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Krefeld
Zu viele junge Leute drängen an die Universität

Krefeld: Zu viele junge Leute drängen an die Universität
Warum nicht die Ferien zur Berufsorientierung nutzen? Sabine Haberland-Hoffmann, Leiterin Ausbildung bei der Sparkasse, rät jungen Leuten mit Abitur, nicht ungeprüft auf ein Studium zu setzen. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin bescheinigt den Deutschen einen "Akademisierungswahn" - heute Abend hält er beim "Impulse"-Wirtschaftsforum einen Vortrag in Krefeld. Praktiker wie Sabine Haberland-Hoffmann, Ausbildungsleiterin bei der Sparkasse, teilen seinen Ansatz: Zu viele junge Leute drängen an die Uni; viele wissen nicht, wie erfolgreich andere Ausbildungswege sind. Von Jens Voss

Es ist schon Ironie der Geschichte: NRW verkürzt die Schulzeit bis zum Abitur auf acht Jahre, damit junge Leute früher in den Beruf starten können - und Jugendliche strömen nach der Schule zuhauf ins Ausland, um die Welt zu sehen und zu reifen. Das gewonnene Jahr ist wieder futsch. Praktiker aus der Wirtschaft sehen das skeptisch: "Nicht nur Auslandsaufenthalte bringen die jungen Leute automatisch weiter, auch wenn das gerne behauptet wird", sagt etwa Sabine Haberland-Hoffmann, Leiterin Ausbildung bei der Sparkasse; wichtig sind auch Praktika, möglichst schon in der Schulzeit. Sie erlebt zu oft, dass Jugendliche bestürzend wenig orientiert sind über die Welt der Berufe. Vorurteil Nummer eins: Ein Studium ist der Königsweg in eine erfolgreiche Zukunft.

Eben dagegen rennt zurzeit der Philosoph Julian Nida-Rümelin an - er tourt mit dem Vortrag "Stoppt den Akademisierungswahn!" durch die Republik und ist heute Abend der Hauptredner bei der diesjährigen Veranstaltung "Impulse - das Wirtschaftsforum am Niederrhein", den IHK und Rheinische Post ausrichten. Nida-Rümelin rennt bei Praktikern wie Haberland-Hoffmann offene Türen ein. Auch Paul Neukirchen, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Krefeld-Viersen, sieht den Drang zur Universität mit Sorge: "Die Zahl der Abiturienten ist auf rund 47 Prozent gestiegen. Die meisten streben dann auch ein Studium an. Da treibt uns schon die Sorge um, dass wir den Bedarf an Fachkräften zukünftig nicht mehr decken können."

Mit auf dem Spiel steht damit etwas, um das Deutschland von der Welt beneidet wird: das duale Ausbildungssystem. Neukirchen dazu: "Fachleute gehen davon aus, dass wir 2030 eine Lücke von vier Millionen nicht-akademischen Fachkräften haben. Da ist sicherlich was dran. Schon jetzt stehen in jedem Jahr weniger Jugendliche eines Jahrgangs für die duale Ausbildung zur Verfügung." Die Folge: Mangel an Fachkräften in den Betrieben.

Die Hoffnung, über ein Studium den besten Einstieg ins Berufsleben zu haben, ist aus Sicht von Praktikern wie Haberland-Hoffmann und Neukirchen trügerisch. "Für viele junge Leute gilt das Studium als Königsweg in eine gute berufliche Zukunft - ohne genau hinzugucken, ob das Studieren oder ein Studienfach zu ihnen passt", sagt Haberland-Hoffmann, "ein Studium ist nicht für jeden das Richtige, auch wenn man das Abitur hat. Auch im Handwerk muss man heute tief und vernetzt denken, und es ist schon manchmal unglaublich, was sich zum Beispiel Auszubildende der Sparkasse an Gesetzeswissen aneignen müssen."

Auch die Verdienstmöglichkeiten sind für Studienabsolventen nicht unbedingt höher als bei anderen Ausbildungswegen - Neukirchen sagt unumwunden: "Es ist falsch, wenn behauptet wird, mit einem akademischen Abschluss könnte man mehr Geld verdienen. Das kann sein, muss aber nicht sein." Mit Bachelor-Abschlüssen könne man heute nicht unbedingt gutes Geld verdienen, und zu den Master-Studiengängen würden nur rund 20 Prozent der Studierenden zugelassen. "Im Vergleich der Verdienstsituationen stehen Handwerker-Gesellen sehr gut da; und wenn sie ihren Meister oder sich selbstständig machen, verdienen sie sicher mehr als ein Bachelor-Absolvent." Eine Ausbildung ist zudem heute meist nur ein Eintrittstor in eine Welt der Weiterbildung: "Die Wege in vielen Unternehmen und Sparten sind heute so vielfältig, dass man auch ohne Studium viel erreichen kann", betont Haberland-Hoffmann.

Vor diesem Hintergrund sind Studienabbrecher für Neukirchen und Haberland alles andere als übel beleumundet. "Studienabbrecher haben bei uns nicht den Makel des Versagers, im Gegenteil: Es erfordert Mut und Ehrlichkeit, ein Studium abzubrechen", sagt Haberland-Hoffmann. Sie kennt die Not hinter einer solchen Entscheidung: "Viele junge Leute sagen mir, dass sie den Schritt schon früher getan hätten, aber ihre Eltern nicht enttäuschen wollten und sich noch ein, zwei Semester länger mit der Situation abgequält haben." 22 Prozent der Sparkassen-Auszubildenden im Jahrgang 2015 seien Studienaussteiger. Auch die Kreishandwerkerschaft spricht Studienabbrecher gezielt an - handwerkliche Grundbegabung vorausgesetzt. Und Neukirchen betont, dass sich niemand mit Abitur im Handwerk unter Wert verkauft: "Eine Handwerksausbildung stellt heute auch für Abiturienten eine Herausforderung dar."

Haberland-Hoffmann legt jungen Leuten dringend Berufsorientierung ans Herz, um für sich herauszufinden, was gut für einen ist - zum Beispiel durch Berufspraktika während der Schulzeit. Warum nicht mal die Sommerferien dafür nutzen? "Und", so sagt sie, "vielleicht sollte mancher, der ein Jahr ins Ausland geht, auch Zeit für die Berufsorientierung nutzen, um mal hier und mal da reinzuschnuppern."

Quelle: RP
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