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Radikalisierung hinter Gittern
Wohin führt die Suche nach Allah?

Besuch im Jugendgefängnis Heinsberg
Besuch im Jugendgefängnis Heinsberg FOTO: Uwe Heldens
Mit mehreren Millionen Euro jährlich will das Land NRW verhindern, dass Muslime hinter Gittern zu Islamisten werden. Der Ethik-Unterricht im Jugendgefängnis Heinsberg soll Vorbild für andere Haftanstalten sein. Ein Besuch. Von Franziska Hein, Heinsberg

Ein Teppichstück hängt an der Wand im Gruppenraum im Jugendgefängnis in Heinsberg. Auf grünem Grund grinst ein schwarzes Comic-Schaf in den Raum. Darunter steht der Schriftzug "Alles wird besser". "Alles wird besser", das ist die Hoffnung, die die sechs jungen Männer im Stuhlkreis haben. Goron, der Jüngste unter ihnen, ist 18 Jahre alt. Er sitzt bereits zum dritten Mal ein. Wegen Körperverletzung, davor wegen Einbruchsdiebstahl. Die beiden Ältesten in der Runde heißen Tafik und Abdullah. Beide sind 20 Jahre alt. Tafik kommt aus Marokko, ist seit drei Jahren in Deutschland und seit 11 Monaten im Gefängnis.

Ethik-Unterricht in Heinsberg ist ein Modellprojekt

Goron, Tafik und Abdullah nehmen am Ethik-Unterricht der Jugendstrafvollzugsanstalt teil. Jeden Mittwoch treffen sich die jungen Männer mit den beiden Integrationsbeauftragten der JVA und einem Imam und sprechen über den Islam. Ralf Schuhwirt ist seit Januar einer der Integrationsbeauftragten. Er kommt aus der Praxis, seit 2008 arbeitet er in der JVA Heinsberg als Justizbeamter.

"Wir laden Jungs ein, die in der JVA noch nicht richtig angekommen sind und vielleicht etwas intensivere Betreuung brauchen als andere", sagt Schuhwirt. Die "Jungs" mögen ihn. "Ich bemühe mich, eine Bindung zu ihnen aufzubauen, und sie wissen, dass sie mit mir auch mal einen lockeren Scherz machen können", sagt er. Seine Kollegin Lena Lender ist seit Februar dabei, Lender hat Soziale Arbeit studiert und vorher nicht im Gefängnis gearbeitet.

Lena Lender und Ralf Schuhwirt leiten den Ethik-Unterricht in der JVA Heinsberg. FOTO: Uwe Heldens

An diesem Tag sitzen auch Mustafa Doymuş (37) und Luay Radhan (37) im Stuhlkreis, zwei Islamwissenschaftler in Diensten des Landesjustizministeriums. Ihren Arbeitsplatz haben sie in der JVA Remscheid. Sie sollen islamistischer Radikalisierung hinter Gittern vorbeugen. Sie gehören zu einer Task Force des Ministeriums, die 2015 nach den Anschlägen auf die Pariser Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" gebildet wurde. Damals gab es Anzeichen, dass sich die Attentäter auch im Gefängnis islamistisch radikalisiert hatten. So etwas sollte hinter den Gefängnismauern in NRW nicht passieren. Daher setzt das Land auf Prävention. Insgesamt 7,2 Millionen Euro will das Land 2017 dafür ausgeben. Bisher gibt es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass es in NRW einen Fall von Radikalisierung hinter Gittern gegeben hat. 

NRW hat Salafisten-Hotspots

Die salafistische Szene ist in NRW ausgeprägt. In Bonn, im Bergischen Land und auch am Niederrhein treffen sich Salafisten. Der Verfassungsschutz registrierte zum Stichtag Ende März 2017 über 10.000 Salafisten in ganz Deutschland. Der Berliner Attentäter Anis Amri hatte Kontakte in die salafistische Szene, der Salafistenprediger Sven Lau steht derzeit vor dem Düsseldorfer Oberlandesgerichts, weil er zwei junge Männer als Terrorkämpfer nach Syrien vermittelt haben soll. 

