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Erkelenz
"Kompass" soll Orientierung bieten

Erkelenz: "Kompass" soll Orientierung bieten
Amir Mirzaie (17) macht in seinem Zimmer der Wohngruppe gerne Musik. Als Ansprechpartner steht ihm Dirk Fassbender (unten rechts), organisatorischer Leiter der Johanniter-Jugendhilfe "Kompass", zur Verfügung. Marius Mainzer (2.v.r. im Bild unten links) von den Johannitern begrüßte die Gäste in Geilenkirchen. FOTO: Michael Heckers
Erkelenz. Die neu eingerichtete Johanniter-Jugendhilfe "Kompass" in Geilenkirchen und Übach-Palenberg richtet sich an junge Leute mit und ohne Fluchterfahrung. Ziel ist gelungene Integration. Ein Besuch in der Wohngruppe in Geilenkirchen. Von Michael Heckers

Amir Mirzaie greift zur Gitarre und stimmt ein Lied an. Der 17-Jährige steckt voller Lebensfreude. Seit knapp zwei Monaten wohnt der aus Afghanistan stammende junge Mann mit sechs weiteren jungen Leuten aus Syrien, Afghanistan, Algerien, Guinea und Gambia in der Wohngruppe "Kompass" der Johanniter-Jugendhilfe in Geilenkirchen. Alle sind so genannte "UMAs" - das ist das Behördenkürzel für unbegleitete minderjährige Asylsuchende.

In Deutschland ist Amir Mirzaie seit anderthalb Jahren. Bisher waren die "UMAs" in einem Teil der Zentralen Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge (ZUE) in Wegberg-Petersholz untergebracht. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 waren es 58. Die Zahlen sind rückläufig und liegen mittlerweile bei unter 20. Maximal könnte der Kreis Heinsberg 76 "UMAs" betreuen.

Im Juli sind alle unbegleitete minderjährige Asylsuchende von Petersholz nach Geilenkirchen umgezogen - aus der reinen Flüchtlingseinrichtung ist eine auf Integration ausgerichtete Jugendhilfeeinrichtung für geflüchtete und für aus Deutschland stammende junge Menschen geworden. Dazu hat die Johanniter-Unfall-Hilfe NRW innerhalb von nur sechs Wochen ein ehemaliges Dentallabor in Geilenkirchen in eine Wohngruppe für bis zu neun Jugendliche umgebaut. Das Haus hat eine Wohnfläche von 300 Quadratmetern mit Terrasse, Balkon und Garten. Es gibt unter anderem neun Bewohnerzimmer, drei Badezimmer, eine Küche, ein Wohn- und Esszimmer sowie im Keller einen Raum für Geburtstagsfeiern und einen Billardraum. Neben der stationären Wohngruppe in Geilenkirchen hat die Johanniter-Jugendhilfe "Kompass" zwei Verselbstständigungsgruppen in Übach-Palenberg eingerichtet. Dort finden die jungen Leute einen neuen Lebensort, eine bedarfsgerechte Betreuung und Unterstützung beim Übergang in die Selbstständigkeit.

Wie gut das funktioniert, dafür ist Amir Mirzaie ein Beispiel. Tagsüber besucht er wie die übrigen Mitglieder seiner Wohngruppe die Berufsschule, nachmittags lernen sie gemeinsam oder verbringen ihre Freizeit mit Musik machen und hören, Billard, Kicker- oder Tischtennisspielen. Amir Mirzaie fährt häufig nach Mönchengladbach. Dort wohnt seine Freundin. Er wirkt ehrgeizig und flachst viel mit den Betreuern herum. Als Berufswunsch gibt der junge Mann Rechtsanwalt an. "Weil man da jede Menge Geld verdient", sagt er schmunzelnd.

So wie Amir Mirzaie haben auch die übrigen sechs jungen Männer, die zurzeit in der neuen Wohngruppe "Kompass" in Geilenkirchen leben, ihre eigene Geschichte. Häufig ist sie von der Flucht aus dem jeweiligen Heimatland geprägt. In Geilenkirchen hat jeder Jugendliche ein eigenes Zimmer, etwa zwölf Quadratmeter groß. Das war in Petersholz anders, wo die jungen Leute zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer untergebracht waren. "Das Zusammenleben hier funktioniert einwandfrei, wir haben aber auch gute Jungs", sagt Dirk Fassbender, organisatorischer Leiter der Johanniter-Jugendhilfe "Kompass" in Geilenkirchen. Natürlich komme es hin und wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Es sei aber eine der wichtigsten Aufgaben der pädagogischen Betreuung unter Leitung von Alessa Rath, den jungen Männern von Anfang an klarzumachen, dass Gewalt in der Wohngruppe ein absolutes Tabu ist. Das gelingt hervorragend, berichtet Fassbender.

Zur offiziellen Eröffnung der Johanniter-Jugendhilfe "Kompass" stellten Kirsten Holz und Magnus Memmeler vom Landesvorstand der Johanniter zusammen mit Regionalvorstandsmitglied Marius Mainzer und Ralf Marquardt, Fachbereichsleiter Jugend- und Flüchtlingshilfe, das Projekt in Geilenkirchen vor. ",Kompass' richtet sich an Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung. Mit diesem neuen Projekt führen wir die langjährige Erfahrung in der freien Jugendhilfe sowie im Betrieb von Kindertagesstätten mit den in den letzten Jahren gewonnenen Erkenntnissen in der akuten und professionalisierten Flüchtlingshilfe zusammen", erklärte Marius Mainzer. "Kompass" verstehe sich als Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Integration, um allen Menschen gleichberechtigte Teilhabe an allen wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereichen zu ermöglichen. Der Geilenkirchener Bürgermeister Georg Schmitz sagte, er sei stolz, eine solche Einrichtung, in seiner Stadt beheimaten zu dürfen. Diesen Worten schloss sich Helmut Mainz, Erster Beigeordneter der Stadt Übach-Palenberg, an. Als Vertreter der beteiligten Jugendhilfeträger waren Kreisjugendamtschef Hans-Jürgen Oehlschläger, Ralf Schwarzenberg, Leiter des Jugendamtes der Stadt Hückelhoven, und Wilfried Schulz, Leiter des Jugendamtes Geilenkirchen, vor Ort.

Finanziert wird der Tagessatz von rund 180 Euro pro Person für das Projekt Jugendhilfe "Kompass" über die Jugendämter der Städte und des Kreises. Die Kosten werden vom Bund und Land erstattet.

Dirk Fassbender erklärt, dass viele der jungen Leute aus der Einrichtung fleißig für ihre Ziele arbeiten. Amir Mirzaie beispielsweise beherrscht die deutsche Sprache mittlerweile gut. Der 17-Jährige weiß, dass dies eine wichtige Voraussetzung ist, um eine Grundlage für seinen weiteren Lebensweg zu schaffen. Ob er in Deutschland bleiben darf, weiß Amir Mirzaie noch nicht. Darüber werden die Behörden demnächst entscheiden.

Quelle: RP
 
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