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Krefeld
Zauberhafter Egelsberg oder: Warum Gerdi mit ihrer Bank vollkommen recht hat

Ein Spaziergang am Egelsberg
Ein Spaziergang am Egelsberg FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Krefelds weitester Blick: Der Egelsberg lockt mit seltener Flora und Fauna, Spazierwegen, die man perfekt von lang über mittel bis kurz dosieren kann - und einer Weite des Blicks die man so kaum findet in Krefeld. Außerdem geben die Segelflieger ihr Bestes, auch beim Blick nach oben für Unterhaltung zu sorgen. Ein Spaziergang. Von Jens Voss

Gerdi hatte vollkommen recht. Sie hat im März 2016 eine Bank für den Egelsberg gestiftet - an einer Stelle, an der man einen fabelhaften Blick hat. Über den von Wald und Baumgruppen gerahmten Feldern dort liegt ein zarter rötlicher Schleier. Flohknöterich. Hier könnte man prima Szenen für einen Mittelalterfilm drehen, so abgeschieden und zeitlos wirkt das Ganze. Wege, die mit Gras bewachsen sind. Eichen so ausladend wie im Fangorn-Wald aus "Herr der Ringe". Okay, es dürfte nicht gerade ein Flugzeug vorbeiknattern.

Der Egelsberg ist nicht Krefelds größtes Naturschutzgebiet, aber das weiteste. Dabei ist es gerade einmal 71 Hektar groß, und der Berg ist mit seinen 46 Metern Höhe eher ein Egelshügel. Dennoch: Dem Spaziergänger teilt sich hier am ehesten das Gefühl von Weite mit, mehr als im Stadtwald, der Wald heißt, aber ein Landschaftsgarten ist; mehr als auf dem Hülser Berg, der am ehesten Wald ist und überhaupt keine Ausblicke gewährt, es sei denn man steigt den Aussichtsturm hoch.

Der Egelsberg hat eine bewegte Geschichte hinter sich - Natur und Kultur sind darin engstens verwoben. Aufgetürmt wurde der Egelsberg als Endmoräne während der Saale-Eiszeit - ein Prozess, der vor rund 300.000 Jahren begann. Der Egelsberg ist Teil eines Höhenzuges, der sich den ganzen Niederrhein entlang gebildet hat. Besonderheit am Egelsberg: Es finden sich Reste eines "Sanders". Der Sander ist beim Abschmelzen des Gletschers entstanden - zurück blieben Sand und Kies als mineralarmer, saurer Boden, der so am Niederrhein selten ist und besondere Voraussetzungen für Flora und Fauna schuf. Die Abgeschiedenheit des Geländes machte den Egelsberg früh für das Militär interessant. Ab 1906 wurde er als Exerzierplatz der Krefelder Husaren benutzt, bis 1918 auch als Flugplatz. Später diente er bis in die 30er Jahren als Golfplatz - beinahe hätte dort Mies van der Rohe ein Golfclubheim gebaut. Das Modell war 2013 als begehbare Skulptur auf dem Egelsberg errichtet worden. Doch Mies' Pläne waren für die Zeitgenossen zu teuer, und so residierten die Golfspieler in Haus Bruckhausen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der Egelsberg wieder ans Militär - diesmal an britische Truppen. 1950 wurde der Krefelder Aero-Club gegründet, ab 1952 starteten dort Segelflugzeuge. 1987 gab es Bestrebungen, den Egelsberg nach dem Abzug der Briten wieder zum Golfplatz zu machen - die Pläne scheiterten am Widerstand der Traarer Bürger. Stattdessen wurde der Egelsberg 1991 Naturschutzgebiet.

Seitdem stützt der Mensch die ökologischen Besonderheiten des Areals. Die Panzer der Briten und der sandige Boden schufen die Voraussetzungen für den Heidebewuchs. Damit sich die seltene Flora dort weiter entwickelt, wurden systematisch Flächen freigelegt, auf dass sich die Heide diese Areale holt.

Erhalten werden sollen auch die Lebensbedingungen für das seltene Froschkraut. Das Pflänzlein hatte sich im heute versteckt in einem Wäldchen liegenden Heideweiher angesiedelt - die Panzer der Briten hatten dort ideale Lebensbedingungen für das Kraut geschaffen: Der Weiher war offen, das Ufer frei, also nicht bewachsen. Mit dem Abzug der Briten kam der Wald, das Ufer ist nun eng bewachsen, das Gewässer mit Laub belastet. Versuche, den Wald zurückzudrängen, sind gescheitert. So hat man einen künstlichen Weiher im offenen Gelände angelegt - dort soll das Kraut nun gedeihen.

Auch der Bergbau hat dem Gelände seinen Stempel aufgedrückt: Der westliche Rand des Egelsberges ist seit den 80er Jahren um zwei Meter abgesackt - damit wurde der Boden unbrauchbar für die Landwirtschaft und versumpfte. Heute steht dort ein schmaler Streifen Wald, der in ein Feuchtgebiet ausläuft. Am Wegesrand stehen meist Eichen, weiter unten im sumpfigen Grund schmale schlanke Erlen.

Auf dem Egelsberg bieten sich dem Spaziergänger viele Möglichkeiten, kleine, mittlere und große Runden zu drehen - mal nur in der Sonne, mal mit Schattengang durch den Waldstreifen. Und wenn die Segelflieger fliegen, ist auch der Blick nach oben spannend. So ist der Egelsberg in Krefeld auch ohne Höhe am meisten Berg: Schon unten offen wie der Himmel.

Quelle: RP
 
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