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Krefeld
"Wirtschaftsflüchtlinge fliehen in Billiglohnländer"

Krefeld. Erst sah es so aus, als sollte es ein Konzert werden. Am Samstag eröffnete Natalie Hausmann das Programm in der Kulturfabrik (Kufa).

Sie sang zu elektronischer Musik ein Lied mit dem Titel "Free Yourself" - sehr gekonnt und stilistisch in etwa als Marianne Faithful mit einem Schuss Soul zu beschreiben. Sie sollte, so erklärte Philip Simon anschließend, erst mal alle Erwartungshaltungen des Publikums auf Null "resetten", bevor er mit seinem Kabarettvortrag "Das Ende der Schonzeit" begann.

Sein Markenzeichen, die Zwangsjacke, trägt er zwar nicht mehr, hält sie aber auf einem Kleiderständer präsent, als Mahnmal für seine zentrale These, dass viele Dinge hierzulande auf dem Kopf stünden, auch die Beurteilung von "Gescheiten" und "Verrückten". "Wirtschaftsflüchtlinge" beispielsweise seien in Wirklichkeit die Hiesigen, die als Kunden aus den regulären Läden zu den Billiganbietern und als Industrien aus den zivilisierten in die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen geflohen seien - aus rein wirtschaftlichen Gründen. Auch die Relation zwischen den 238 Milliarden Euro, die man in die Rettung der Banken gesteckt habe, und dem Umstand, dass der gegenwärtige Zustrom der Flüchtlinge hauptsächlich von Ehrenamtlichen bewältigt werde, schien ihm nicht gerade vernünftig. In wissenschaftlichen Versuchsreihen mit Kleinkindern habe man übrigens festgestellt, dass die meisten Menschen von Natur aus spontan hilfsbereit seien und auch keine Belohnung erwarteten. Sobald man sie aber an "Bezahlung" gewöhne, verkümmere ihr Sozialverhalten. Daraus ließen sich nützliche Schlussfolgerungen ziehen. Die leichte Verführbarkeit respektive den Mangel an Nachdenklichkeit bei vielen Mitmenschen führte er unter anderem auf die hohe Geschwindigkeit zurück, mit der permanent neue (Schein)informationen auf uns einstürmen, die gar nicht mehr richtig reflektiert werden könnten. Stattdessen solle man möglichst viel glauben - vor allem den Freiheitsmythen der Werbung. Denen stellte er den Satz des zeitgenössischen Philosophen Wilhelm Schmid gegenüber: "Wenn alles möglich bleiben soll, kann nichts wirklich werden." Simons eigene Formulierungen waren zwar nicht immer zitierfähig, kamen aber prima an.

(MoMe)
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