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Kreis Heinsberg
Hilfe, wenn der Tatort die Familie ist

Kreis Heinsberg: Hilfe, wenn der Tatort die Familie ist
Im Arbeitskreis Gewalt in der Familie sind Martina Gerdes, Franz Heinrichs und Silke Esser aktiv. Berater wollen aufklären und Opfern Mut machen, Hilfe von außen anzunehmen. FOTO: Jörg Knappe
Kreis Heinsberg. Seit 25 Jahren besteht der Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch im Kreis Heinsberg. Übergriffe unter Kindern und Extremismus seien oft Produkte der häuslichen Gewalt, wissen Betreuer aus Erfahrung. Von Jessica Balleer

Es gibt kein Profil, keine eindeutigen Anzeichen. Dass die Fälle häuslicher Gewalt individuell sind und Kinder, Frauen sowie Männer zu Betroffenen machen kann, ist eine bittere Erkenntnis aus 25 Jahren Betreuungsarbeit des "Arbeitskreises gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch im Kreis Heinsberg". Verschieden ist auch die Art der Gewalt, die von sozialer, psychischer bis zu körperlicher Gewalt reicht. "Derzeit nehmen die Fälle sexueller Übergriffe unter Kindern zu", sagt Martina Gerdes. Genaue Zahlen kann die Kinder-, Jugend- und Familientherapeutin aber nicht nennen. Denn bereits der Begriff "häusliche Gewalt" beschreibt das Problem: Die Gewalttaten geschehen zu Hause, der Tatort ist die Familie. Hilfe und Beratung kann der Arbeitskreis erst dann geben, wenn Signale erkannt oder Hinweise gegeben werden.

"Je intimer und privater die Fälle sind, desto höher ist die Hemmschwelle, darüber zu sprechen", sagt Gerdes. Ihr Erkelenzer Beratungsbüro, Im Mühlenfeld 28, ist eine der Anlaufstellen für Betroffene. Heute engagieren sich im Arbeitskreis etwa 17 Institutionen, um Opfern Mut zu machen, Hilfe von außen anzunehmen. Als ihre Hauptaufgaben nennt Gerdes in erster Linie den Schutz der Betroffenen, den Angehörige sowie die beratenden Männer und Frauen gewährleisten könnten. "Nicht für jeden ist ein Strafverfahren die richtige Maßnahme", sagt Gerdes. Die anonymisierte Fallbesprechung ist die Stärke des Arbeitskreises: "Man findet immer den richtigen Ansprechpartner." Der anonymisierte Austausch mit Vertretern aus unterschiedlichen Berufsgruppen ermögliche es, für jeden individuellen Fall die beste Betreuung anzubieten. Frauenhaus, Betreutes Wohnen, Jugendämter oder auch die Kriminalitätsopferhilfe des "Weißen Rings" sind nur einige alternative Adressen zur Polizei. Das ist wichtig, weil auch der Gegner vielgestaltig ist. "Die Gewalt hat viele Gesichter", sagte Franz Heinrichs, ehemaliger Jugendbeauftragter der Polizei im Kreis Heinsberg. Er sprach damit eine zweite Erkenntnis der letzten beiden Jahrzehnte an. Viele Opfer erkennen Gewalt erst gar nicht, geben sich aufgrund psychologischer oder ökonomischer Abhängigkeiten vom Täter manchmal sogar eine Mitschuld an den Übergriffen. Ganz aktuell nennt Heinrichs Extremismus oder Hooliganismus als Produkte, deren Wurzeln in der häuslichen Gewalt liegen können. Oft unterschätzt sei das "Cyber-Mobbing" unter Jugendlichen, das auch in diese Reihe dazugehöre.

Prävention ist gefragt: Empathie, Aufmerksamkeit und Konstanz im sozialen Umfeld helfen, den Teufelskreis zu beenden, so Heinrichs. Die Arbeit an Schulen ist deshalb ein Eckpfeiler der präventiven Maßnahmen: "Mitschüler und Lehrer können schnell zu indirekt Betroffenen werden", sagte Silke Esser, Sozialarbeiterin im Schulzentrum Heinsberg-Oberbruch. "Wir erklären den Kindern, dass sie Rechte haben." Silke Esser steht täglich mit den Jugendlichen im Kontakt. Zumindest der Trend, dass das Jugendamt nicht mehr so negativ angesehen sei wie noch vor Jahren, gebe ihr Hoffnung. Um weiterhin eine erfolgreiche Aufklärung zu schaffen, wird Austausch auch innerhalb des Arbeitskreises gepflegt: "Wir sprechen viel mit jungen Kollegen, geben Wissen und Erfahrung weiter."

Quelle: RP
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