Die Experten analysieren das Radikalisierungspotenzial, schulen JVA-Mitarbeiter, damit diese die Anzeichen erkennen und beraten die 36 Haftanstalten. Wenn bei den regelmäßigen Zellenkontrollen islamische Schriften oder religiöse Gegenstände gefunden werden, die die Mitarbeiter in der Haftanstalt nicht einordnen können, landen sie auf dem Schreibtisch von Doymuş und Radhan.

In Heinsberg gibt es keine Hinweise auf Extremisten

Anfang des Jahres musste die JVA im Zuge von NRW-weiten Razzien alle Korane des "Lies!"-Verlags einziehen und gegen unbedenkliche ersetzen. Hinter dem Verlag steht der salafistische Prediger Ibrahim Abou Nagie. Mit einem Fall von Radikalisierung sind Schuhwirt und Lender auch noch nicht in Kontakt gekommen. "Hier in der JVA hatten wir nur einmal einen Fall, in dem wir uns nicht sicher waren", erzählt Schuhwirt. "Da haben Kollegen in der Pause einen Gefangenen über den IS sprechen hören und waren alarmiert. Hinterher stellte sich heraus, dass das ein Missverständnis war." 

Der Ethik-Unterricht, den Schuhwirt und Lender seit April in Heinsberg anbieten, ist ein Modell-Projekt. Doymuş und Radhan wollen den Unterricht anderen Gefängnissen vorschlagen.  Zu den Unterrichtsthemen zählen Rechtsstaatlichkeit, Grundgesetz, Familie und Religionsfreiheit, aber auch Dschihad, Islamischer Staat, Ramadan und die Frage, ob es aus muslimischer Perspektive "Ungläubige" gibt. Die Teilnehmer können mit entscheiden, welche Themen als nächstes besprochen werden. Unter den Häftlingen hat sich die Mittwochsstunde herumgesprochen. Es gibt schon eine Warteliste für Interessierte. Das Fachwissen haben Schuhwirt und Lender aus den Schulungen der beiden Islamwissenschaftler.

Prävention heißt nicht Deradikalisierung

Prävention heißt aber nicht Deradikalisierung, sondern setzt schon lange vor den ersten Anzeichen einer Ideologisierung an. Nach Auffassung der Islamwissenschaftler und Integrationsbeauftragten ist Prävention in erster Linie Demokratieerziehung, religiöse und politische Aufklärung und Bildung. Es geht auch darum, die roten Linien aufzuzeigen, die fundamentales Gedankengut und die freiheitliche Grundordnung trennt. Wer präventiv wirken möchte, muss die Ursachen von Radikalisierung verstehen. 

Eine Rolle spielt das eher negative Image des Islam in der deutschen Öffentlichkeit. Das nutzen Salafisten, islamische Fundamentalisten, aus. Wer sich gesellschaftlich nicht akzeptiert fühlt, ist anfällig für die Werbungsversuche einer exklusiven Gemeinschaft, die klare Regeln und Deutungsangebote für die komplizierte Welt parat hält. Es sind oftmals Erfahrungen von Entfremdung, Ohnmacht, Perspektivlosigkeit und Verwahrlosung, die salafistische Gemeinden attraktiv erscheinen lassen. Doch wer Salafist wird, wird noch lange nicht Islamist oder Terrorist. Dazu braucht es neben religiösem Fanatismus auch politische Ideologie.

Deutsch-Kurse und Ausbildung für alle

Nach Einschätzung der Islamwissenschaftler ist die Gruppe der 14- bis 24-jährigen Gefängnisinsassen anfälliger als andere Inhaftierte. Ethik-Unterricht für bis zu acht Inhaftierte richtet aber nicht viel aus. Das weiß auch die JVA. Deswegen sollen neue Inhaftierte so schnell wie möglich in den Haftalltag integriert werden. Dabei helfen Deutschkurse für all jene, die wenig oder gar keine Sprachkenntnisse haben. Das ist die Voraussetzung für die Arbeit in einer der Werkstätten. Dort lernen die Inhaftierten handwerkliche Berufe, manche arbeiten im gefängniseigenen Garten, in der Küche oder in einer Metallwerkstatt.

