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Krefeld
Zehn Prozent mehr Gehalt? Aus dem Alltag einer Erzieherin

Krefeld. Verdi fordert eine drastische Gehaltserhöhung für Erzieher. Zu Recht? Nicole Dierkes (Foto) arbeitet als Erzieherin in der Kita an der Ritterstraße. Die 40-Jährige berichtet über ihren Alltag. Von Saskia Nothofer

Kochen, gärtnern, die Kühlschranktemperatur messen und Glühbirnen austauschen sind nur einige der Aufgaben, die Nicole Dierkes neben der Betreuung von Kindern bei ihrer Arbeit als Erzieherin erfüllen muss. "Ich habe locker zehn Nebenjobs", sagt die 40-Jährige. Ihre eigentliche Tätigkeit soll weit mehr sein als das bloße Bespaßen von Kleinkindern. Die Erzieherin muss die soziale Kompetenz und diverse Bildungsbereiche der Zwei- bis Siebenjährigen fördern.

Sie muss die täglichen Abläufe und die Entwicklung jedes Kindes - wie die Sprachentwicklung - regelmäßig schriftlich dokumentieren. Sie muss wickeln, trösten, häusliche Gewalt und Missbrauch frühzeitig erkennen, Ausflüge organisieren und Turnunterricht geben. "Es ist kaum zu schaffen", sagt die 40-jährige Gruppenleiterin.

Der Bericht von Dierkes ist für Verdi ein Beleg mehr, dass die Anforderungen an die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst gestiegen sind. Im Tarifkampf um mehr Gehalt kam es auch gestern wieder zu Warnstreiks der Erzieher und Kinderpfleger in NRW (nicht in Krefeld). Das Ziel: Eine höhere Eingruppierung und damit im Durchschnitt eine Gehaltserhöhung um zehn Prozent. Nach Berechnungen von Verdi könnte dies so aussehen: Eine Kinderpflegerin, die derzeit nach einem Jahr Berufserfahrung rund 2433 Euro brutto verdient, soll heraufgestuft werden und 2756 Euro bekommen. Eine Erzieherin, die eine Gruppe leitet, soll statt der ungefähr 2768 Euro künftig 2991 Euro brutto erhalten. "Was früher noch zu Hause gelernt wurde, müssen heute die Erzieher den Kindern beibringen", sagt Dierkes. Grundsätzliche soziale Umgangsformen wie "Bitte", "Danke" oder "Guten Morgen" müssten dabei ebenso vermittelt werden wie das Verhalten in Gruppen, das Essen mit Messer und Gabel oder das Schnüren von Schuhen. Zudem müssen die Erzieher einen Bildungsauftrag erfüllen. Das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) sieht verschiedene Bereiche - wie Medien, Natur und Bewegung - vor, die gefördert werden sollen. Basteln, die Betreuung naturwissenschaftlicher Experimentierbereiche, Musikunterricht, Lernspiele und Vorlesen sind nur einige der Fördermaßnahmen, die von den Erziehern zu erfüllen sind. "Wenn dann noch einer weint und ein drittes Kind gewickelt werden muss, wird es schwierig", sagt Dierkes.

Aus ihrer Sicht liegt der Grund, dass die Vielzahl der Aufgaben kaum zu bewältigen ist, auf der Hand: Es werden zu wenige Erzieher beschäftigt. In der Regel kommen 2,5 bis drei Erzieher auf 20 bis 25 Kinder. Durch Krankheit, Urlaub oder Fortbildungen kommt es allerdings oft vor, dass nur eine Erzieherin die Gruppe betreut. Verstärkt wird das Personalproblem durch die Integration beziehungsweise Inklusion verhaltensauffälliger oder behinderter Kinder, die gesonderte Aufmerksamkeit beanspruchen. "Die Idee ist gut, aber es fehlt an Kräften, die die zusätzliche Arbeit auffangen", sagt Dierkes. Am Ende seien die übrigen Kinder die Leidtragenden, da ihnen weniger Beachtung geschenkt werden könne. Genau diese benötigen die Kinder laut Dierkes jedoch, da Erzieher vieles auffangen müssten, was in Familien oft zu kurz kommt: "Kuscheleinheiten gibt es für viele der Kleinen nur von uns." Auch Themen wie häusliche Gewalt oder sexueller Missbrauch seien permanent präsent. "Man muss die Kinder und ihr Umfeld ständig beobachten und zur Not eingreifen", sagt die Erzieherin. Verhält sich ein Kind anders? Auffällig? Gibt es bei den Eltern vielleicht Probleme mit Alkohol oder Drogen? "Man ist ständig auf der Hut."

Zwar geht Nicole Dierkes gerne zur Arbeit, hätte sie jedoch noch einmal die Wahl, würde sie sich für einen Job entscheiden, bei dem sie mehr verdient. Um ihr Einkommen aufzubessern, geht die 40-Jährige einer zusätzlichen Beschäftigung nach: Sie arbeitet als Platzanweiserin und Garderobiere im Königpalast. "Zweitjobs sind unter Erziehern nichts Ungewöhnliches", sagt sie. Viele gingen nach Feierabend noch putzen oder kellnern.

Heute steht die nächste Verhandlungsrunde für die bundesweit insgesamt mehr als 220 000 Beschäftigten dieser Sparte in Hannover an.

Quelle: RP
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