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Redaktionsgespräch zum Juniorenfußball
Beim Thema Geld scheiden sich die Geister

Redaktionsgespräch zum Juniorenfußball: Beim Thema Geld scheiden sich die Geister
Reinhold Plum (v.l.), Ralf Braun, Ali Yilmaz, Stephan Matzerath, Rodolfo Mohren und Horst Peschkes tauschten sich gut drei Stunden lang in der Redaktion der Rheinischen Post Erkelenz rege über den Juniorenfußball aus. RP-Mitarbeiter Mario Emonds (r.) führte und protokollierte das Gespräch. FOTO: Laaser, Jürgen
Kreis Heinsberg. Etwa 5300 Kinder und Jugendliche kicken in gut 350 Mannschaften der über 70 Vereine des Fußballkreises Heinsberg quer durch alle Altersklassen – rund 5000 Jungen und über 300 Mädchen. Auf Einladung der Sportredaktion der Rheinischen Post Erkelenz beleuchteten ein Vorsitzender, der auch Trainer einer Jugendmannschaft ist, sowie fünf Jugendleiter aus Vereinen des Erkelenzer Lands mit großen Nachwuchsabteilungen ausführlich die aktuelle Situation im Juniorenfußball und sprachen auch über Probleme und Perspektiven. Von Mario Emonds

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat den Begriff der "Cappuccino-Eltern" geprägt. Gibt es solche Eltern auch in Ihrem Verein?

Plum Selbstverständlich. Deren Zahl nimmt auch nicht ab, sondern wird eher mehr.

Braun Das ist auch bei uns so. Es gibt aber auch viele Fälle, bei denen beide Elternteile arbeiten – auch am Wochenende. Da müssen wir uns einfach auch ein wenig anpassen. Natürlich muss man – im positiven Sinn – auch ein bisschen bekloppt sein, um ehrenamtlich so viel Zeit zu investieren. Die Wenigsten bekommen ja mit, wie viel Arbeit im Hintergrund nötig ist, um ein Jugendteam zu trainieren, wie viel Zeit für Trainingsgestaltung, Elterngespräche, Turniervorbereitungen und so weiter draufgeht.

Yilmaz Das sehe ich auch so – und ich bin in dieser Hinsicht auch bekloppt. Und es ist ja auch nicht so, dass es nur solche Eltern geben würde – im Gegenteil: In erster Linie engagieren sich bei uns schon Eltern.

Peschkes Auch bei uns findet ein erheblicher Teil der Jugendarbeit neben dem Fußballplatz statt. So haben viele Eltern enormen Gesprächsbedarf nach dem Training. Die verlangen da teilweise Sachen, die können wir als Verein gar nicht leisten. Ja, es gibt Eltern, denen geht der Realitätssinn komplett ab.

Plum Horst, wenn wir solche Eltern haben, schicke ich die mit ihrem Jungen sofort zu Euch ...

Peschkes Ein Grundproblem, das wir haben, ist: Viele Eltern wollen über unseren Verein ihren Jungen bei Borussia Mönchengladbach unterbringen, betrachten uns dafür als Sprungbrett. Die sehen ihren Sohn schon als Profi und künftigen Ernährer der Gesamtfamilie.

Klassischerweise steigt ein Vater bei den Bambini, spätestens bei der F-Jugend, als Trainer ein – und führt diese Mannschaft im Idealfall dann durch alle Jahrgänge bis rauf zur A-Jugend. Wer von Ihnen praktiziert dieses Modell?

Braun Bei uns ist das so.

Plum Das ist auch exakt unser Weg.

Peschkes Bei uns ist das Gegenteil der Fall: Wir haben die strikte Regelung, dass in keiner Jugendmannschaft ein Vater der erste Trainer sein darf. Ich spreche da auch aus eigener Erfahrung. Denn ich habe auch meinen eigenen Sohn trainiert – und war zu hart zu ihm.

Plum Das kenne ich freilich auch. Bei mir war's genauso.

Wenn man nicht auf Väter als Trainer zurückgreifen möchte, die sicher nicht alle mit der nötigen Qualifikation, dafür aber mit viel Herzblut an die Sache rangehen, muss man für qualifizierte Übungsleiter in der Regel Geld in die Hand nehmen.

Plum Weiß ich nicht. Bei uns haben drei Trainer den C-Schein, die kriegen dafür aber kein Geld.

