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Serie Akzente Der Regionalgeschichtlichen Sammlung Im Begas Haus (teil Ii)
Geschichte, die bis heute nachwirkt

Serie Akzente  Der  Regionalgeschichtlichen  Sammlung  Im  Begas Haus (teil Ii): Geschichte, die bis heute nachwirkt
Der Flugblatt-Kupferstich von Abraham Hogenberg trägt einen Text in putzigen Reimen, der erste davon als Kostprobe: "Von Gulich die Besatzung wolgemut/Gen Erkckelens mit gutter hut/Hinzagen, da bestellet warn/Mit essenspeiß viel geladen karn." FOTO: Begas Haus
Erkelenz. Ein Kupferstich-Flugblatt im Museum Begas Haus (Reproduktion des Originals aus dem Rijksmuseum Amsterdam) zeigt den "Überfall auf den kaiserlichen Proviantzug bei Erkelenz am 10. Mai 1610". Eine Auseinandersetzung im Zusammenhang mit dem "Jülich-Klevischen Erbfolgestreit". Von Willi Spichartz

HEINSBERG "Begas Haus - Museum für Kunst und Regionalgeschichte Heinsberg". Der Titel sagt's: Was früher Kreismuseum hieß und dominant heimatgeschichtlich orientiert war, zieht seit März 2014 als Themen-Museum jährlich mehrere tausend Menschen ins erweiterte Heinsberger Torbogenhaus. In einer Serie stellt die RP regionalgeschichtliche Exponate des Begas Hauses vor. Im zweiten Teil geht es um ein Kupferstich-Flugblatt, das den "Überfall auf den kaiserlichen Proviantzug bei Erkelenz am 10.

Mai 1610" zeigt. Am oberen Bildrand die Erkelenzer Stadtmauer, trutzig, davor, zur Bildmitte gewandt, eine Burg, eine mobile, eine Wagenburg. Sie wird beschossen von Reitern und Fuß-Landsknechten, die es nicht auf Erkelenz im Hintergrund, sondern sehr vordergründig auf die Wagen der mobilen Burg abgesehen haben. Denn die sind gut gefüllt mit Lebensmittelpacken und Fässern, deren Inhalt nicht preisgegeben wird, denn der Kupferstich des Kölner Graveurs und Malers Abraham Hogenberg ist schon detailreich, aber die Größe von lediglich 20 mal 27,8 Zentimetern lässt keine tieferen Einblicke zu, obwohl es sich beim Kupferstich ja um ein Tiefdruckverfahren handelt, wäre zu kalauern.

Das Werk im Begas Haus ist eine Reproduktion, das Original befindet sich im Rijksmuseum Amsterdam. Rund 200 Menschen sind zu sehen, bis auf zwei der Burg-Wagen sind die beladenen Gefährte einachsige Pferdekarren, auch ein Beleg dafür, dass einachsige "Schlagkarren" im Rheinland nicht erst in der Franzosenzeit, 1794 bis 1815, aufkamen, in der mehrachsige Fahrzeuge stärker besteuert wurden. Die einachsige Schlagkarre ist im Übrigen bereits auf einem Fenster der Kathedrale im französischen Chartres aus dem 13.

Jahrhundert zu sehen. Warum kreuzte ein "kaiserlicher Proviantzug" 1610 eigentlich vor "Erckelens", so die Beschreibung, auf, und warum wurde er von wem überfallen? Letzteres sicher von Leuten, die Hunger hatten, oder befürchteten, solchen ohne Vorräte in Bälde zu bekommen. Denn es ging um einen größeren Feldzug im "Jülich-Klevischen Erbfolgestreit", der Proviantzug war auf dem Weg nach Jülich, wo die Festung eine Rolle bei den Folgen des Todes des letzten Herzogs von Jülich-Kleve-Berg, dem schwer depressiven Johann Wilhelm spielte, der kinderlos 1609 gestorben war, um dessen Erbe sich Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg und der Herzog Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg stritten.

Beide waren mit Schwestern Johann Wilhelms verheiratet, alle waren Kinder des Jülicher Herzogs Wilhelm V., der "Reiche", dessen Porträt im ersten Teil dieser Serie vorgestellt wurde. Philipp Ludwig und Johann Sigismund beschlossen eine gemeinsame Verwaltung des durchaus bedeutenden Territoriums des Niederrheins, mit dem Kaiser Rudolf II. des "Heiligen Römischen Reiches" und weitere Fürsten auch aus dem Verwandtschaftsbereich der Jülicher allerdings eigene Interessen verfolgten.

Wie so oft, war dann auch hier "der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", so der preußische Militärtheoretiker Clausewitz 200 Jahre später. Die kaiserlichen Proviant-Schlag-Karren wurden also beschlagnahmt auf dem Weg zur Versorgung Jülichs von den Koalitionären per Kampf. Die Belagerung der "eigenen" Festung Jülich durch die beiden Landesherren, die Verwaltung des Herzogtums saß ohnehin in Düsseldorf, war aus ihrer Sicht notwendig geworden, weil sich der Festungskommandant Oberst Johann von Reuschenberg zu Overbach auf die Seite des Kaisers gestellt hatte.

Der wiederum den österreichischen Erzherzog Leopold als Reichskommissar nach Jülich geschickt hatte, das er am 23. Juni 1610 in Besitz nahm. Er hatte rund 800 Soldaten zur Verteidigung zur Verfügung. Die Brandenburger und Pfalz-Neuburger wurden von den evangelischen Fürsten in Deutschland, dem französischen König Heinrich IV., dem englischen König Jakob und den protestantischen Generalstaaten in Holland unterstützt, mit 30000 Soldaten aller Gattungen stand man um Jülich herum.

Deutlich sichtbar ein Konflikt europäischer Dimension, zumal diese Koalition nach Erfolg über Jülich in die katholische Spanischen (Süd)Niederlande einfallen wollte. Daran hatte Heinrich IV. größtes Interesse, doch dessen Tod und eine Verhandlungspolitik seiner Witwe Maria de Medici verzögerte die Auseinandersetzungen, die dann Teil des 30-jährigen Kriegs wurden. Der endete bekanntlich 1648 mit dem Frieden von Osnabrück und Münster, einem ersten europäischen Friedensvertrag.

Der Kupferstich im Begas Haus erzählt also eine Geschichte, deren Nachwirkungen noch heute spürbar sind.

Quelle: RP
 
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