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Serie Akzente der regionalgeschichtlichen Sammlung im Begas Haus (Teil III)
Ausdruck gehobener Wohnkultur

Serie Akzente der regionalgeschichtlichen Sammlung im Begas Haus (Teil III): Ausdruck gehobener Wohnkultur
Die beiden identischen Herdsteine im Begas Haus tragen die Jahreszahl 1567. Sie zeigen das französische und Jülicher Wappen sowie das Lütticher Wahrzeichen, den Marktbrunnen mit Gerichtssäule. FOTO: Begas Haus
Erkelenz. Das Begas-Haus zeigt zwei 1973 in der Nähe des Kaphofs gefundene Herdsteine. Solche Irdenware, gebrannte Steine aus Tonerde, kamen seit dem späten Mittelalter als Verkleidung der Rückwand offener Kamine in Mode. Von Willi Spichartz

Es war ein auf den ersten Blick recht radikaler Schritt vom "Kreismuseum" zum "Begas Haus - Museum für Kunst und Regionalgeschichte Heinsberg", der ab 2006 von den Verantwortlichen des Kreises vollzogen wurde. Weg vom klassischen "Heimatmuseums"-Konzept hin zum Kontext von Kunst, Zeit- und Regionalgeschichte. In einer Serie stellt unsere Redaktion regionalgeschichtliche Exponate vor. Im heutigen Teil Herdsteine, die beim Kaphof zwischen Hilfarth und Ratheim gefunden wurden.

Herde sind heute High-Tech-Tools der Mahlzeitenbereitung - in Vorzeiten waren sie immer mehr als rein physikalische Geräte zur Temperaturerhöhung am Ende der Nahrungskette. Eigene Göttinnen in Griechenland, Hestia und Rom, Vesta, waren sinnstiftend angelegt, später war der Herd, die Feuerstelle, der Mittelpunkt des Hauses. Ihrer Bedeutung nach wurden Herde zunehmend ausgeschmückt, wurden Funktion, Sinnstiftung und Handwerks-Kunst miteinander verbunden.

1973 wurden die Herdsteine aus Lütticher Produktion in der Nähe des Kaphofs gefunden, dem einzigen Bauwerk bis auf drei Aussiedlerhöfe und die jüngeren Anlagen des Kiesgrabungswerks an der Kreisstraße 22. Der Bereich des Kaphofs ist archäologisch markant durch Siedlungsspuren aus rund 2500 Jahren von den Kelten über die Römer und dem 16. bis 19. Jahrhundert. Und da kommt gelegen, dass die beiden Herdsteine ein Jahresdatum tragen, nämlich 1567.

Die beiden Herdsteine sind identisch, haben eine Höhe von 9,3, eine Breite von 13 und eine Tiefe von 3,5 Zentimetern, tragen ein Monogramm "L G". Das Begas Haus hat ermittelt, dass die Steine als Irdenware, also gebrannte Steine aus Tonerde, seit dem späten Mittelalter als Verkleidung der Rückwand offener Kamine in Mode kamen. Ursprung war Flandern, von daher wurde von ihnen auch als "flämische Steine" gesprochen. Sie waren ein Bestandteil gehobener Wohnkultur vor allem des lokalen Adels, formuliert es der frühere Mitarbeiter des Begas Hauses, Dr.

Wolfgang Cortjaens. Er vermutet auch, dass die am Niederrhein ansässigen Irdenwaren-Bäckereien ebenfalls derartige Steine hergestellt haben. Die Steine im Begas Haus zeigen das französische Lilien- und das Wappen der Herzöge von Jülich, dazwischen das Lütticher Wahrzeichen, den Marktbrunnen mit einer Säule, Perron (Stein) in Altfranzösisch genannt, die bereits seit dem Mittelalter als Symbol und Platz der Gerichtsbarkeit errichtet wurden.

An ihr wurden Erlasse und öffentliche Bekanntmachungen verlesen. Das Lütticher Symbol wurde in die Steine gebrannt, da das Fürstbistum mit Sitz in der Stadt seit dem Jahr 1500 neben dem Heiligen Römischen Reich auch zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis gehörte. Dessen Oberstenamt trat 1554 der Jülicher Herzog Wilhelm V. an, auch Herzog von Kleve und Mark und Graf von der Mark und Ravensberg, gemäß der Reichsexekutionsordnung.

Die Säule und das Monogramm "L G" gehören auch heute noch zum Lütticher Stadtwappen. L + G stehen für "Libertas Gentis" in Latein, "Libertés aux Gens" in Französisch, "Freiheit des Volks" in Deutsch. Die Säulen finden sich auch heute noch in vielen belgischen und niederländischen Städten nahe der deutschen Grenze, vorwiegend also im ehemaligen Fürstbistum Lüttich. Das wurde genau wie das Herzogtum Jülich durch revolutionäre französische Truppen ab 1793/1794 besetzt und aufgelöst, 1801 wie das gesamte linke Rheinland staatsrechtlich in die Republik Frankreich eingegliedert.

Das Begas Haus zeigt einen weiteren Herdstein Lütticher Art, 0,5 Zentimeter höher als die vom Kaphof, mit Porträts und Blütenstab, deren Bedeutung allerdings nicht überliefert ist. Möglicherweise ein allgemeines Design für die Massenproduktion, die Herdsteine waren zum Ende des 16. Jahrhunderts ein überaus beliebter Zimmerschmuck.

Quelle: RP
 
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