Wer schlecht Deutsch spricht, kriegt Hilfe: Zum Beispiel von Ameen Mustafa (30). Er stammt aus Syrien, hat dort als Englischlehrer und Dolmetscher gearbeitet und kam als Flüchtling vor eineinhalb nach Deutschland. Er spricht Kurdisch, Arabisch, Türkisch, Englisch, Farsi und Deutsch. Seit einem Jahr arbeitet er in der JVA, er hilft fremdsprachigen Inhaftierten, wenn sie zum Arzt müssen oder wenn ihnen in der Werkstatt eine Maschine erklärt werden muss.

Wer in Heinsberg einsitzt, ist Gegenstand mancher Vorurteile: Von derzeit 390 Gefangenen sind über 40 Prozent Ausländer, in der U-Haft sind es über 60 Prozent. 36 Nationalitäten sind hier vertreten, am häufigsten Nordafrikaner und Türken.

Ein Imam betreut die Jugendlichen

Der Jugendknast ist ein Ort fern der so oft beschworenen offenen Gesellschaft. Goron, Abdullah und die anderen werden es schwer haben, nach der Entlassung wieder in die Spur zu finden. Im Ethik-Unterricht können sie frei über die politischen Verhältnisse, ihre Religion, Identität und Kultur sprechen. Sie sollen befähigt werden, die simplen Weltanschauungen zu hinterfragen und zu differenzieren. "Wir wollen die Jugendlichen immunisieren", sagt Doymuş. Der Islamwissenschaftler stammt aus der Türkei, ist selbst als kurdischer Flüchtling Anfang der 90er Jahre in die Bundesrepublik gekommen. "Eine religiöse Unterweisung findet nicht statt. Als staatliche Einrichtung sind wir religiöser Neutralität verpflichtet."

Sechs junge Männer sprechen im Gruppenraum der JVA Heinsberg über den Umgang mit ihrem Körper. FOTO: Uwe Heldens

Für die religiöse Betreuung ist Adnan Nakdali zuständig. Er ist einer von noch 38 Imamen, die in NRW-Gefängnissen arbeiten. Der türkische Moscheeverein Ditib schickt keine Imame mehr in die Haftanstalten. Nakdali ist in Deutschland aufgewachsen, spricht Deutsch und Arabisch. Nakdali hält ein Freitagsgebet in der JVA und nimmt am Ethik-Unterricht teil. Für die Jugendlichen ist er Vorbild, Respektsperson und Seelsorger zugleich. "Ich sehe es als eine religiöse Pflicht, Menschen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen, zu helfen, ein anständiges Leben zu führen. Besonders wenn es um junge Menschen geht, die in eine Zukunft blicken, die ihnen ungewiss erscheint", sagt Nakdali. "Die Anfälligkeit perspektivloser junger Menschen ist allseits bekannt."

An diesem Tag geht es im Unterricht um das Thema "Umgang mit dem eigenen Körper", gemeint sind Selbstverletzung und Suizidversuche. Was hier besprochen wird, soll nicht nach außen dringen. Ralf Schuhwirt leitet die Sitzung mit einem kurzen Input ein. Er erzählt, wie er selbst vor Jahren einmal hinzukam, als sich ein Gefangener in der Zelle selbst getötet hat. Und dass ihm das Gesicht des Jungen erstmal nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist.

Dann erzählt er, dass es nichts bringt, sich etwa für einen Fernseher auf der Zelle in die Arme zu schneiden. Ein Druckmittel von Insassen, die nicht bekommen, was sie wollen. Körperliche Unversehrtheit ist auch im Islam wichtig, erklärt er. Schuhwirt fordert die jungen Männer auf, von ihren Erfahrungen mit Selbstverletzung zu berichten. Keiner der jungen Männer hat das schon selbst gemacht, sagen sie. Aber gut die Hälfte hat es bei anderen erlebt. Auch der 18-jährige Goron, der Teile seiner Kindheit in einem Heim verbracht hat,  hat erlebt, wie sich ein anderer Junge selbst verletzte. Das Gespräch entwickelt sich weiter und streift das Thema Ramadan. Goron hält die Fastenregeln ein. Früher habe er das nicht gemacht, es sei ihm nicht wichtig gewesen. Im Gefängnis arbeite er an sich, für seinen inneren Frieden, sagt er. Nochmal wolle er jedenfalls nicht ins Gefängnis. Am Ende sagt er: "Sie können mich lieben, sie können mich hassen, einmal müssen sie mich freilassen."

 
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