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Zugsparte: Siemens hübscht die Braut auf

Rp-Analyse: Zugsparte: Siemens hübscht die Braut auf
Die 2400 Beschäftigten von Siemens in Uerdingen wurden gestern über den geplanten Stellenabbau am Standort informiert. Der Konzern hatte angekündigt, 300 Arbeitsplätze streichen zu wollen. FOTO: Lammertz
Krefeld. Der sozialverträgliche Abbau von 300 Stellen am Standort Krefeld ist nicht das Problem. Eine Fusion mit Bombardier birgt mehr Sprengstoff. Von Norbert Stirken

Der Abbau von 300 Stellen im Siemens-Zugwerk in Uerdingen ist nicht das eigentliche Problem. Daran ändern auch die Empörungsrituale der Arbeitnehmervertretungen, Gewerkschaften und Lokalpolitiker nichts. Die Verschlankung am Standort Krefeld, die laut Zusicherung der Konzernspitze sozialverträglich vonstatten gehen soll, scheint erst der Anfang einer radikalen Änderung - die Fusion der Bahnsparte mit dem kanadischen Konkurrenten Bombardier. Das kann dann zum eigentlichen Problem werden. Vieles gäbe es dann doppelt, würde aber nicht mehr benötigt. Offiziell werden die angeblich seit Januar laufenden Verhandlungen von Siemens nicht bestätigt.

Die westlichen Zugproduzenten Alstom aus Frankreich, Siemens aus Deutschland und Bombardier aus Kanada geraten gegen die chinesische Konkurrenz zunehmend ins Hintertreffen. China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC) überzeugt die Kunden mit günstigen Preisen und guter Qualität. Dafür hat das westliche Dreigestirn über mehrere Jahrzehnte mit seinem Technologietransfer nach China selbst gesorgt.

Die Braut Krefeld soll offenbar vor einem womöglich beabsichtigten Zusammenschluss von Siemens und Bombardier aufgehübscht werden. Dabei hat sie es eigentlich gar nicht nötig. In Uerdingen arbeiten top ausgebildete Kräfte im vielleicht modernsten Werk der Welt für den Bau von Hochgeschwindigkeitszügen und Regionalbahnen, wenige Kilometer entfernt in Wegberg-Wildenrath verfügt Siemens sogar über eine eigene Teststrecke.

Dass die Not für die Beschäftigten vor allem bei Bombardier groß ist, wissen auch die Arbeitnehmervertreter von Siemens und die Gewerkschafter in Krefeld. "Die Kolleginnen und Kollegen in Henningsdorf, Görlitz und Bautzen kämpfen mit Unterstützung der IG Metall und der Politik, um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Zuletzt ließ Bombardier in den Medien verlauten, man wolle bis Juli ein Konzept für die deutschen Standorte vorlegen", hieß es in einer Krefelder Mitarbeiterzeitung (wir berichteten).

Die linksliberale Frankfurter Rundschau will gehört haben, dass sich die IG Metall bei einer Fusion "nicht grundsätzlich querstellen würde". Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) vermutet in einem Bericht auf ihrem Online-Portal, dass die IG Metall bei den Geheimgesprächen von Siemens und Bombardier mit am Tisch sitze. Für die Gewerkschaft gehe es demnach in erster Linie darum, den Führungsanspruch beim fusionierten Zugproduzenten zu klären. Deutsche Gewerkschafter sähen den gerne bei Siemens. Die SGP kritisiert einen "Standort-Patriotismus der Gewerkschaft" und bezeichnet diese Einstellung als reaktionär. Sie diene dazu, die Arbeiter unterschiedlicher Standorte gegeneinander auszuspielen. Branchenkenner gehen davon aus, dass eine Fusion tausende Arbeitsplätze kosten könnte. Darüber hinaus seien auch kartellrechtliche Fragen zu klären.

Der angekündigte und der Belegschaft gestern Mittag mitgeteilte Stellenabbau in Krefeld stößt in Krefeld auf heftige Kritik seitens der Krefelder Gewerkschaften. Seit nunmehr drei Jahren würden seitens des Konzerns immer wieder Versuche gestartet, im Rahmen der Umstrukturierungsprozesse auch das Krefelder Werk zur Disposition zu stellen. Verkaufsabsichten an den Alstom-Konzern, Fusionsverhandlungen mit Bombardier und nun ein direkter Arbeitsplatzabbau. Nach Einschätzung des DGB zeige das Verhalten der Konzernspitze ein hohes Maß an Planlosigkeit und strategischem Wirrwarr. "Wir haben hier in Uerdingen das modernste Werk seiner Art auf der Welt, die Auftragsbücher sind gut gefüllt, die Kollegen leisten eine hochqualifizierte und hocheffiziente Arbeit. Aber diesem Konzern scheint eine Marge von vier Prozent zu wenig zu sein, man hat ja ambitionierte zehn Prozent im Blick. Das Motto des Konzerns lässt sich ziemlich plakativ darstellen: Marge vor Mensch", sagt Krefelds DGB-Vorsitzender Ralf Köpke. Sein Stellvertreter Phillip Einfalt, ergänzt: "Auch unter dem Gesichtspunkt Bildung ist nicht nachzuvollziehen, dass ein Unternehmen, welches über Probleme klagt, Fachkräfte zu finden, nun massiv auch bei der Ausbildung einsparen will. Wir brauchen in Krefeld und NRW Unternehmen, die für gute Aus- und Weiterbildung eintreten und diese durch genügend und gutes Personal gewährleisten."

Beide versichern der Belegschaft ihre Unterstützung und die Solidarität der Krefelder Gewerkschaften in der kommenden Auseinandersetzung zwischen Konzern, Betriebsrat und IG Metall.

Mit Besorgnis reagierten die SPD-Landtagskandidaten Benedikt Winzen und Ina Spanier-Oppermann auf den angekündigten Stellenabbau. Auch wenn der Abbau sozialverträglich gestaltet und nicht mit betriebsbedingten Kündigungen einhergehen solle, sei der Wegfall von 300 Stellen ein harter Schlag für die Beschäftigten und den Standort Krefeld insgesamt. Die SPD-Fraktion wolle das Gespräch mit Betriebsrat und Standortleitung suchen.

Quelle: RP
 
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