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Krefeld
Zug der Erinnerung

Krefeld. Am Samstag früh fährt ein besonderer Zug in den Krefelder Hauptbahnhof ein. Der "Zug der Erinnerung" ist eine rollende Ausstellung über die Deportation der Juden in Konzentrationslager während der NS-Zeit. Von Martin Röse

Bis Dienstag bleibt der Zug an Gleis 5 stehen – im letzten Waggon gibt es Informationen, was mit den Krefeldern passierte.Vergangene Woche hat Ingrid Schupetta eine E-Mail aus Melbourne in Australien bekommen. Angehängt war ein Foto, das am 11. Februar 1929 in Krefeld aufgenommen wurde. Es zeigt eine Schulklasse.

Das Foto war ein Abschiedsgeschenk für den langjährigen Lehrer Salomon Andorn. Die Schüler lächeln. Deutschland ist eine Demokratie. Wenig später wird ihnen nach dem Leben getrachtet. Nicht, weil sie etwas getan haben. Sondern weil sie den jüdischen Glauben haben.

Helmuth Pappenheimer, der Junge, der in der ersten Reihe in der Mitte fröhlich in die Kamera schaut, träumt davon, Weber zu werden. Er wird es nur kurz. Dann wird er abgeholt. Vom Krefelder Hauptbahnhof tritt er die letzte Reise seines Lebens an. 1942 wird er im Lager Izbica ermordet. Andere können sich retten. Wie Kurt Gimnicher. In Australien nennt er sich Gimson. Sein Sohn Max hat das Foto nach Krefeld gemailt.

Morgen wird dieses Foto Teil einer außergewöhnlichen Ausstellung sein. Auf Gleis 5 fährt der "Zug der Erinnerung" in den Krefelder Hauptbahnhof ein. Dorthin, wo für viele Krefelder Juden der Weg in die Konzentrationslager begann. Kinder der Regenbogenschule werden für den musikalischen Rahmen sorgen. Der Oberbürgermeister wird um 11 Uhr zur Eröffnung sprechen. Das Grauen lauert im letzten Waggon.

Die erste Deportation

Dort zeichnen 16 Plakate detailliert die Verschleppung der Krefelder Kinder und Jugendlichen nach. Ingrid Schupetta, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle, hat sie aufwändig zusammengetragen – sie nahm Kontakt zu Familienangehörigen auf, die in Arizona und an der Westküste der USA leben oder nach England emigrierten.

Sie besorgte Bilder bei der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Und zeichnete die Routen nach, die Krefelds jüdische Kinder in die Vernichtungslager der Nazis nahmen.

Am 26. Oktober 1941 startete die erste Deportation vom Krefelder Hauptbahnhof ins "Ghetto Litzmannstadt". Der Transport wurde unter Mitwirkung verschiedener Behörden im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf zusammengestellt. Nicht mal zwei Monate später setzte sich der nächste Zug vom Krefelder Hauptbahnhof in Bewegung: Am 10. Dezember 1941 hieß das Ziel "Ghetto Riga".

Der Großteil der Krefelder Juden wurde im Jahr 1942 deportiert. Am 22. April und am 15. Juni hieß war das Zwischenlager Izbica das Ziel, am 25. Juli wurden Krefelder jüdischen Glaubens über 65 Jahren ins Altersghetto Theresienstadt transportiert. Acht Monate vor Kriegsende setzte sich am Krefelder Hauptbahnhof der letzte Deportationszug in Bewegung. Er ging am 17. September 1944 unter anderem nach Theresienstadt.

Stadt hat noch nicht gezahlt

Fast sieben Jahrzehnte später erreicht nun der Gedenkzug den Bahnsteig. Es ist nicht billig; die Deutsche Bahn verlangt eine Gebühr für die Streckenbenutzung. Der Stadtrat stimmte der Unterstützung zu. 5000 Euro wurden bewilligt; fast doppelt so viel wie der Jahresetat der NS-Dokumentationsstelle "Villa Merländer".

Ausbezahlt wurden die 5000 Euro noch nicht, weil der Haushalt noch nicht genehmigt ist. Geld gaben auch Bürgervereine, der Evangelische Gemeindeverband, das Regionaldekanat der Katholischen Kirche, die Altkatholische Gemeinde, die Parteien FDP und Grüne, Verdi und IG Metall, aber auch Firmen wie Kaufhof, Sparkasse, Deutsche Bank, Schmolz & Bickenbach, Cargill – und gut ein Dutzend Familien.

Quelle: RP
 
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