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Krefeld
Zangs-Wand im Puschkin-Museum Moskau

Krefeld: Zangs-Wand im Puschkin-Museum Moskau
Der Krefelder Avantgarde-Künstler war mit seinem erweiterten Kunstbegriff seinen Kollegen um einiges voraus. FOTO: Hanna Welzel
Krefeld. Das Enfant terrible der deutschen Kunstszene bekommt nun die Anerkennung, die ihm gebührt. Der verstorbene Krefelder Künstler Herbert Zangs ist im kommenden Jahr mit Werken im Moskauer Puschkin-Museum zu sehen. Er bekommt eine eigene Wand - und damit mehr Platz als die gehypte Zero-Prominenz Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker. Von Norbert Stirken

Der Krefelder Kunsthändler und Sammler Rüdiger K. Weng hat nicht zu viel versprochen, als er vor Wochen in der Rheinischen Post erklärte, dass wichtige Museen an den Werken des Krefelder Künstlers Herbert Zangs interessiert seien. Dass gleich drei Häuser in Karlsruhe, Moskau und Brüssel dem streitbaren Individualisten schon in diesem und dem kommenden Jahr mehr Raum bieten als manch prominenterem Künstlerkollegen, hat auch Weng überrascht. "Ja, das ist wirklich ein enorm wichtiger Sprung für das Oeuvre von Zangs, dass er jetzt zusammen mit den ganz wichtigen europäischen Künstlern gezeigt wird. Er hat in der Ausstellung eine eigene Wand - Alberto Burri ist direkt gegenüber platziert. Von Zangs sind auch mehr Arbeiten in der Ausstellung als von Mack, Piene oder Uecker - ein Zeichen dafür, wie der Chefkurator der Ausstellung Zangs schätzt", berichtete Weng.

Gestern war die Eröffnung der Ausstellung "Kunst in Europa 1945-1968" im ZKM Karlsruhe. Der dortige Direktor, Peter Weibel, sei von der Qualität der Werke des Krefelders bei einem Besuch am Niederrhein so begeistert gewesen, dass er fünf wichtige, avantgardistische Materialarbeiten aus den frühen 1950-er Jahren für die Ausstellung "Kunst in Europa 1945-1968" ausgesucht habe.

Seine Symbolik, Materialauswahl und die so genannten Verweißungen nahmen Entwicklungen wie Zero vorweg. FOTO: Hanna Welzel

Im ZKM Karlsruhe werden diese Arbeiten seit heute mit Werken von Pablo Picasso und Fernand Léger, Alberto Burri und Joseph Beuys, Yves Klein und Alessandro Manzoni, Gerhard Richter und Sigmar Polke sowie anderen Heroen der europäischen Nachkriegskunst ausgestellt. Die Ausstellung geht vom Badischen weiter an das Staatliche Museum für Bildende Künste Puschkin in Moskau, wo sie vom 7. März bis 28. Mai 2017 zu sehen sein wird. "Erstmals seit vielen Jahren wurden wieder Werke von Herbert Zangs für eine große, kanonische Ausstellung ausgewählt", unterstreicht Weng die Bedeutung für das Renommee des Krefelder Avantgardisten, der seiner Zeit in den 1950-er Jahren stets mindestens einen Schritt voraus war.

Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Palais des Beaux-Arts in Brüssel, des Staatlichen Puschkin Museums in Moskau und des ZKM in Karlsruhe. Kuratiert wurde sie von Eckhart Gillen und Peter Weibel unter Mitarbeit von Daria Mille und Daniel Bulatov. Die Ausstellung thematisiert die verbindenden kulturellen Kräfte auf dem Eurasischen Kontinent und nimmt damit einen zentralen Kulturraum in den Blick, der im 20. Jahrhundert durch Kriege und Krisen mehrfach erschüttert und zerrissen wurde. Anhand von Kunstwerken und einer dokumentarischen Zeitleiste werden der zivilisatorische Bruch im Zweiten Weltkrieg und der darauf reagierende Ansatz der Neo-Avantgarden der Nachkriegszeit beleuchtet.

Mit wenigen Handgriffen schuf der Künstler seine Materialcollagen. FOTO: Hanna Welzel

In gemeinsamer Anstrengung dreier international renommierter Museen vereint die Ausstellung rund 500 Leihgaben von mehr als 200 Künstlern zu einem Panorama der gesamteuropäischen Kunstentwicklung auf beiden Seiten des historischen Eisernen Vorhangs. Je nach ihrer Geschichte und geografischen Lage setzen die drei Museen verschiedene Schwerpunkte.

Im ZKM, das sich in einer seiner Programmlinie auf die experimentellen künstlerischen Entwicklungen der 1950er- und 1960er-Jahre fokussiert, erfährt die Ausstellung eine eigenständige Akzentuierung und Erweiterung. Vertreter der westlichen Neo-Avantgarden wie Zero, Nul oder Groupe de Recherche d'Art Visuel treten im ZKM nun erstmalig im Kontext parallel entstandener osteuropäischer und russischer neuer Tendenzen - wie die Nove Tendencije oder die Gruppe Dvizhenie - in Erscheinung.

Ungeordnete Ordnung wurde schon in den 1950er Jahren zum Prinzip. FOTO: Hanna Welzel

Bislang war das Augenmerk der Historiografie weitestgehend auf den Abstrakten Expressionismus als Symbolisierung des freien Westens gerichtet, während der Sozialistische Realismus den Konservativismus des kommunistischen Ostens verkörperte. Heute wissen wir jedoch, dass dieses vorherrschende Modell der Kunstgeschichte ein Produkt des Kalten Krieges war. Die Ausstellung unternimmt daher den Versuch, die Entwicklung der Kunst in Europa aus einer gesamteuropäischen Perspektive neu zu interpretieren, und macht für den Zeitraum von 1945-1968 eine spezifische Renaissance der europäischen Kunst und Kultur aus.

Indem das Ausstellungsprojekt die Neo-Avantgarden aus Ost und West zusammenführt, wird erkennbar, dass viele neue, nach dem Krieg produzierte Kunstformen - von der Medienkunst bis hin zur Konzeptkunst, von der Aktionskunst bis hin zur Klangkunst - ihre Ursprünge in Europa hatten oder sich in Parallelentwicklung zeitgleich in Westeuropa, den USA, Russland und Osteuropa formierten: zum Beispiel sind die Vertreter der Pop-Art aus Osteuropa, deren Kunst oft politisch motiviert war, bis jetzt viel weniger bekannt als ihre amerikanischen oder englischen KollegInnen.

Mit der Ausstellung und dem sie begleitenden Katalog werden mehrere neue Narrative für Europa entfaltet. Erstens: Die Nachkriegskunst wird als Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen des 2. Weltkrieges, des Holocaust und der atomaren Vernichtung interpretiert. Zweitens: Um 1960 setzen die Abkehr von der Abstraktion und die Zuwendung zu den Gegenständen ein. Drittens wird der utopische Aufbruch gezeigt, der 1968 konzentriert zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig findet 1968 der Einmarsch der Warschauer-Pakt Truppen in Prag statt. Diese Ereignisse markieren das Ende der Ausstellung. Viertens möchten die Kuratoren das historisch geteilte Europa kulturell vereinen. Zur Eröffnung gestern sprach Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Quelle: RP
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