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Krefeld
Zwei Opern wie feinste Luxusseife

Krefeld: Zwei Opern wie feinste Luxusseife
Eine der schönsten Szenen aus "Cavalleria rusticana": die große Osterprozession des Chores. Der erste Teil des Abends ist ein Klangfest in den wonnigsten Moll-Farben. Herausragend ist Eva Maria Günschmann (rechts) in der Rolle der Santuzza. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Das Experiment ist geglückt: Die Opern "Cavalleria rusticana" und "Gianni Schicchi" glänzen als Fortset-zungsgeschichte mit Soap-Opera-Charme und hochkarätigem Ensemble. Von Petra Diederichs

Die Tragödie ist dunkel gehalten: Vor einer schwarzen Bühnenwand sitzt der Chor in gebeugter Haltung. Das sind die Alten, die zurückgeblieben sind, als die Jungen das Dorf verlassen haben, um in den Städten ihr Glück und ihren Broterwerb zu suchen. Behäbig ist jede Bewegung. Allein die Musik ist frisch, legt ein bisschen von der Hoffnung aus den jüngeren Jahren frei, wenn der Erlöser in schönsten Gesängen gepriesen wird. "Cavalleria rusticana" beginnt wie ein früher Visconti-Film in Schwarz-Weiß. Regisseur Francois De Carpentries, Bühnenbildner Siegfried E. Mayer und Karine Van Hercke (Kostüme und Regiemitarbeit) leeren ein Füllhorn von Melancholie über Pietro Mascagnis Operneinakter von 1890 über die "Sizilianische Bauernehre". Die Handlung haben sie in die 1930er Hungerjahre in einem süditalienischen Dorf verlegt - ein cleverer Dreh, der seine geniale Wucht am Ende des Abends enthüllen wird. Denn diesmal ist die Tragödie der kleinen Leute ergänzt mit Giacomo Puccinis 28 Jahre später uraufgeführten Burleske "Gianni Schicchi", die in De Carpentries Inszenierung 35 Jahre später in den grellen 60er Jahren spielt - als Fortsetzung einer Familiensaga. Als "soap opera auf der Opernbühne" hat der Regisseur den Abend angelegt. Aber es ist Luxusseife mit feinsten Duftnuancen, die er da aufschäumt. Der Clan der Schicchis und Donatis (deren Nachnamen De Carpentries einfach in die erste Oper überträgt ) erlebt gute Zeiten, schlechte Zeiten und jede Menge Drama, bei dem das Publikum mitleidet oder sich vergnügt. Auch musikalisch ist das grandios geglückt. Die mutige Idee, die Sopran-Partie der Santuzza mit Eva Maria Günschmann (Mezzo) zu besetzen, geht auf: Sie leidet filmpreisreif unter dem Seitensprung des Mannes, dessen uneheliches Kind sie erwartet: Turiddu. Die Spitzentöne krönt sie mit einem Trauerflor, der sie nicht als eifersüchtig Zürnende zeigt, sondern als gebrochene Frau, die von der Scham paralysiert wird. Ihre Stimme strahlt Tiefe und Eleganz aus - und berührt. Michael Wade Lee gibt den Turrido mit stählerner Stimme, stark und kühl, wenn er Santuzza abweist, weil er sich wieder seiner früheren Liebe Lola (Izabela Matula in gewohnte Klangreinheit) zuwendet, einer für die Zeit skandalös freizügig gekleideten Platinblondine, die aber auch nur auf der Suche nach dem kleinen bisschen mehr an Glück ist. De Carpentries zeichnet die Figuren sorgfältig - und das Ensemble bringt sie alle auf Lebenstemperatur.

Eine der schönsten Szenen ist die Osterprozession, bei der Chor und Niederrheinische Sinfoniker - dirigiert von Generalmusikdierktor Mihkel Kütson - weihevoll und vielfarbig zu Hochform auflaufen.

Satik Tumyan als resolute Mamma Lucia ist augenfälligstes Bindeglied zwischen den beiden Opern. So energisch sie in der "Cavalleria" für ihren Sohn Turiddu eintritt, so beherzt "erlöst" sie in "Gianni Schicchi" den fürchterlich hustenden Buoso (Christoph Mühlen) mit einem Kopfkissen von den Qualen des Lebens - auf eine üppige Erbschaft hoffend und späte Rache nehmend. Weil sie und der Rest des Clans leer ausgehen sollen, bitten sie den klugen Gianni Schicchi um eine "Korrektur" des Testaments. Der nutzt das zum eigenen Vorteil, und nun haben die Angehörigen wirklich Grund zur Trauer.

Inhaltlich ist der Einakter dünn - und auch musikalisch nicht Puccinis größter Wurf - abgesehen von der berühmten Arie "O mio babbino caro", die Sophie Witte steinerweichend schön singt, und wundervollen Duetten zwischen Witte und Michael Siemon. Durch das inhaltliche Band und die Farbkontraste gewinnt der zweite Teil enorm. Kaum öffnet sich der Vorhang vor der blumigen und gestreiften Bühne, über der ein Malkasten explodiert zu sein scheint, beginnt das Gelächter im Publikum. Die letzte knappe Stunde wird zum Vergnügen, das den großartigen ersten Teil des Abends krönt.

In einem auf den Punkt agierenden Ensemble ist vor allem Johannes Schwärsky zu nennen, der den gehörnten Alfio "Schicchi" im ersten Teil und dessen Sohn Gianni als verschlagenen 68er-Intellektuellen mit gestochen scharfem Gesang verkörpert. Nach der großen Mollflut nimmt er die Pointenparade mit Verve. Von der Gottesgläubigkeit zur Geldhörigkeit: Das Premierenpublikum spendete allen Beteiligten großen Beifall, für das Inszenierungsteam gab es Bravo-Rufe.

Quelle: RP
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