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Krefeld
"Wir lesen - und wenn es zehn Jahre dauert"

Krefeld: "Wir lesen - und wenn es zehn Jahre dauert"
Susanne Tyll ist eines von zehn Mitgliedern vom "Arbeitskreis Erhalt Bücherei Uerdingen". Sie hat Politologie und Pädagogik studiert und weiß, wie man Kampagnen inszeniert. Im Hintergrund die Uerdinger Bücherei. FOTO: Thomas lammertz
Krefeld. Die "Montagslesungen" für den Erhalt der Bücherei Uerdingen stehen vor einem Jubiläum: Am 20. April findet die 100. Lesung statt. Die Organisatoren sind überzeugt, dass die Chancen für die Wiedereröffnung der Bücherei gewachsen sind. Von Jens Voss

Es war der erste kommunalpolitische Sangeswettstreit der Krefelder Geschichte: Im Mai 2013 haben rund 20 Uerdinger während einer Ratssitzung aus Protest gegen die Schließung der Uerdinger Bücherei ein Lied mit eigenem Text auf die Melodie von "Die Gedanken sind frei" angestimmt. Sie wurden teils übertönt von Ratsmitgliedern, die spontan beim Refrain den Originaltext sangen. Das Ganze war ein bisschen peinlich, hatte einen gewissen Nervensägenfaktor - spricht man Susanne Tyll vom "Arbeitskreis Erhalt Bücherei Uerdingen" darauf an, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht: "Peinlich oder nicht, es war auf jeden Fall öffentlichkeitswirksam."

Bis heute wird das Bücherei-Lied bei jeder Montagslesung des zehnköpfigen Arbeitskreises gesungen. Die Truppe hat sich als zäh erwiesen: Am 20. April findet die 100. Montagslesung statt. Die Aktion hat sich als Markenzeichen etabliert. Eine Begegnung mit Tyll entwickelt sich rasch zum gepflegten Streitgespräch mit dichtem Austausch der Argumente.

Sie ist überzeugt, dass die Chancen zur Wiedereröffnung der Bücherei trotz Nothaushalts eher gestiegen sind. "Die Rahmenbedingungen bei der Landesförderung für Quartierspflege sind eher besser geworden. Außerdem ist das Thema Quartiersentwicklung parteiübergreifend präsent", sagt sie. Tyll ist tief überzeugt davon, dass die Stärkung der Stadtteile eine der großen Zukunftsaufgaben in unserer alternden Gesellschaft ist - und am Ende auch Kosten spart: "Wir müssen die Menschen so lange wie möglich in ihren Wohnungen halten, auch deshalb, damit uns die Kosten für die Pflege nicht davonlaufen." Die Argumente gegen den Erhalt der Stadtteilbücherei sind zahlreich - keins davon ficht Tyll an.

Schließungsargument I: Es sind keineswegs überwiegend alte Menschen, die die Bücherei nutzen - Tyll: Es gehe um die Pflege des Quartiers und die Attraktivität für alle Bürgerinnen und Bürger.

Schließungsargument II: Die Kosten für die Stadtteilbücherei schwächen die Mediothek in der City - für Tyll eine Frage der Prioritäten: Wenn man ein starkes öffentliches Bibliothekswesen wirklich will, wird sich auch das Geld dafür finden.

Schließungsargument III: Soziale Überlegungen (das Bahnticket zur Mediothek sei zu teuer) verfangen nicht; jedes Kind hat heute Geld für ein Handy, aber das Bahnticket soll zu teuer sein? Auch das ist eine Frage der Prioritäten - diesmal in den Familien. Für Tyll aber bleibt der schnelle Fußweg in die Stadtteilbibliothek ein wichtiges Angebot, um Kinder auch aus lesefernen Schichten ans Lesen zu bringen.

Und schließlich, so betont sie, "braucht man auch einen Ort, wo man sich treffen kann, ohne einen Kaffee bestellen zu müssen". Schließungsargument IV: Die Stadt fürchtet Millionen an Sanierungskosten für das historische Gebäude; der Verkauf an Private würde Millionen sparen - für Tyll aber wäre es eine "Schande", wenn eine Stadt so ihr "Tafelsilber" verscherbelt. Kurz und gut: Zweifel an seinem Ziel hat der Arbeitskreis nicht.

Bei den bald 100 Lesungen, die Tyll bis auf wenige Ausnahmen alle besucht hat, hat sie vor allem die Vielfalt fasziniert. Vom Mundartstück bis zu Weltliteratur: Alles war dabei. Der jüngste Vorleser war sieben, der älteste 95 Jahre alt. Ausgefallen ist bislang keine Lesung, auch nicht bei Regen.

Einmal sei eine Vorleserin im Verkehr steckengeblieben, erzählt Tyll - da habe sich spontan eine Zuschauerin gemeldet und gesagt: Sie habe ein Buch im Auto - und las wenig später vor. Im Schnitt kommen 30 Leute; manchmal sind es 20, manchmal 60. Der Ablauf ist quasi liturgisch fest geregelt: Begrüßung, gemeinsames Singen von "Die Gedanken sind frei", Lesung, Übergabe einer Plakette in Form einer Eule an den Vorleser; Singen des "Bücherei-Liedes" auf die Melodie von "Die Gedanken sind frei," aber mit neuem Text.

Diese Eulenplakette kopiert die Eule, die am Geländer über dem Eingang der Bücherei zu sehen ist - Zeichen der Weisheit. Tyll und ihre Mitstreiter sind entschlossen, so lange Eulen nach Uerdingen zu tragen, bis sie ihr Ziel erreicht haben: "Wir werden lesen", sagt Tyll, "bis die Bücherei wieder offen ist - und wenn es zehn Jahre dauert."

Die nächsten Montagslesungen: Heute, 13. April, 18.30 Uhr: Die Krefelder SPD-Ratsfrau Halide Özkurt liest aus "Mein Weg durchs Feuer" von Halide Edib Adivar Die 100. Lesung: 20. April, 18.30 Uhr, Krefelds DGB-Chef Ralf Köpke liest aus "Café Berlin" von Harold Nebenzal.

Quelle: RP
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