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Halt Haben Und Halt Geben
Ein Engel des Vertrauens und der Hoffnung

Halt Haben Und Halt Geben: Ein Engel des Vertrauens und der Hoffnung
Zwei Pskower Engel fliegen auf Mission der russischen Raumfahrtbehörde mit der Raumstation ISS. FOTO: INITIATIVE PSKOW
Erkelenz. Oberkirchenrat Pfarrer Klaus Eberl aus Wassenberg über den Pskower Engel und die christliche Freiheit für den Blick in die Zukunft. Von Klaus Eberl

Was wird aus mir? Aus meinem Leben? Unserem Land? Der Erde? Die Zukunft erscheint vielen Menschen ungewiss. Privat - und in den großen Bezügen des Lebens. Das Wort von der "German Angst" geht um. Hinter der Verunsicherung steht eine Erosion des Vertrauens in die Zukunft. Schlagzeilen scheinen jeden Tag neu einem Klima der Enttäuschung und Angst Nahrung zu geben: zunehmende Spaltung der Gesellschaft, Klimawandel, Terrorgefahr, Politikverdrossenheit ...

Aber wie jeder einzelne Mensch brauchen wir auch in unserem demokratischen Gemeinwesen, in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft Vertrauen in das, was unsere Welt im Innersten zusammenhält, einen ethischen Grundkonsens. Sonst wird die Zukunft verspielt.

Auch der Kirche wird nicht mehr aus Gewohnheit Vertrauen entgegengebracht. Dabei ist die Glaubensbotschaft, dass Gott verlässlich ist, uns Halt gibt und niemanden fallen lasst - nicht einmal in unserem Versagen, hoch aktuell. Wer sich von Gott gehalten weiß, kann anderen Halt geben, die Zukunft verantwortungsvoll gestalten. Trotz aller Grenzen der Kraft, Scheitern und Schuld. Das Evangelium ruft in den Menschen das Vertrauen wach, dass Gott für das Leben Gutes will - ist auch das Gute nicht immer identisch mit dem Erwarteten. Es macht frei für den Blick in die Zukunft.

Ich habe immer einen kleinen Holzengel in der Tasche, der mich daran erinnert, was mir Halt gibt und dass ich gebraucht werde. Das Holz ist schön geschmirgelt. Alles weich und rund und sehr angenehm. Meine Finger tasten, umschließen den Engel. Ich fühle seine Form, entdecke die Gestalt. Ein Flügel größer als der andere. Irgendwie ist er auch einem Kreuz ähnlich. Hier kann ich mich festhalten. Der Künstler Jochen Leyendecker hat den Engel für die Initiative Pskow in der Evangelischen Kirche im Rheinland bewusst mit einer besonderen Note gestaltet: Mit seinen ungleichen Flügeln hat der Engel eine Behinderung. Der Künstler will damit sagen: Auch Engel brauchen Unterstützung, um anderen zu helfen.

Der Engel kommt aus der russischen Stadt Pskow. Dort hat die Wassenberger Kirchengemeinde gemeinsam mit der Rurtal-Schule Oberbruch vor 25 Jahren ein Heilpädagogisches Zentrum für geistig und körperlich behinderte Kinder gegründet, ein Versöhnungsprojekt in einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg sehr unter der deutschen Besatzung gelitten hat. Die Arbeit in Pskow wird im nächsten Jahr 25 Jahre alt und hat die Lebenssituation behinderter Menschen nachhaltig verändert. Nicht nur in Pskow, sondern in der ganzen russischen Föderation. Erstmals gibt es ein Unterstützungssystem, in dem Frühförderung, Kita, Schule, Werkstatt und ambulant betreute Wohngemeinschaften einander ergänzen. In der Pskower Werkstatt stellen behinderte Menschen diese Holzengel her. Sie sägen aus dicken Brettern die Engel aus, bearbeiten sie fein mit Schmirgelpapier, bis sie ganz rund und schön anzufassen sind. Die Pskower Engel sind ein Bekenntnis: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Jeder Mensch wird gebraucht und kann dazu beitragen, dass Vertrauen in die Zukunft wächst.

Halt haben - durch den Glauben, Gottes Segen, durch Menschen, die uns ihre Liebe schenken. Und Halt geben - sich engagieren für andere, Trost geben in der Trauer, Verantwortung übernehmen für eine gute Zukunft. Beides gehört zusammen.

Der Pskower Engel zieht mit seiner Botschaft weite Kreise. Im April 2015 war er dabei - beim ökumenischen Trauergottesdienst im Kölner Dom für die Angehörigen der Opfer des Flugzeugunglücks in den französischen Alpen. Ein Engel als Tröster, als Kompass für die Suche nach Halt. Nach einer Zukunft, die manchmal kaum vorstellbar ist.

Seitdem erreichen uns viele Geschichten, die der Pskower Engel schreibt. Er erinnert Menschen daran, was ihnen zugetraut ist in der Verantwortung für andere und die Zukunft unserer Welt. Kirchengemeinden verschenken den Engel zur Taufe, zur Kommunion oder Konfirmation. Krankenhäuser und Hospize legen ihn in die Hand von Kranken oder Sterbenden. Freunde versichern einander mit diesem kleinen Symbol, dass sie sich helfen und beistehen wollen. Zuletzt kam sogar eine Nachricht aus dem Weltraum. Die russische Raumfahrtbehörde hat zwei Pskower Engel in die Raumstation ISS geschickt. In der Welt der Wissenschaft und Hochtechnologie eine kleine Geste, die an die Grenzen des Menschen erinnert. Nicht alles ist machbar und beherrschbar. Nur Menschen, die ihre Grenzen kennen, können auch ihre Verantwortung für die Zukunft recht wahrnehmen.

Gerade die Pskower Mitarbeiter der Werkstatt für behinderte Menschen erinnern uns daran. Halt haben und Halt geben. Jeder Mensch braucht ein Vertrauen ins Dasein, das er nicht selbst herstellen kann. Christen glauben: Dieser Halt kommt von Gott. Die Kosmonauten bedankten sich mit einem Foto aus der ISS. Die Engel im Vordergrund, im Hintergrund die Erde. Offenbar wird gerade in der Perspektive des Himmels deutlich, wie klein der Mensch angesichts des Wunders des Lebens ist.

Es geht immer um beides: vertrauen, dass ich gehalten werde - und anderen Halt geben. Die Engel, die uns darin gewiss machen, sprechen in der Regel nicht aus dem Weltraum zu uns, sondern haben alltägliche Gesichter. Sie haben Hände, die zupacken können, einen Mund, der die Sprache der Hoffnung kennt, ein Herz, das auch Unaussprechliches hört. So wirken sie mitten unter uns. Und helfen uns, die Zukunft mit all ihren Herausforderungen und Unwägbarkeiten zu meistern - und denen Halt zu geben, die uns brauchen.

Quelle: RP
 
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