| 00.00 Uhr

Kreis Heinsberg
Sie hört auf, er möchte weitermachen

Kreis Heinsberg: Sie hört auf, er möchte weitermachen
FOTO: Jürgen Laaser/Foto: Deutscher Bundestag/Melde (Archiv)
Kreis Heinsberg. Landtagsabgeordnete Seidl (Grüne) und Bundestagsabgeordneter Spinrath (SPD) erklären sich zu ihrer politischen Zukunft. Von Michael Heckers und Andreas Speen

Am 16. Juni treffen sich die Grünen zur Kreismitgliederversammlung. Dann geht es um die Frage, wer für Bündnis 90/Die Grünen im Kreis Heinsberg in den Landtagswahlkampf zieht und bei der Wahl am 14. Mai 2017 möglicherweise Nachfolger(in) von Dr. Ruth Seidl wird. Die 62-Jährige aus Wassenberg-Birgelen, die seit 2000 für die Grünen im Landesparlament sitzt, kandidiert nicht mehr. "Ich werde allerdings weiterhin politisch aktiv sein", kündigte die promovierte Musikwissenschaftlerin gestern bei einem Besuch in unserer Redaktion an.

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Norbert Spinrath äußerte sich in einem Gespräch mit der RP, das in Berlin geführt wurde, zu seiner politischen Zukunft: "Ja, ich würde gerne erneut zur Wahl antreten." Sollte seine Partei das ebenfalls wollen - im Oktober entscheidet dazu eine Kreiskonferenz -, würde der 58-Jährige aus Geilenkirchen im nächsten Jahr wieder für den Bundestag kandidieren.

Die Grünen-Politikerin Seidl tritt hingegen von der großen politischen Bühne, und das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. In 16 Jahren ist Seidl die parlamentarische Arbeit in Düsseldorf als "ein Stück Heimat" ans Herz gewachsen. Nicht nur die Diskussionen mit den eigenen Parteifreunden, auch die konstruktiven, manchmal auch kontroversen Diskussionen mit Vertretern der übrigen demokratischen Parteien in der Landtagsarbeit waren für Seidl stets spannend. Als hochschulpolitische Sprecherin hat die dreifache Mutter in diesem Bereich in den vergangenen 16 Jahren an allen Gesetzen in diesem Bereich mitgewirkt. Seidl gilt in Düsseldorf als eine der hartnäckigsten Vertreterinnen ihrer Zunft. "Das Bohren dicker Bretter ist mein Fachgebiet", sagt die Birgelenerin schmunzelnd.

Unter Beweis gestellt hat Ruth Seidl dies auf dem für grüne Politik nicht gerade typischen Themenfeld der Straßenbaupolitik. Als NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) im Dezember 2015 nach Wildenrath kam, um den Baubeginn der B 221 neu (Ortsumgehung Wassenberg) zu feiern, adelte er Seidls Beharrlichkeit auf besondere Weise: "Hier ist die Welt noch so in Ordnung, da will die Grünen-Abgeordnete Ruth Seidl im Fanclub der röhrenden Bagger da beisein", sagte Groschek. Mit ihrem vehementen Einsatz für Verkehrsprojekte in ihrem Wahlkreis hat sich Seidl in ihrer eigenen Partei nicht nur Freunde gemacht. Als sie sich für den Bau der Ortsumgehung L117neu und damit für die Entlastung der Menschen in Ratheim und Millich einsetzte, "bin ich bei einem Wahlparteitag der Grünen mal fast gecancelt worden", berichtet sie rückblickend. Am Ende waren die Bemühungen der gebürtigen Ratheimerin - auch dank der guten Zusammenarbeit mit den Bürgermeistern aus der Region - auch in diesem Fall erfolgreich. Im Düsseldorfer Verkehrsministerium nennt man das Projekt L117n auch die "Seidl-Straße".

Es waren vor allem die Anti-Atomkraft-Bewegung und das Thema Umweltschutz im Umfeld einer starken grünen Szene im Freiburg der 1980er Jahre, die Ruth Seidl politisch geprägt und sozialisiert haben. Seidl hat in Bonn und Freiburg studiert. Neben dem Bildungsbereich - die erste offene Ganztagsgrundschule in der Region wurde in Seidls Wohnort Birgelen eingerichtet - vertrat sie die grünen Interessen ihres Wahlkreises vor allem bei den Themen Braunkohlentagebau Garzweiler II, Eiserner Rhein, öffentlicher Personennahverkehr und Strukturwandel in der Region. Stark gemacht hatte sich Seidl seit 2010 auch für den Neubau des Amtsgerichts in Erkelenz, nachdem dort Teile der Decke herabgestürzt waren.

Seidl legt Wert auf die Feststellung, dass das nahende Ende ihrer Zeit als Landtagsabgeordnete nicht gleichzusetzen ist mit dem Aus ihres politischen und zivilgesellschaftlichen Engagements. Sie wird weitermachen als Vorsitzende des Frauenkulturbüros NRW mit Sitz in Krefeld, wo sie sich für die Künstlerinnenförderung einsetzt. "Dabei geht es mir auch darum, auf der politischen Ebene Maßnahmen und Förderstrukturen mitzuentwickeln, um die Repräsentanz von Frauen in Führungsebenen der Kunst- und Kulturszene zu erhöhen", sagt sie. Außerdem ist Seidl Mitglied des Kunst- und Musikhochschulbeirates NRW und wird auch über 2017 hinaus Mitglied im Fachbeirat Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung und Mitglied im Kuratorium der Johannes-Rau-Forschungsgemeinschaft sein. Dennoch freut sie sich auf mehr Freiheiten in der Freizeitgestaltung, sei es mit den Enkelkindern oder für die Musik und die von ihr initiierten Hauskonzerte, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Noch aber liegt ein knappes Jahr intensiver Landtagsarbeit vor der "Seiteneinsteigerin auf ganzer Linie", wie sich Seidl selbst bezeichnet. Sie kündigt einen engagierten Wahlkampf für grüne Politik an. Denn die guten Umfragewerte der AfD bereiten Ruth Seidl große Sorgen. "Wir müssen der AfD ein klares grünes Profil entgegenhalten." Folge man den aktuellen Umfragen, zeichnet sich laut Seidl ein Sechs-Parteien-System mit großer Koalition von CDU und SPD ab. Das will Seidl unbedingt verhindern, "denn dann geht hier in NRW nichts mehr".

Als möglichen Nachfolger für Ruth Seidl möchten die Grünen im Kreis Heinsberg bei der Kreismitgliederversammlung am 16. Juni und tags drauf im Bezirksrat NRW Hans Josef Dederichs, den Braunkohlenaktivisten der ersten Stunde aus Erkelenz-Kuckum, in Stellung bringen. Christoph Stolzenberger, Kulturmanager bei der Stadt Erkelenz, hegt offenbar Ambitionen, bei der Bundestagswahl im September 2017 für die Grünen im Kreis Heinsberg ins Rennen zu gehen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kreis Heinsberg: Sie hört auf, er möchte weitermachen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.