Braun So ist es auch bei uns. Dafür Geld in die Hand zu nehmen, ist einfach nicht unser Weg. Fußball soll auch für uns ein Hobby bleiben, und ein Hobby sollte nicht bezahlt werden. Außerdem stellt sich dann die Frage: Wo fangen wir an, wo hören wir auf? In unserer Jugendabteilung arbeiten 35 Trainer und Betreuer. Soll ich denen alle 100 Euro im Monat geben? Darunter würde die familiäre Atmosphäre in unserem Verein auf alle Fälle leiden – und auf die lege ich allergrößten Wert. Mit unserem Jahresbeitrag, der in der Jugend im Durchschnitt bei 55 Euro liegt, kommen wir halbwegs hin. Und was die Qualifikation angeht: Elf Trainer und Betreuer aus unserem Verein machen zurzeit den C-Schein.

Mohren Ralf, ich ziehe den Hut vor Euch, wenn das bei Euch so funktioniert. Ich sehe für uns aber einen anderen Weg: Um qualifizierte Trainer zu gewinnen, werden wir zahlen müssen. Ich weiß natürlich, dass wir damit in gewisser Weise die Büchse der Pandora öffnen und das eine schmale Gratwanderung ist. Doch wir werden den Mitgliedsbeitrag für die Jugend erheblich erhöhen müssen, sonst ist mein Weg hier zu Ende.

55 Euro beträgt der Mitgliedsbeitrag in Schwanenberg. Wie sieht's bei den anderen Vereinen aus?

Yilmaz 50 Euro. Kostendeckend ist der allerdings nicht.

Plum Wir haben vor, auf 60 Euro Jahresbeitrag hochzugehen. Dafür werde ich bald einen Elternbrief verfassen, in dem ich die Kosten der Jugendabteilung mal detailliert auflisten werde – so die Kosten für Trainingsmaterial, Schiedsrichter und Verbandsabgaben, die viele nicht sehen. Da kommt wirklich einiges zusammen. Und kostendeckend würden dann auch die 60 Euro nicht sein. Dafür müsste der Beitrag bei etwa 80 bis 90 Euro liegen.

Peschkes Wir haben den Beitrag von 48 auf 72 Euro erhöht. Da hatte es aber schon einen Riesenaufstand gegeben. Bei meinem früheren Verein 1. FC Mönchengladbach sieht das aber noch ganz anders aus: Als da ein Kunstrasen angeschafft wurde, wurde der Beitrag verdoppelt. Dort beträgt der Jugendbeitrag nun 145 Euro pro Jahr. Viele sind damals deswegen ausgetreten.

Matzerath Wir liegen am anderen Ende der Fahnenstange. Bei uns beträgt der Jugendbeitrag 30 Euro im Jahr. Gemeinsam mit unserem zweiten Standbein, der Ausrichtung der Jugend-Stadtmeisterschaft, kommen wir damit hin. Ich muss dazu allerdings auch sagen, dass ich schon den Eindruck habe, dass bei uns in Hückelhoven die Stadt den Vereinen mehr entgegenkommt, als das bei Euch der Fall ist.

Herr Plum, in einer Hinsicht sind Sie in dieser Runde der Außenseiter: Während Beeck, Schwanenberg, Ratheim und Brachelen bereits Kunstrasenplätze haben und in Erkelenz in diesem Jahr einer errichtet werden soll, hört man aus Wegberg in dieser Hinsicht nichts. Warum?

Plum Vor fünf Jahren haben wir ein Konzept vorgelegt, das vorsah, unseren Aschenplatz in einen Kunstrasen umzuwandeln. Das ist dann bei der Stadt Wegberg aber schnell in der Schublade verschwunden.

Hat der Ganztagsbetrieb in den Schulen größere Auswirkungen auf Ihre Jugendarbeit?

Braun Nein. Die Kinder kommen nun in der Regel gegen halb vier nach Hause, und um fünf beginnt bei uns das Training. Vorher können berufsbedingt ja auch unsere Trainer und Betreuer nicht.

Mohren Wir machen auf alle Fälle gute Erfahrungen mit unserer Kooperation mit den drei Erkelenzer Grundschulen, die unser FSJler in den Fußball-AGs betreut.

Yilmaz Wir kooperieren mit der Michael-Ende-Grundschule und der Gesamtschule. Das läuft auch gut.

Apropos Kooperation: Herr Peschkes, wie beurteilen Sie den Stand der Kooperation mit Borussia Mönchengladbach? Immerhin ist ja schon länger kein Spieler aus Borussias A-Jugend mehr nach Beeck gewechselt.

