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Krefeld
Zur Geschichte des Karlsplatzes

Krefeld: Zur Geschichte des Karlsplatzes
Dieses Foto hat uns Hans Dieter Peschken zugesandt: Der Blick geht vom Westwall zum Museum; die Straße vor dem Museum macht einen leichten Bogen, um das Museum zu umgehen. FOTO: Peschken
Krefeld. Anwohner kämpfen dafür, die Westwall-Durchfahrt vor dem Kaiser-Wilhelm-Museum wieder zu öffnen. Stadthistoriker verweisen auf Vagedes und seine vier Wälle. Doch ein Blick in die Historie zeigt: Der Karlsplatz hat ein Jahrhundert lang den Westwall durchschnitten. Bis 1966. Von Jens Voss

Was immer man gegen die Pläne der Stadt zur Gestaltung des Karlsplatzes vor dem Museum vorbringt - mit Vagedes kann man schlecht argumentieren. Der Karlsplatz hat ein Jahrhundert lang den Westwall durchschnitten. Damit geraten alle Vagedes-Jünger in die Bredouille: Warum soll die Vagedes-Planung höheren Wert haben als ein Jahrhundert städtisches Leben mit dem Karlsplatz? Welche Phase ist kanonbildend? Und warum? Krefeld darf sich auf herrliche Debatten freuen.

Das Schöne ist: Sie wurden so ähnlich schon geführt. Nachlesen kann man das alles in dem fabelhaften Katalog "Rekonstruktion der Stadt I", der eine Ausstellung des Kaiser-Wilhelm-Museums aus dem Jahr 1990 dokumentiert. Es ging um die Geschichte des Karlsplatzes und des Kaiser-Wilhelm-Museums.

Der Karlsplatz 1903: Die Freitreppe prägt den Eingang; eine Straße führt vorbei - ihre Intention ist es aber weniger, den Westwall zu verlängern, sondern eine Möglichkeit zum Vorfahren zu schaffen. Der Platz vor dem Museum war auf den Baukörper zugeordnet; der Karlsplatz blieb als Platz erkennbar. Diese Anmutung hatte im Wesentlichen bis 1966 Bestand; erst dann wurden die Treppe abgerissen und das Haus umgestaltet. FOTO: Lammertz / aus: Katalog "Rekonstruktion der Stadt I" zur Ausstellung des des Kaiser-Wilhelm-Museums zur Geschichte des Karlsplatzes

Dort kann man lesen: Als 1889 Pläne für den Neubau eines Museums auf dem Karlsplatz ruchbar wurden, gab es heftige Proteste aus der Bürgerschaft. Der Karlsplatz war zu diesem Zeitpunkt seit Jahrzehnten beliebter, gut genutzter Markt-und Kirmesplatz; die Leute wollten ihn behalten, und Vagedes samt seinem Westwall waren ihnen dabei schnurzegal.

Denn der Karlsplatz, das ist auf alten Karten gut zu erkennen, war ein großer, freier, quadratischer Platz, der den Westwall schlicht durchschnitt. Daran änderte sich im Prinzip auch nach dem Bau des Museums wenig. Denn bekanntlich setzten sich die Anwohner im Quartier nicht durch. Das Museum wurde 1894 bis 1896 gebaut, und zwar mit prachtvoller Freitreppe.

Planskizze für den Neubau eines Museums auf dem Karlsplatz aus dem Jahr 1891: Die Skizze zeigt, dass der Karlsplatz seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein großer, freier Platz war, der den Westwall durchschnitt. FOTO: Lammertz Thomas

Das 1897 eröffnete Museum stand nunmehr im Zentrum des Platzes. Vor dem Eingang wurde eine schmale Straße gezogen. Doch ihre Intention war es nicht, den Westwall zu verlängern, sondern eine Vorfahrt vor die prachtvolle Freitreppe zu ermöglichen. Darstellungen und Fotos, die diesen Zustand dokumentieren, zeigen: Der Karsplatz blieb als Platz zu erkennen; die Gestaltung fasste und betonte den prachtvollen Eingangsbereich des Museums. Das blieb so auch nach der Erweiterung des Museums (die Eröffnung wurde 1912 gefeiert) bis in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts, als erneut eine Umbaudebatte begann. Wenn also die Stadt nun den Platz wieder als Platz erkennbar macht, knüpft sie an den Zustand an, den es seit 1897 gab.

