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Heinsberg
Größter Arbeitgeber für eine ganze Region

So arbeitete man früher bei Glanzstoff
So arbeitete man früher bei Glanzstoff FOTO: Förderverein Industriepark Oberbruch
Heinsberg. Unter dem programmatischen Titel "Menschen bei Glanzstoff" zeigt das Begas Haus bis zum 12. Juni eine Fotoausstellung über die einstige Endlosproduktion von Kunststofffäden in Oberbruch. Von Willi Spichartz

Es war das größte Unternehmen im Kreis Heinsberg, eines der größten in der Region Aachen nach dem Eschweiler Bergwerksverein - nach 100 Jahren wurde in Oberbruch vor zehn Jahren die Produktion von Kunstfasern eingestellt: An die Glanzstoff-AG, im Volks- und Mitabeitermund "Jlannsstoff" genannt, erinnert jetzt eine Ausstellung im "Begas Haus - Museum des Kreises Heinsberg", deren Besuch allein schon deshalb lohnt, weil sie authentisch ist. Sie ist vom "Förderverein Industriepark Oberbruch" gestaltet worden, der von 15 ehemaligen Mitarbeitern 2013 ins Leben gerufen wurde und heute mehr als 60 Mitglieder zählt.

Museumsleiterin Dr. Rita Müllejans-Dickmann zitierte bei der Ausstellungseröffnung ungeschriebenes Rheinisches Geschichtsbewusstsein, um deutlich zu machen, dass man sich mit Industrie, den früheren Glanzstoffwerken und deren Menschen schon vorher befasst habe: "Wenn im Rheinland jemand etwas einmal veranstaltet, ist es gut. Bei einer Wiederholung ist es Tradition. Und beim dritten Mal ist es Brauchtum. Wir sind jetzt mit der Ausstellung 'Menschen bei Glanzstoff' bei der Tradition. Denn 2010 haben wir im Werk die Ausstellung 'Auf - Zu' mit eindrucksvollen Großfotos der ehemaligen Produktionsstätten des Fotografen Pit Siebigs organisiert."

Fördervereinsvorsitzender Jakob Wüllenweber sah die Zusammenarbeit mit dem Heinsberger Museum über weitere Ausstellungen hingegen schon im Bereich des Brauchtums angelangt, "da die lange und enge Zusammenarbeit der ehemaligen Glanzstoffwerke und des Kreismuseums fortgesetzt wird. In Zukunft ist es die Wechselausstellung mit einem neuen Konzept."

Drei lächelnde Herren im Anzug und hellem Hemd sitzen auf vier stabilen Holzkisten auf einem offenen Pritschenwagen, der von einem handfesten Burschen im Arbeitsanzug mit Schlägermütze durch das Werksgelände gesteuert wird. Auch er lächelt leicht in die Kamera - alle haben eine Menge guter Gründe zur Heiterkeit: Es waren Riesenhaufen von D-Mark in den Holzkisten, die 1949 zur Lohnauszahlung durchs Werk zu den einzelnen Betriebsbüros kutschiert wurden, wo die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sie in der Tüte in Empfang nahmen.

Die gute alte Zeit: Heute säßen die Herren bis an die Zähne bewaffnet in gepanzerten Fahrzeugen mit GPS-Steuerungskontrolle. Natürlich nicht, denn außer für Schwarzarbeit wird heute Lohn nur noch unbar überwiesen.

Die 51 anderen Fotos der Ausstellung zeigen noch bis zum 12. Juni, wofür die Löhne gezahlt wurden: für hart-exakte Arbeit in einer Vielzahl von Berufen, die auch im Betrieb ausgebildet wurden. Mehrere Fotos zeigen allein die Versuchs- und Prüflaboratorien, in denen die Produkte weiterentwickelt und deren Qualität geprüft wurde.

Die Ausstellung wird ihrem programmatischen Titel "Menschen bei Glanzstoff" gerecht, wie Jakob Wüllenweber mit Zahlen verdeutlicht. 10.000 Fotos, die vollständigen Ausgaben der Werkszeitschriften "Wir bei Glanzstoff" und einige Archive sichtete die Arbeitsgruppe mit Wolfgang Gusdey, Dieter Poschen, Ton Thuy, Rainer Wild, Hubert Jöris und Franz Koppe. 52 Fotos wurden ausgewählt und, mit bestechender Qualität, digitalisiert und vergrößert für die Ausstellung. Ihnen galt Dank der Museumsleiterin und des Fördervereinsvorsitzenden.

14 Stunden Interviewfilm bereichern im Wortsinn die Dokumentation. Susanne Schwab und Franz Übachs hatten für je zwei Stunden die früheren Mitarbeiter Leni Lintzen (82 Jahre), Dimitrios Countrobinas (77), Lorenz Cranen (81), Carino Geacomuzzi (77), Joachim Leonhardt (84), Dieter Poschen (73) und Josef Vennen (95) fragend zu Wort kommen lassen. Allen Beteiligten wurde mit Präsenten gedankt.

Zur Sprache kommen in der Ausstellung auch die sozialen Bedingungen, die, allein durch die große Zahl der Beschäftigten, eine bedeutende Rolle bei Glanzstoff spielten. So zeigen die Fotos auch, alle in Schwarz-Weiß, dass man für die Kantinenverpflegung (warm) mittags und abends Kartoffeln in überrauen Mengen mit der Hand schälen konnte - wie sich das für diese Zeiten, 1949, gehörte, von Frauen.

Die bodenständigen Mitarbeiter aus der Umgebung wurden mit eigenen Bussen in den Dörfern abgeholt und nach Hause geschafft. Wie in praktisch jedem Unternehmen gab's auch Radfahrer: Ein Foto zeigt eine Zehnergruppe, die sich im Winter 1949 auf der Landstraße gegen Regen und Sturm auf zwei Reifen zu den beheizten Arbeitsplätzen in Oberbruch vorankämpft.

Zum wirtschaftlichen Höhepunkt des Unternehmens zu Beginn der 1970er Jahre arbeiteten 7000 Menschen bei "Jlannsstoff". In der Urlaubszeit war das Werk auch eine Sommer-Universität: Allein 750 Studenten waren während ihrer Semesterferien notwendig, um die Endlosproduktion von Kunststofffäden in Oberbruch aufrechtzuerhalten (der Autor dieses Berichts war einer von ihnen). Sie erhielten den gleichen Lohn wie die Stammarbeiter, so sie die Akkordzahlen schafften, und die Bezahlung war dank öfter streikender Gewerkschafter gut. Man konnte mit einer Stelle, bei harter Arbeit, eine Familie ernähren, für die Studenten reichte es bis weit ins nächste Semester.

Quelle: RP
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