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Kr wie Krefeld
"Wir schaffen das" aus Krefelder Sicht: Wer was geschafft hat - und wer nicht

Krefeld. Vor einem Jahr hat Kanzlerin Merkel ihren historischen Spruch "Wir schaffen das" gesagt. Grund genug zu fragen: Wer hat was aus Krefelder Sicht geschafft?

Geschafft haben es vor allem die Mitarbeiter der Stadtverwaltung rund um Wolfram Gottschalk, Leiter des Fachbereichs Soziales, Senioren und Wohnen. Wer ihn übers Jahr fragend begleitet hat, hat jemanden erlebt, der ohne viel Aufhebens die wirklich außergewöhnlichen Belastungen des Tages getragen hat. Gottschalks Alltag war monatelang im Ausnahmezustand, und oft genug kam abends eine Busladung mit Flüchtlingen, die er noch unterbringen musste. Man sagt nicht zu viel und ist nicht zu pathetisch, wenn man sagt: Die Verwaltungsleute, also die, die die Unterkünfte organisiert haben, sind die ersten stillen Helden in dem Drama, das die Kanzlerin mit "Wir schaffen das" überschrieben hat.

Geschafft haben es auch die Vereine, Initiativen und Bezirksvertretungen in Ortsteilen und Quartieren, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Die Zeit der Euphorie ist vorbei; Ängste, Sorgen und Ärger gibt es, aber unterm Strich ist die Stimmung Flüchtlingen gegenüber nach wie vor ungebrochen von dem Willen zur Hilfe bestimmt.

Das ist keine faule Idylle der Mainstreampresse. In unserer Redaktion laufen fast täglich Meldungen über Hilfsprojekte ein; zuletzt haben gestern die Krefelder Rotarier fünf Fahrräder an eine Unterkunft des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF Krefeld) gespendet. Ungezählt sind solche Aktionen, ebenso wie all das Engagement so vieler Menschen bei Sprachkursen und der Begleitung von Flüchtlingen. In der Summe ist dieser Strom aus gutem Willen mächtiger als Angst und Hass. All das passt auch ins große Bild: Die FAZ hat zum 1. September eine Umfrage unter der Überschrift "Stimmung gegenüber Flüchtlingen kippt nicht" veröffentlicht. Der Aussage, Deutschland stehe mit der Aufnahme von Flüchtlingen "Menschen in existenzieller Not zur Seite", stimmten demnach im November des vergangenen Jahres 88,4 Prozent der Befragten zu. Die Zustimmung zu dieser Aussage sank seitdem geringfügig auf 85,4 Prozent - obwohl Sorgen und Angst gewachsen sind. Der Grundimpuls, Menschen in Not zu helfen, ist geblieben. Wer es nicht geschafft hat: Politische Kräfte wie Pegida oder die AfD. Sie beherrschen die Schlagzeilen, sie mögen auch ihre zwölf plus x Prozent an Wählern haben, aber sie sind nicht das, was dieser Westentaschen-Goebbels Björn Höcke zu sein beansprucht: nationale Bewegung, die wahre Stimme des Volkes. Wenn es eine nationale Bewegung gibt, dann sind es die vielen Initiativen der Hilfe, wie man sie auch in Krefeld täglich besichtigen kann.

Wer es auch nicht geschafft hat, sind Bund und Land, vor allem der Bund, vor allem die Große Koalition: Es bleibt ein Skandal, in welchem Maß die Last der Flüchtlingsunterbringung auf die Kommunen abgewälzt wurde. Sicher, die konkrete Arbeit konnten nur die Menschen in den Kommunen stemmen. Aber Zeltstädte, Containerdörfer, Herrichtung von Immobilien, neue Sozialarbeiter, mehr Kita-Plätze - all das hätten Bund und Land bezahlen müssen, auf Heller und Pfennig. Dass der Masterplan Kommunalhilfen ausblieb - das ist unverständlich, hier liegt Berlins Versagen aus Sicht einer Stadt wie Krefeld. Die Aufnahme von Flüchtlingen war eine nationale Entscheidung - sie hätte national finanziert werden müssen.

Dennoch darf man in Summe sagen: Die meisten Menschen haben in dieser Krise Realismus, mit Pflichterfüllung und Herz gepaart. Keine schlechte Bilanz.

Quelle: RP
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