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Krefeld
Zweites große Premierenwochenende

Krefeld: Zweites große Premierenwochenende
Szene aus dem dreiteiligen Ballettabend "Sinfonie des Lebens" von Robert North. Die Produktion hat in der vergangenen Spielzeit das Publikum in Mönchengladbach begeistert und ist mit dem RP-Theater-Oscar 2017 ausgezeichnet worden. Die Premiere ist am Sonntag, 8. Oktober, ab 19.30 Uhr, im Theater. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Das Theater zeigt ab heute ein weiteres Stück außereuropäischen Theaters: "Cavalo de Santo - Das Pferd des Heiligen". Und am Sonntag hat Robert Norths Choreografie "Die Sinfonie des Lebens" Krefeld-Premiere. Von Petra Diederichs

Mittendrin werden sich die Zuschauer heute Abend fühlen, mitten in der Welt von Inácio und Graca in einem kleinen, total überfüllten Zimmer, in dem tropische Pflanzen wild wuchern - und sogar in den Zuschauerraum in der Fabrik Heeder hineinranken. Lydia Merkel hat das Bühnenbild für "Cavalo de Santo" gebaut. Eine begehbare Skulptur schwebte Regisseur Jessé Oliveira vor. Der Mann aus Porto Alegre hat 2002 die afrobrasilianische Theatergruppe Caixa Preta (Black Box) gegründet, die vor allem Klassiker des europäischen Theaters für ein brasilianisches Publikum inszeniert. Jetzt zeigt der Endvierziger das Zwei-Personen-Stück, das die brasilianische Autorin Viviane Juguero nach seinen Ideen entwickelt hat, auf der Studiobühne in Krefeld. Es ist Oliveiras' erste Regiearbeit in Europa. Und der Abend in der Reihe "Außereuropäisches Theater" wird auch fürs Publikum Neuland sein.

Denn Oliveira will keine stringente Geschichte erzählen, sondern einen Mikrokosmos aus seinem Land zeigen - voller Widersprüche, Traditionen und Rituale, mit Göttern und Dämonen und vielen Metaphern. "Brasilien hat eine üppige Natur und die Capoeira, es gibt Wüste und Gewalt und ein Klima, das Temperaturen von 40 Grad Celsius bis Minus fünf Grad einschließt", erzählt Oliveira. Die Bevölkerung ist ein Konglomerat von im Wesentlichen drei kulturellen Gruppen: die von den europäischen Kolonien beeinflussten Einwohner, die verschleppten Afrikaner und die indigene südamerikanische Kultur.

Das Paar im Stück wird in 90 Minuten in ständigen Wechseln in verschiedene Rollen schlüpfen, um mit den Klischees von Brasilien zu brechen. Es wird den typischen Touristen geben, "auch Sextourismus ist ein Thema", sagt Oliveira. Korrupte Polizisten und zahlreiche Klischeetypen aus den Vorstellungen von brasilianischer Kultur werden auftauchen. Nele Jung und Adrian Linke werden sich vor den Augen des Publikums in diese Stereotypen verwandeln. "Für Europäer ist das fremd, aber solche Verwandlungen sind in Brasilien Teil der Kultur", erklärt Oliveira. Menschen bringen sich in Trance, lassen sich in einen rituellen Vorgang hineinfallen. Denn das ist die Bedeutung von "Cavalo de Santo" - was so viel bedeutet wie "Pferd des Heiligen": "Wenn eine Gottheit die Kontrolle über einen übernimmt, wie über ein Pferd, nennt man das so", erklärt der Regisseur. Das Publikum soll darüber staunen, vielleicht mitfühlen. Und verstehen? Oliveira zitiert einen Satz aus dem Stück: "Ich bin nicht gekommen, um zu erklären, sondern um zu verwirren."

Die Premiere ist heute, 20 Uhr, in der Fabrik Heeder. Es gibt nur noch Restkarten, Tel: 02151 805125.

In Ekstase: Szene aus "Cavalo de Santo" mit Adrian Linke und Nele Jung, die aus ihrer Elternzeit zurück auf die Bühne kehrt. FOTO: Matthias Stutte

Ein großer, dreiteiliger Ballettabend von Robert North mit Live-Orchester wird am Sonntag, seine Premiere im Krefelder Haus haben. In "Sinfonie des Lebens" beschreibt der Chefchoreograf die Jugend mit ihren Irrungen und Wirrungen zu Benjamin Brittens Frühwerk "Simple Symphony. Später thematisiert er die Traurigkeit von Krieg und Tod anhand von Tanz zu acht Sätzen aus Schostakowitschs 14. Sinfonie. Und er endet mit einem Tableau purer Stimmungen zu suggestiven Klängen des Briten Christopher Benstead, der auch schon die Bühnenmusik zu "Prinz Rama" und "Carmen" komponiert hat.

"Jugend" hat North 2003 für junge Stipendiaten in München entwickelt. Zu den Klängen des Streichorchesters (1938 komponiert) soll sich die Schnelligkeit und Lebendigkeit der Jugend zeigen.

Düster ist Schostakowitschs Musik - ein Liederzyklus, zu dem ihn Brittens "War Requiem" und Mussorgskys "Lieder und Tänze des Todes" und vor allem die Grafik "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" des spanischen Künstlers Francisco de Goya (1746-1828) inspiriert haben. "Der Schlaf der Vernunft" ist der Mittelteil des Abends übertitelt. Als Sänger wirken Janet Bartolova und Hayk Dèinyan mit.

Die abstrakten Farbflächen der britischen Künstlerin Bridget Riley geben dem dritten Teil den Rahmen. Wer sich an die Ausstellung ihrer Bilder im Kaiser-Wilhelm-Museum erinnert - kurz bevor das Haus für die Renovierung geschlossen wurde - denkt an die vibrierende Kraft ihrer Farbtableaus, in dene Riley mit Kontrasten Spannungen erzeugt. Diese Stimmungen sollen die Tänzer auffangen und in Körpersprache übersetzen. "Farbenspiel" heißt dieser Part.

Für Bühne und Kostüme sind Udo Hesse und Andrew Storer verantwortlich. Diego Martin-Etxebarria wird die Niederrheinischen Sinfoniker dirigieren.

Premiere:Sonntag, 8. Oktober, 19.30 Uhr, Theater; Kartentel. 02151805125.

Quelle: RP
 
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