In der Debatte, die seit Anfang der 60er Jahre um den Umbau und die Sanierung des KWM geführt wurde, kristallisierte sich rasch ein zentraler Punkt heraus: Sollte man die Freitreppe abbrechen oder nicht? Der Grund war keineswegs nur auf den vermeintlichen automobilen Wahnsinn von Verkehrsplanern zurückzuführen, die nicht genug Straßen für den immer stärker werdenden Autoverkehr bauen konnten. Diesen Eindruck erwecken gleich zwei Beiträge in dem Katalog - das Vorwort des damaligen KWM-Leiters Gerhard Storck und ein Beitrag von Maria Stratmann zur Geschichte des Karlsplatzes: "Der Umbau der Hauptfassade des Museums geschah aus rein verkehrstechnischen Gründen", schreibt sie kategorisch, und Storck sekundiert: "Erst in den sechziger Jahren, als die Verkehrsplaner rücksichtslos darüber entscheiden konnten, was dem Verkehrsfluß geopfert werden mußte, wurden vor dem Museum alle Hemmnisse beseitigt."

Plan für Museumsneubau plus Platzgestaltung aus dem Jahr 1897: Neu ist die Straße, die an der Freitreppe des Museums vorbeiführt - als Zufahrt. Damit ist die Westwallanbindung eingeleitet. FOTO: Lammertz Thomas

Der eigene Katalog widerspricht beiden: Neben den Plan, den Westwall zu einer Verkehrsachse zu machen, trat auch der Wunsch, mehr Ausstellungsfläche zu gewinnen. Die Verwaltung schlug daher vor, die Freitreppe außen zu beseitigen, am Fuß der Straße einen neuen Eingang zu schaffen und das alte Treppenhaus im Innern von zwei neuen Decken horizontal zu durchschneiden, "wodurch ein Drittel des bisherigen Gesamtbodens an neuer Ausstellungsfläche hinzugewonnen wird". Das war ein heftiger Eingriff ins Gebäude, und es gab Brandbriefe von Professoren, die die Stadt beschworen, sich nicht an historischer Bausubstanz zu vergehen. Wie wir wissen: vergeblich.

Die Stadt hatte aber - so viel Gerechtigkeit muss sein - gute Gründe, weil sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte. Mit dem Abbruch der Freitreppe konnte der Westwall endgültig zur Verkehrsachse ausgebaut werden und das Museum frischen Raum gewinnen. 1966 war es soweit: Die Freitreppe wurde abgerissen.

Der Preis war hoch. Der Karlsplatz war als Platz zerstört. Heute redet man bezeichnenderweise fast nur noch vom Westwall und kaum noch vom Karlsplatz vor dem Museum - auf diesen signifikanten Sprachgebrauch hat uns Hans Dieter Peschken, ehemaliger Mitarbeiter unserer Redaktion, aufmerksam gemacht. Er hat als Westwall-Anwohner auch ein Foto geschickt, an dem deutlich wird, dass die Straße in Höhe des Museums einen leichten Bogen zieht - sie umfährt gleichsam das Museum; daran ist auch zu sehen, dass hier ein gewaltsamer Eingriff in eine gewachsene Struktur vorgenommen wurde.

Und heute? Die Stadt möchte mit ihrer Planung dezidiert an die Karlsplatz-Vergangenheit anknüpfen. Hauptgrund: Das prachtvolle Gebäude kommt erst dann voll zur Geltung - wie bei Juwelen vollendet erst die Fassung den Schmuck.

Die Zahlen, die die Stadt gestern vorgelegt hat, zeigen: Verkehrsachse, die der Westwall Anfang der 60er werden sollte, ist er nicht. Es geht also vor allem um einen ästhetischen Wurf: Krefeld kann den Karlsplatz als schönen städtischen Raum zurückgewinnen.

Quelle: RP
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