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Musikpädagoge Gerd Rieger
Wozu der Mensch improvisierte Musik braucht

Musikpädagoge Gerd Rieger: Wozu der Mensch improvisierte Musik braucht
Gerd Rieger ist Musiker und Musikpädagoge. Seine Leidenschaft gilt der improvisierten Musik. Mit Workshops und offenen Bühnen im Südbahnhof ermuntert er zum freien Spiel. Jetzt hat er ein Festival mit internationalen Künstlern organisiert. FOTO: Lothar Strücken
Krefeld. Zum zweiten Mal veranstalten der Krefelder Musikpädagoge Gerd Rieger und Georg Dammer vom Kulturzentrum Südbahnhof ein Festival für frei improvisierte Musik mit Workshops und Konzerten internationaler Künstler: "Frei Zwei" vom 17. bis 19. Juni.

Was ist eigentlich frei improvisierte Musik?

Gerd Rieger Wir verstehen darunter nicht das Solo eines Jazz-Saxofonisten, der im Konzert spontan Variationen über die Hauptmelodie erfindet. Überhaupt ist der Begriff Improvisation bei den meisten Menschen viel zu eng mit dem Jazz verbunden, dabei ist das Phänomen viel älter. Speziell in Europa haben wir eine eigene, lange und solide Tradition der frei improvisierten Musik, ganz stark zum Beispiel im Barock. Freie Improvisation fängt buchstäblich bei Null an. Jemand greift zu seinem Instrument und tagträumt darauf ein paar Noten, um die herum sich durch Ausprobieren etwas aufbauen kann. Je mehr Leute mitmachen, dabei aufeinander achten und miteinander kommunizieren, desto spannender wird die Sache. Elemente wie Harmonie, Rhythmus, Melodie werden dabei nicht vorgegeben. Sie können sich beim Improvisieren ergeben, müssen es aber nicht.

Was kann man mit diesem Ansatz erreichen?

Rieger Freie Improvisation (FI) ist eine besondere Form künstlerischer Praxis und zugleich eine besondere Form des musikalischen Lernens, die noch mehr interaktive Aufmerksamkeit verlangt als das Ensemblespiel nach komponierten Vorgaben. Wer sich darauf einlässt, sowohl Musiker als auch Zuhörer, macht neue, bereichernde Erfahrungen. Außerdem ist dieses ergebnisoffene Spielen natürlich auch eine unversiegliche Quelle für kompositorische Einfälle.

Wie beurteilen Sie die pädagogischen und therapeutischen Möglichkeiten der Freien Improvisation?

Rieger Uns würde etwas Wichtiges fehlen, wenn wir sie nicht hätten. FI ist eine soziale Praxis. Daraus ergibt sich vieles fast von selbst. Sie eignet sich zum Beispiel sehr gut, um Menschen jeden Alters die Hemmungen zu nehmen, es doch mal mit einem Instrument oder der eigenen Stimme zu versuchen. Da stellt manches Kind und mancher Erwachsene plötzlich fest, dass er gar nicht so unmusikalisch ist, wie er immer dachte. Darüber hinaus ist sie ein hervorragendes Integrationsinstrument in Schulklassen, in denen Kinder mit unterschiedlichen Muttersprachen sowie Kinder mit und ohne Behinderungen zusammenkommen. Ganz ähnlich funktioniert FI in der therapeutischen Arbeit. Sie überwindet Schwellen und öffnet Schleusen. Wenn der Pädagoge oder Therapeut ein solch guter Musiker ist, dass er es versteht, an der ersten schüchternen Vorlage seines Gegenübers so weiterzustricken, dass der Schüler oder Klient Lust bekommt, auf diese Antwort wieder zu antworten, dann kann das sehr weit führen.

Kann man das lernen?

Rieger "Natürlich, das ist wie alles andere Lernen auch eine Frage des Wollens und der Übung. Im Prinzip ist Musik eine Sprache, die wir schon vor unserer Muttersprache erlernen, also auch vor dem Erwerb musikalischer Standards. Und die Art, wie der Säugling ohne Worte, aber mit dem Mund Geräusche und Klänge machend, mit der Mutter kommuniziert, spontan, unzensiert und ehrlich, das wollen wir uns in der FI wieder neu erobern. Aber diesmal mit unseren Instrumenten. Dazu gehört das Spielen selbst, aber auch das Reflektieren über das, was beim Spielen passiert ist. Zum Beispiel: Hat die Kommunikation auch wirklich funktioniert? Da muss man sich nach und nach reinfuchsen, und dann wird man reich belohnt. Wenn man es schafft, zum Beispiel das Bellen eines Hundes im Publikum spontan in seine Impro miteinzubeziehen und darauf zu antworten, so wie ich das mal bei einem Open Air-Konzert erlebt habe, dann ist man ein guter Improvisator und macht seinem Publikum einen Riesenspaß.

Welchen Stellenwert hat die improvisierte Musik im heutigen Musik-Geschehen?

Rieger Improvisierte Musik hatte immer schon einen höheren Stellenwert, als man heute denkt. Wenn sich beispielsweise Chopin vor Publikum ans Klavier setzte, erntete er gerade beim "Fantasieren" stärksten Applaus. Aufgeschrieben wurden die Einfälle dann später. Heute ist FI verpflichtendes Unterrichtsfach in vielen Hochschulen für die Ausbildung von Instrumentalisten und Sängern, und viele zeitgenössische Komponisten verlangen für die Aufführung ihrer Werke von den Interpreten die Fähigkeit zum freien Improvisieren. So ist in manchem Konzert und in mancher Aufnahme freie Improvisation drin, auch wenn's nicht ausdrücklich draufsteht, übrigens auch in etlichen Filmmusiken. Wenn groß "freie Improvisation" draufsteht, wirkt das allerdings trotzdem immer noch als Hemmschwelle. Und die wollen wir natürlich mit unserem Festival wieder ein bisschen abschleifen.

Was hat Freie Improvisation mit der "Gebrauchsmusik" zu tun, wie sie zur Milchproduktionssteigerung im Kuhstall oder zu Werbungs- und Marketing-Zwecken Verwendung findet?

Rieger Rein gar nichts. Diese Musik wird zielgerichtet dazu geschaffen, bestimmte Stimmungen zu erzeugen, die hilfreich, aber auch sehr manipulativ sein können. FI ist dafür überhaupt nicht zu gebrauchen. Vielleicht ist der Eindruck der Nähe dadurch entstanden, dass viel von dieser Musik aus der esoterischen oder pseudo-esoterischen Szene kommt und als meditativ bezeichnet wird, während gleichzeitig viele große Musiker Meditation als Vorbereitung auf ihre Auftritte nutzen. Aber tatsächlich sind das zwei ganz verschiedene Welten.

DIE FRAGEN STELLTE MOJO MENDIOLA.

Quelle: RP
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