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Heinsberg
Selbsthilfe als effektiver Weg, um die Distanz zur Abhängigkeit zu wahren

Heinsberg. Die Initiative "Clean-Way" bietet mit ihren inzwischen drei Selbsthilfegruppen seit 20 Jahren suchtkranken Menschen Unterstützung im Kreis Heinsberg. Von Johanna Küppers

Jedes Treffen der Selbsthilfegruppe beginnt mit einer Blitzrunde: Wer bin ich, warum bin ich hier und was ist in den vergangenen sieben Tagen passiert? Die Ereignisse der Woche werden gemeinsam reflektiert und aufgearbeitet. Das offene Gespräch unter Gleichen gibt den suchtkranken Menschen jede Woche die Bestätigung, dass sie dranbleiben sollen.

Seit 20 Jahren gibt es die Selbsthilfegruppe "Clean-Way" für Drogenkonsumenten. Die Stammgruppe in Hückelhoven wurde von Hans Gonstalla und seiner Frau Elisabeth in Kooperation mit der Caritas gegründet. Danach eröffnete das Paar eine weitere Gruppe in Gangelt und vor einem Jahr eine in Heinsberg. Der charismatische Gründer des Vereins, Hans Gonstalla, starb vor zwei Jahren, nun wird das Projekt von seiner Frau fortgeführt.

"Probleme, die für andere Menschen banal sind, sind für uns die größten Hürden", sagt Dirk, Vorsitzender des Vereins. "Normale Menschen denken anders und können unsere Ansichten nicht nachvollziehen", fährt er fort. Die Gruppe gebe einem genau das - Verständnis. Durch den Erfahrungsaustausch könne man sich an dem Bild, das die anderem einem geben, orientieren. Darüber hinaus bewahrten die Erzählungen davor, die gleichen Fehler zu machen. "In den Gruppen spricht kein Professor, der uns theoretische Grundlagen vermitteln will, sondern Menschen, die in der gleichen Situation sind oder waren. So ist es viel einfacher, Ratschläge anzunehmen", sagt Dirk, der Drogen, Kriminalität und Gefängnis erlebt hat.

In Gangelt durchlaufen die Betroffenen häufig ihre Drogenentgiftung, deshalb ist die Gruppe dort besonders groß. Für viele beginnt nach der Therapie erst die eigentliche Therapie, nämlich die Auseinandersetzung mit der Sucht im Alltag. Doch oft werden Angebote wie eine Selbsthilfegruppe nur belächelt. So war es auch bei Ralf, einem Teilnehmer, der zuvor in der Gangelter Klinik war. "Ich habe die Gruppe nur besucht, weil ich bis zu meiner Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) clean sein musste", sagt er. Sein Ziel war es, wieder fahren zu dürfen, das Trinken aber wollte er nicht ganz aufgeben. "Ich dachte, danach könne ich langsam wieder anfangen zu trinken, so ab und zu nur", sagt er. Dann ist er geblieben. Mittlerweile ist er seit vier Jahren dabei, hat in dieser Zeit gerade mal fünf Treffen verpasst und ist nie wieder rückfällig geworden.

Die Hemmschwelle, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, ist weiter hoch. Besonders junge Leute treffe er selten an, weil sich diese oft durch das Internet versuchten zu helfen, vermutet Dirk. In den Gruppen herrscht eine hohe Fluktuation. "In meinen 16 Jahren habe ich Tausende Gesichter gesehen", sagt Dirk. Dabei sei es so wichtig, immer wieder erinnert zu werden und immer wieder vor Augen geführt zu bekommen, was man eigentlich macht. Eines hat das Vorstandsmitglied in jedem Fall mitgenommen: "Mein Leben als Suchtkranker wird immer zweigleisig sein, es gibt viele, die nichts von meiner Vergangenheit wissen - und das ist auch gut so."

Quelle: RP
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