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Krefeld
Wieder wie neu: Campendonks schönstes Werk

Krefeld: Wieder wie neu: Campendonks schönstes Werk
"Pierrot mit Schlange" ist eines der wichtigsten Werke Heinrich Campendonks: ein Vorzeige-Objekt seiner Hinterglasmal-Kunst. Es zeigt die typischen Campendonk-Motive: Pierrot, Tiere und eine Landschaft - in diesem Fall von den Voralpen in Murnau inspiriert. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Die Hinterglasmalerei "Pierrot mit Schlange" ist aufwändig restauriert worden. Jetzt forscht die Bundesanstalt zur Maltechnik des Bildes. Von Petra Diederichs

Der Pierrot leuchtet wieder. Sein in die Ferne gerichteter Blick hat seine Tiefe zurück, die Ultramarin- und Türkistöne faszinieren wieder so wie 1923, als Heinrich Campendonk den "Pierrot mit Schlange" gemalt hat. Es ist vielleicht seine schönste Arbeit, mit Sicherheit eine der wichtigsten - eine Hinterglasmalerei, in der Campendonk (1889-1957) auf dem Höhepunkt seines Könnens war. Zur Wiedereröffnung des Kaiser-Wilhelm-Museums wird es wie neu präsentiert werden. Es zeigt die für Campendonk typischen Motive: den Gaukler, Tiere und eine Landschaft, die aus den Angeln gehoben ist.

Kein anderer Künstler des Expressionismus hat die diffizile Technik der Hinterglasmalerei so perfektioniert wie der gebürtige Krefelder. Deshalb war die Restaurierung des etwa 60 Zentimeter großen Bildes eine aufwändige Sache. Die "Hinterglas"-Expertin Simone Bretz hat die Spuren der Zeit ausgemerzt. Eine langwierige und kostspielige Aufgabe, die mit Hilfe der Ernst von Siemens Kunst-Stiftung (EvS) realisiert wurde. "Ohne solche Stiftungen sind sehr zeitintensive Arbeiten gar nicht bezahlbar", sagt Museumsdirektor Martin Hentschel. Bis zu 80 Prozent der Kosten, die er nicht beziffern will, würden über die Stiftung gedeckt.

"Wir bekommen die Restaurierung quasi zum Preis der Mehrwertkosten", erklärt Sebastian Köhler. Seit 2002 ist er Restaurator an den Krefelder Kunstmuseen. Etwa 60 Arbeiten hat er bisher von Schäden befreit, die über die Jahre entstanden sind. "Noch nie ist in den Kunstmuseen so viel restauriert worden wie jetzt", sagt er. Und das sei nicht nur mit Blick auf die Wiedereröffnung des sanierten Museums notwendig. Hentschel spricht von einem Restaurierungsstau in der Sammlung aus der zeit vor Köhler. Es habe in der Vergangenheit auch eklatante "Fehlrestaurierungen" gegeben. Seit zehn, 15 Jahren seien die Möglichkeiten professioneller Restauratoren enorm entwickelt worden. Davon habe auch das Campendonk-Bild profitiert. Anders als auf Leinwand, wo der Untergrund zuerst aufgetragen wird und sich die Farbschichten darauf aufbauen, geht Hinterglasmalerei den umgekehrten Arbeitsweg: Die Feinheiten, die sonst zuletzt ausgeführt werden, müssen zuerst aufs Glas. "Das ist technisch eine hoch komplizierte Sache", sagt Köhler. Weil Farbe auf der glatten Glasfläche nicht so eine starke Haftung hat wie auf Papier oder Leinwand, hatten sich einige Malschichten vom Glas gelöst. "Nach fast 100 Jahren ist das erwartbar", sagt Köhler. Der offensichtlichste Schaden war ein Grauschleier, der sich über ganze Partien gelegt hatte. Besonders das Gesicht der Frauenfigur neben dem Pierrot hatte gelitten, das Blau ihrer Augen war ein verwaschenes Bleu geworden. Simone Bretz hat mit dem Pinsel für neue Strahlkraft gesorgt. Aber sie hat keine Farbe aufgetragen, sondern mit einem feinen Haarpinsel und einer hauchdünnen Kanüle Kohlenwasserstoffharz von hinten ins Bild injiziert. Dieser Klebstoff festigte die Farbe und stellte die alte Wirkung wieder her. Eine Fingerspitzenarbeit, die ruhige Hand, gutes Auge und unendliche Geduld verlangt. "Alles, was man von hinten macht, ist vorne sichtbar", sagt Köhler. Nur wenige Minimalstellen, "kleiner als ein Stecknadelkopf", so Köhler, mussten rekonstruiert werden.

Die Bundesanstalt für Materialforschung in Berlin hat die Restaurierung des Bildes für eine maltechnische Analyse genutzt. Köhler: "Der Bericht liegt noch nicht vor. Aber bei solchen Bildern gibt es eigentlich immer Überraschungen. Ziel der Forschung ist es, originale Referenzen zu erbringen. Das ist nach dem Fälschungsskandal besonders in den Blickpunkt gerückt."

Der restaurierte Pierrot hat auch eine große ideelle Bedeutung. Max Creutz, Direktor des KWM bis 1932, hatte ihn für die Sammlung erworben. Bei der Beschlagnahme sogenannter entarteter Kunst hatten die Nationalsozialisten das Bild einkassiert. Jahrelang galt es als verschollen, bis Paul Wember es 1966 zurückkaufte. "Es ist das einzige der konfiszierten Krefelder Kunstwerke, das wieder ins Museum zurückgekehrt ist", betont Martin Hentschel. Und es hat bereits für überregionale Beachtung gesorgt. Restauratorin Bretz wirbt damit auf dem Plakat zu der "10. Hinterglastagung" im Oktober 2017 in Bernried/Penzberg. Weil das Glaswerk extrem zerbrechlich ist, geht es nie auf Reisen. Nur einmal ist es ausgeliehen worden - für die große Ausstellung "Farbwelten. Von Monet bis Yves Klein" 2009 im Bremer Paula-Modersohn-Becker-Museum. Die überregionale Presse hat damals - erstmals nach dem Skandal um das Monet-Bild - anerkennend nach Krefeld geblickt, das solche Schätze hat. Die "taz" erinnerte an den "alten Ruhm des niederrheinischen Oberzentrums Krefeld", das in den 50er Jahren "verstörend avantgardistisch war". Und der Bremer Museumsdirektor Rainer Stamm lobte die Sammlung, die "Krefeld zu einem Vorort der Moderne in Deutschland" mache.

Wie weitere Sammlungsstücke für die Museums-Wiedereröffnung im Frühsommer hergerichtet werden, berichten wir in der kommenden Woche.

Quelle: RP
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