| 00.00 Uhr

Patrick Richardt Und Marc Singer
"Wir dachten nur: Krefeld, wow!"

Patrick Richardt Und Marc Singer: "Wir dachten nur: Krefeld, wow!"
Patrick Richardt (links) und Marc Singer starten Freitag mit mehreren Tonnen Hilfsgütern in zwei Kleinlastern Richtung serbische Grenze. FOTO: Lothar Strücken
Krefeld. Patrick Richardt und Marc Singer saßen abends in der Kneipe und überlegten, wie sie Flüchtlingen helfen könnten. Sie starteten eine private Spendenaktion, 1000 Krefelder kamen. Morgen fahren sie mit zwei Kleinlastern an die serbische Grenze.

Die Resonanz war überwältigend, noch immer können der Krefelder Songwriter Patrick Richardt (26) und sein Freund Marc Singer (38) kaum glauben, wie hilfsbereit die Krefelder auf ihren Spendenaufruf für Flüchtlinge reagiert haben. Zwei Tage vor der Abfahrt in die Flüchtlingscamps auf dem Balkan sprachen sie mit RP-Redakteur Sebastian Peters.

Wie kamen Sie auf die Idee, Hilfsgüter direkt auf den Balkan zu bringen?

Patrick Richardt Zum ersten Mal bin ich persönlich mit dem Flüchtlingsthema vor einem Jahr konfrontiert worden. In der Krefelder Sporthalle Tannenstraße, in der wir mit Freunden manchmal Fußball spielten, wurden Flüchtlinge untergebracht. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen: Ich bin Musiker, ich wollte ein Konzert für sie geben. Aber das war nicht so einfach zu organisieren. Erneut angetrieben, etwas zu tun, haben mich dann Fernsehberichte. Zuerst sah ich vor zwei Wochen bei Günther Jauch den Auftritt des AfD-Politikers Björn Höcke. Vor dem habe ich mich geekelt und war erschüttert, dass er von Menschen bei uns Zustimmung erfährt. Eine Woche später sah ich einen Bericht von einem Flüchtlingslager in Serbien, in dem selbst der Journalist vor Ort weinen musste angesichts der Not, die herrschte.

Marc Singer Wir beide haben uns dann vor gut einer Woche, montagsabends, in einer Kneipe getroffen und darüber geredet, was wir beide privat tun können, um Flüchtlingen zu helfen. Schon einen Tag später, am Dienstagmorgen, haben wir Freunde und Verwandte angesprochen und um Spenden gebeten, danach einen Facebook-Auftritt erstellt und Flyer drucken lassen. Die Flyer haben wir in vielen Krefelder Cafés und Kneipen verteilt.

Was ist dann passiert?

Richardt Wir konnten es selbst kaum glauben. Am Samstag und Sonntag haben wir am Schlachthof und am Westwall Spenden gesammelt. Weit über 1000 Leute kamen und brachten Kleidung. Wir sind zwar nicht mit Spendenboxen rumgelaufen, aber einige haben auch Geld gegeben, das wir nun für die Spritkosten und den Kauf von Wasser und Lebensmitteln für die Flüchtlinge verwenden. 20 unserer Freunde haben sofort zugesagt, uns zu unterstützen bei der Koordinierung. In den vergangenen Tagen hatten wir jeden Abend 15 bis 20 Leute, die uns beim Verpacken geholfen haben, oft abends bis 22.30 Uhr. Als Fahrer begleiten uns Freitag zwei Freunde, Jan Schmitz und Thomas Warobiow, die sich dafür extra Urlaub nehmen. Unglaublich: Da sind Menschen, die nehmen Urlaub und privates Geld in die Hand, um zu helfen.

Singer Die Aktion hat sich einfach riesig potenziert. Am Sonntag auf dem Westwall kamen die Nachbarn, packten mit an. Ich dachte die ganze Zeit nur: "Wow Krefeld". Die Leute haben sich richtig Mühe gegeben, mehrere Tonnen mit warmer Kleidung gespendet, diese vorher gewaschen und gebügelt. Das war zum großen Teil hochwertig, wir haben extrem wenig aussortieren müssen.

