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Krefeld
Wie zwei Männer auf einmal im Auto sitzen

Krefeld: Wie zwei Männer auf einmal im Auto sitzen
Graf Almaviva (Levy Sekgapane, links) und Figaro (Sebastian Seitz) auf Spritztour: Unten auf der blauen Bühne agieren die Sänger mit spärlichen Requisiten, oben sind sie dank digitaler Technik in einer Filmkulisse zu sehen. Die Bühnenhelfer (unten links und rechts) sind blau gekleidet, denn alles, was blau ist, "sieht" die Spezialkamera nicht. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Mit moderner Bluescreen-Technik hat Kobie van Rensburg Rossinis "Barbier von Sevilla" fürs Theater inszeniert. Das Publikum erlebt die Figuren auf der Bühne und gleichzeitig im Film. Ein Blick in die technische Zentrale bei der Aufführung. Nächste Vorstellung ist am Sonntag. Von Otmar Sprothen

Der Weg zur Tonregie führt über die Bühne. Bevor sich in knapp 45 Minuten der Vorhang öffnet, herrscht hier geschäftiges Treiben. Im Hintergrund singen Darsteller ihre Stimme ein, aus dem Orchestergraben ertönt das Zirpen von Streichinstrumenten, die gestimmt werden. Auf der Bühne justieren Lichttechnikerinnen Seiten- und Deckenscheinwerfer, deren Licht auf den Bluescreen- und Videowänden nicht die geringste Ungleichmäßigkeit durch Schattenwurf aufweisen darf. Nur dann funktioniert die Technik des "Ausschneidens" der Darsteller fehlerlos, die zum Einspielen in einen anderen Hintergrund benötigt wird. Die Krefelder Inszenierung von Gioacchino Rossinis Komischer Oper "Der Barbier von Sevilla" ist nicht nur ein musikalischer, sondern auch ein technischer Leckerbissen, der überregional Aufsehen erregt.

Die Besucher blicken auf einen zweigeteilten Bühnenhintergrund, der im unteren Teil in ein einheitlich zart-milchiges Hellblau getaucht ist. Auf der Leinwand darüber tauchen die Darsteller wieder auf, synchron zum Bühnengeschehen und eingefasst in die "Cues" genannten Kulissenbilder, die parallel zur Bühnenhandlung wechseln.

Jan-Paul Reinke in der Technikzentrale: Er koordiniert Bühnen- und Filmgeschehen und stimmt sie mit der Partitur ab. FOTO: Thomas Lammertz

Die Tonregie ist in der dritten Etage des Theaters untergebracht. Von hier oben überblickt man die Bühne, den Orchestergraben und den vorderen Teil des Zuschauerbereichs. Während der knapp dreistündigen Vorstellung übertragen zwei bei der Bühne angebrachte Kameras nach oben. Am vorderen Arbeitsplatz sitzt Jan-Paul Reinke. Pianist Reinke beendet gerade seine Dirigentenausbildung und ist in dieser Theatersaison Stipendiat des Gemeinschaftstheaters. Hochkonzentriert wandert Reinkes Blick ständig zwischen dem Bühnengeschehen und dem Klavierauszug der Oper hin und her, den Reinke mit Bleistiftnotizen und farbigen Markierungen versehen hat. Reinkes Finger gleitet über die Partitur, bleibt dann stehen. "Achtung für 3, Achtung für 4! Und go!" ruft Reinke seinem Kollegen Hajo Steger zu. Der Ton- und Fernsehtechnikermeister und IT-Experte sitzt ihm mit dem Rücken zugewandt vor zwei Monitoren, die alle 102 Cues der Vorstellung zeigen, und ruft die Einstellung auf, die ihm Reinke als Zahl zuruft. Daneben blendet Reinke die in Gelb gehaltenen in flapsiges Gegenwartsdeutsch übersetzten Kurzdialoge der auf Italienisch gesungenen Oper wie Sprechblasen ein.

Trotz der hohen Anspannung, sich auf die punktgenauen Einsätze konzentrieren zu müssen, die bei live gespieltem Theater nie exakt gleich laufen, bleiben Steger und Reinke gelassen.

Das Bühnenbild zur Ouvertüre wird aus der Technik in den Saal gesendet. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Vier Hochleistungsrechner, davon zwei in Bühnennähe, übernehmen die zeitgleiche Einblendung der Video-Loops und szenischen Bilder in einem abteilungsinternen Netzwerk. Immer wieder aufs Neue werden die Bühnenakteure vor dem blauen Hintergrund ausgeschnitten und in die Cues eingesetzt. So sitzt der begüterte Graf Almaviva, gesungen von dem südafrikanischen Tenor Levy Sekgapane, vor der blauen Wand auf einem blau gestrichenen Podest, das blau gekleidete Kulissenschieber behände hereingeschoben haben, und bewegt die Arme wie beim Autofahren. Und in der darüber projizierten Kulisse fährt der Graf in einem roten 60er-Jahre-Straßenkreuzer durch eine den Sechzigern täuschend nachgeahmte Straßenkulisse.

Oder die schöne reiche Rosina singt vor der blauen Wand in einer Badewanne ihre Arie und wird darüber in ein luxuriöses Badezimmer im Stil der Sechziger versetzt. "Wir haben auch mit einem Green-screen experimentiert", berichtet Steger, "aber Blau läuft besser. Der menschliche Körper hat praktisch keine blauen Partien und hebt sich deshalb vor dem Bluescreen bestens ab." Der Kniff dieser Technik besteht darin, die Akteure perfekt auszuschneiden und in die gewünschte Kulisse einzubringen. Diese Technik hat der südafrikanische Regisseur und Rossini-Fan Kobie van Rensburg so weiterentwickelt, dass er kein herkömmliches Bühnenbild mehr braucht. Damit nähert sich das Theater mit den nun möglichen schnellen Szenenwechseln den vom Fernsehen geprägten Sehweisen an. Altertümliche Wörter der italienischen Oper wie "fanciulla" (hübsches Mädchen) oder "fanulone" (Nichtsnutz) werden in direkte und mitunter drastische deutsche Gegenwartssprache übersetzt. Auch surreale Bilder sind nun möglich: So werden in einer Szene die Figuren durch ein sich drehendes Zahnradsystem gezogen.

Die Bluescreen-Technik müsse man sich vorstellen wie im Vorspann der "Tagesschau", sagt Steger. Nun nehme Krefeld mit dieser Technik unter den deutschen Theatern einen Spitzenplatz ein.

Quelle: RP
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