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Heimat entdeckenim Kreis Heinsberg
Die Windmühlenfamilie im Selfkant

Erkelenz. Im südlichen Kreisgebiet laden vier funktionstüchtig erhaltene Windmühlen zum Studium einer alten Tradition ein. Der "Verein historische Mühlen im Selfkant" bietet die Möglichkeit, sich zum "Freiwilligen Müller" fortzubilden. Von Willi Spichartz

Sie ist erstaunlich leise, die Königswelle in der Breberner Windmühle, deren Flügel sich im frischen Westwind fleißig drehen und ebenfalls relativ leise wirken. Bei der Königswelle ist das auch kein Wunder, schließlich ist dieser mächtige, vertikale Eichenbaum unten ständig in Öl gelagert, während er oben über das Kammrad die Windenergie der Flügel übernimmt, um unten Getreide mahlen zu können. Erklären, wie das funktioniert, kann mit Karl-Heinz Tholen (Foto) ein Mann, dessen Vorfahren die Mühle einst betrieben haben.

Er ist aber nicht der einzige moderne Windmüller im tiefen Westen, Kollegen arbeiten in Kirchhoven, Haaren und Waldfeucht - gemeinsam bildet man den "Verein historische Mühlen im Selfkant" (VHMS). Und auch die in Millen - die ist allerdings eine Wassermühle.

Das Eigenschaftswort "historisch" gehört für den Westen des Kreises und der Republik für diese Art von Mühlen unbedingt dazu, sie waren vor allem Getreide- oder Ölmühlen, seit rund 20 Jahren weist die Region eine stolze Reihe moderner Windkraftanlagen als Stromproduzenten auf. Eine gewisse Tradition also.

Gegenüber anderen Vereinigungen von Mühlen weist der VHMS zwei Besonderheiten auf: Zu seinen Mitgliedern gehört einmal eine Wassermühle, und eine, die Breberener, deren Flügel nicht mit Segeltuch bespannt sind, sondern Metallflügel nach der Methode "Ventikantenflügel" des Erfinders Kurt Bilau von vor gut 100 Jahren hat. Hier sind die Flügel längsgeteilt und können wie Flugzeugleitwerke nach Bedarf verstellt werden.

Der VHMS ist der Betreiber aller vier Windmühlen mit Betreuern vielfach aus dem früheren Betrieb dieser uralten Antriebstechnik - man bietet allerdings auch die Möglichkeit für Interessenten, sich zum "Freiwilligen Müller", natürlich auch für Frauen, ausbilden zu lassen. Derzeit sind es elf Hobbymüllermeister, die ihrerseits von einem im niederländischen Bredevoort instruierten Müllermeister ausgebildet werden. Und die fest in die Dienst- und Öffnungspläne der Selfkantmühlen eingebunden sind.

Die vier Windmühlenbauten stammen alle aus dem 19. Jahrhundert, wobei allerdings Vorgängerbauten teils nachgewiesen sind.

"Mien Aerm send stärk, dröm brengt mech Werk." Selbstbewusst präsentiert die Haarener Windmühle ihre Stärken - "meine Arme sind stark, drum bringt mir Arbeit" lässt die 1842 entstandene Kraftmaschine an ihrem Schmuckbrett wissen.

1882 ist die "Lümbacher Mühle" als Ziegelbau im Heinsberger Stadtteil Kirchhoven entstanden, es gibt Hinweise darauf, dass aber im 17. Jahrhundert ein hölzerner Vorgängerbau existiert hat.

Die Waldfeuchter Mühle, Baudatum 1897, ist wie die Lümbacher Mühle ein sogenannter "Erdholländer", bei der die Haube mit einem bis zum Boden reichenden Steert, "Sterz" als Balken, in den Wind gedreht wird.

Bedeutend bei den Windmühlen war immer eine gut funktionierende Bremse, denn bei Sturm und Gewitter musste der Dreh-Moment ausgesetzt werden, um bei dem hölzernen Innenleben Reibungshitze und damit Brand zu verhindern. Auch Gewitter bedeuteten häufig genug das Ende des Wind-Mahl-Werks, denn dessen exponierte Lage in der Landschaft war oft Ziel von Blitzeinschlägen.

Derzeit ist die Breberener Mühle, gebaut 1842 als Berg- oder Kellerholländer-Typ, noch die einzige mit einem ständigen gastronomischen Angebot in einem nebenan liegenden Café, das Karl-Heinz Tholen 2009 errichtete. Für Bergholländer wurde ein kleines Hügelchen aufgeschüttet, um die Flügel für Reparaturen gut erreichen zu können.

Die "Millener Wassermühle", vom Rodebach betrieben, gehörte zur Millener Burg und wurde bereits 1536 erwähnt - als Doppelmühle auf beiden Seiten des Bachs, von denen Teile gut erhalten sind.

Warum ist die Mühlenlandschaft gerade am Niederrhein, gerade im Kreisgebiet, gerade im Selfkant so dicht? Weil die Böden hier für den Anbau von Getreide oder sonstigen Früchten zur Ölgewinnung besonders gut sind. Kraft aus der Erde und Kraft aus dem Himmel "maake stärke Aerm".

Quelle: RP
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