Richardt Nicht nur Spender kamen. Unter anderem kam auch ein Krefelder Unternehmer, Manfred Lischka, der in Neukirchen-Vluyn ein Ingenieurbüro hat. Er will selbst nicht groß im Rampenlicht stehen. Aber ihm ist es ein Anliegen, dass deutlich wird, dass auch Unternehmer durch Bereitstellung ihrer Firmenressourcen helfen können. Das geschieht nach Meinung von Herrn Lischka bei uns noch viel zu wenig. Er stellte uns spontan eine Halle zur Verfügung, Verpackungsmaschinen, auch Kartons und zwei Kleinlaster. Seine Hilfe ist großartig. Ursprünglich wollten wir mit meinem kleinen Tourbus runter fahren. Doch der hätte für die Menge, die wir gesammelt haben, einfach nicht gereicht. Wenn wir diese Aktion ohne ihn gemacht hätten, wäre es definitiv mehr Punkrock gewesen.

Banale Frage: Wie packt man eigentlich Hilfsgüter richtig?

Richardt Das haben wir von Manfred Lischka gelernt. Er gab uns den Tipp. Wir haben die Wäsche sortiert nach Kleidungsart in durchsichtige Säcke gepackt, Kartons nummeriert und eine Packliste erstellt. Wenn wir in den Flüchtlingscamps ankommen, können wir fragen, was benötigt wird, und dann die nummerierten Kisten abgeben. Wir wissen dank der Packliste auch, was sich wo in unseren Fahrzeugen befindet.

Welche Hilfsgüter werden auf dem Balkan benötigt?

Richardt Ich fand erschreckend, was alles fehlt. Wir haben uns vorher im Internet schlau gemacht, was benötigt wird. Es sind Helfergruppen vor Ort, die sind gut vernetzt. Es gibt Internetkarten, wo per Geocaching Punkte dort gesetzt sind, wo sich auf dem Balkan Flüchtlingslager befinden. So haben wir gelernt, dass besonders warme Kleidung und Gewebebodenplanen Sinn machen, damit die Flüchtlinge nicht über Matsch und frostigen Boden laufen müssen. Man muss sich vor Augen halten: Schon jetzt herrscht nachts auf dem Balkan oft Eiseskälte. Die Leute sind schon knapp vor dem Erfrieren; sie werden dort über das Feld getrieben mit ihrer ganzen Habe auf dem Rücken.

Welchen Zielort peilen Sie auf dem Balkan an. Zuerst teilten Sie mit, es solle nach Slowenien gehen, bleibt es bei der Route?

Singer Wir fahren am Freitagmorgen dieser Woche los. Wir wollen da sein, wo die Leute europäischen Boden betreten. Unser Ziel ist es, bis an die Grenze Kroatien/Serbien zu fahren, damit die Kleidung die Flüchtlinge auf einem möglichst langen Teil des Weges wärmt. An der serbischen Grenze gibt es nach unseren Informationen zwei bis drei Camps, wo Hilfe dringend nötig ist. Dort befinden sich vorwiegend syrische Flüchtlinge. Wenn es möglich wird, wollen wir auch nach Serbien rein, wissen aber noch nicht, ob das klappt.

Haben Sie sich eigentlich in der vergangenen Woche auch mal die Sorge gehabt, dass etwas schief gehen könnte?

Richardt Es gab Momente, in denen dachten wir, dass uns alles über den Kopf wächst. Ich habe mich gefragt: Schaffen wir das?" Aber dann siehst Du da all die Helfer, und weißt, dass es klappen wird.

Sie haben sich die Frage gestellt: "Schaffen wir das?" Ich musste an den Merkel-Satz denken: "Wir schaffen das."

Richardt Wir wollen eigentlich über die große Flüchtlingspolitik nicht reden. Mir sind nur zwei Sachen wichtig: Ein Großteil der Menschen stimmt der AfD-Position zu Flüchtlingen nicht zu. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob wir es schaffen, wirklich alle Asylbewerber tatsächlich zu integrieren. Das ist eine politische Frage. Aber am Ende muss man sich vor Augen halten: Da unten erfrieren bald Menschen, wenn wir nicht helfen. Sie brauchen uns.

Singer Jeder sollte sich fragen: Was kann ich machen, wie kann ich helfen? Bleibe ich ohnmächtig angesichts der Probleme oder packe ich beispielsweise einen Sack Hilfsgüter und bringe ihn zu denen, die es benötigen.

Herr Singer, Herr Richardt, wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt.

Quelle: RP
 
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.