von besserem Holz, vermochte sich am Ende trotz der offenen Arme des Vaters, der standhaften Liebe seiner Amalia und des Selbstmords seines intriganten Bruders nicht mehr aus der Verstrickung zu lösen, blieb, was er geworden war, und bestätigte es durch die vielfache Tötung Amalias wie ein unentrinnbares antikes Tragödienschicksal. Die während der Proben im Raum stehende Frage, wie man aus der Schlamassel wieder herauskommen könnte, fand keine Antwort. Um so bedrückender die Aktualität des Stücks und um so intensiver der Eindruck, den das junge Ensemble erzielte. Dass die Hauptrollen von ganzen Gruppen gespielt und oft chorisch gesprochen wurden, pointierte Neuformulierungen im Text und ähnliche Kunstgriffe wirkten ausgezeichnet als Verstärker der Botschaften, und auch die musikalische Begleitung, von den Darstellern selbst geleistet, darf als ausgesprochen gelungen bezeichnet werden.

In ihren schlichten Kostümen unter dem Diana-mit-Hirsch-Bild aus dem Stadtwaldhaus erntete der Jugendclub hochverdienten Applaus des Publikums.

Quelle: RP
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