Peschkes Das liegt aber daran, dass die Spieler, die bei Borussia nach der A-Jugend keinen Vertrag bekommen, weiter entfernt wohnen – zum Beispiel in Dinslaken. Solche Spieler kann ich nicht nach Beeck lotsen. Ich tausche mich aber mit Borussia regelmäßig aus. Auf diese Weise habe ich schon einige gute Empfehlungen bekommen, was zum Beispiel Spieler aus dem Raum Neuss angeht, die ich ja selbst nicht kenne. Von daher würde ich den Stand der Kooperation so auf den Punkt bringen: gut, aber ausbaufähig.

Was für weitergehende Ziele und Wünsche haben Sie? Wo sehen Sie Ihren Verein in zehn Jahren?

Braun Den Level in dieser Größenordnung zu halten, wird natürlich sehr schwer. Die Frage, ob wir mit einer Mannschaft auch mal auf Verbandsebene spielen, ist für mich nicht so wichtig. Mir geht das Familiäre über sportlichen Erfolg. Die Arbeit, die wir leisten, ist doch im Grunde unbezahlbar. Als Beispiel möchte ich da mal unsere Heimkinder aufführen. Als die zu uns kamen, fehlten denen soziale Bindungen. Bei uns lernten und lernen sie, sich einzuordnen. Diese Wertevermittlung ist mir extrem wichtig.

Mohren Da stimme ich Dir voll zu. Fußball ist auch ein Vehikel, das Werte transportiert. Dennoch möchte ich nicht verhehlen, dass ich mit SC 09-Jugendteams gerne auch mal wieder auf Verbandsebene präsent wäre. Dazu wünsche ich mir für unseren Verein eine Struktur, mit der eine gewisse Autarkie gewährleistet ist – und die basiert auf angemessenen Mitgliedsbeiträgen und strategischen Partnern.

Plum Mein Wunsch ist, dass wir auf Dauer alle Jahrgänge besetzt haben. Stolz bin ich darauf, dass bei uns Trainer auch geblieben sind, nachdem sie eine Mannschaft von den Bambini bis zur A-Jugend gebracht haben. Ich messe einen guten Trainer auch nicht so sehr am sportlichen Erfolg, sondern daran, ob er es schafft, eine ganze Saison ein Team zusammenzuhalten. Wenn einer mit 16 Spielern in eine Saison geht und mit diesen 16 auch wieder rauskommt, hat er einen guten Job gemacht. Die wirklich guten Spieler gehen sowie nach Beeck  – das ist so.

Peschkes Aber auch für uns wird es sehr schwer, dieses Niveau zu halten. Dass muss ich auch mal sagen.

Matzerath Eine gute Jugendarbeit wird mehr denn je die Grundlage sein, um als Verein überhaupt zu überleben – davon bin ich fest überzeugt. Denn die Seniorenteams werden immer jünger. Da sind kaum noch Spieler über 30 dabei – ganz anders als früher. Für mich geht die Tendenz daher klar dahin, dass Vereine künftig bereits um 15-Jährige kämpfen. Überhaupt noch elf Spieler für den Seniorenbereich zusammenzubekommen, dürfte für Vereine, die keine Jugendarbeit betreiben, mehr als schwer werden. Daher bin ich wie Rodolfo ebenfalls der Meinung, dass gute Trainer im Jugendbereich ruhig bezahlt werden dürfen. Und Dir, Ali, ein Kompliment für Eure B-Jugend: Die ist richtig toll, der gehört die Zukunft.

Yilmaz Danke, ja die ist gut.

Und was streben Sie mit Ihrer eigenen Jugend an, Herr Matzerath?

Matzerath Klar würde ich auch gerne mal auf Verbandsebene spielen. Aber ganz ehrlich: Wenn ein Spieler herausragend gut ist, dann darf er eigentlich nicht zu lange bei uns bleiben, sondern sollte nach Beeck gehen. Da kann er eine fußballerische Ausbildung bekommen, die wir einfach nicht leisten können. Umgekehrt profitieren wir bei den Senioren aktuell von Spielern, die in Beeck ausgebildet wurden. Die haben einfach ein anderes Niveau – gerade auch vom Spielverständnis her.

Letzte Frage: Hat einer eine Idee, wie man das Ehrenamt attraktiver machen könnte?

Matzerath Vornehmlich in Süddeutschland gibt es da einen interessanten Anreiz: Da werden Menschen, die sich für fünf Jahre als Ehrenamtler verpflichten, egal ob zum Beispiel in Verein oder Freiwilliger Feuerwehr, von Kommunen bevorzugt bei der Vergabe von günstigen Baugrundstücken berücksichtigt.

Braun Mir würde es schon reichen, wenn die Stadt Erkelenz für solche Leute Freiparkscheine für die City ausstellen würde (allgemeines Gelächter) ...

 
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