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Kreis Heinsberg
Sorge-Arbeit: "Wir sind keine Sklavinnen"

Kreis Heinsberg: Sorge-Arbeit: "Wir sind keine Sklavinnen"
Agnieszka, Zsófia, Bogdana, Roza, Tereza - Hunderttausende Frauen aus Osteuropa kümmern sich deutschlandweit um Hilfebedürftige. In Erkelenz gründete sich das erste Selbsthilfenetzwerk Deutschlands "Respekt". FOTO: dpa/Pleul (ARCHIV)
Kreis Heinsberg. Osteuropäische Haushaltshilfen als schlecht bezahlte Mädchen für alles: Der Katholikenrat widmete sich einem gesellschaftlichen Problem. Bozema Domanska erzählt ihre Geschichte und vom Kampf der Frauen um Rechte. Von Gabi Laue

Sie kaufen ein, putzen, bügeln, kochen, reichen Essen an, füttern das Haustier, jäten die Gartenbeete, wischen Staub - und nach dem Toilettengang ihre Schützlinge. Osteuropäische Pflegekräfte sind für ungezählte deutsche Haushalte mit Pflegebedürftigen unentbehrlich. Allerdings meist "schwarz", illegal, ohne Verträge, ohne geregelte Freizeit, ohne Privatsphäre. "Bei der Beschäftigung von Fachkräften aus dem Osten ist nicht immer alles gut", sagte Lutz Braunöhler, Vorsitzender des Katholikenrates, der sich des Themas - "eine heikle Angelegenheit" - im Pfarrzentrum in Hückelhoven annahm.

Ein Wanderarbeiterprojekt (auch für alle, die auf Feldern ackern und auf dem Bau schuften) tragen Betriebsseelsorge, Bistum Aachen, der regionale Caritasverband und die Steyler Missionsschwestern, hauptsächlich von Schwester Svitlana aufgebaut. Rund 80 osteuropäische Betreuungskräfte aus dem Projekt treffen sich regelmäßig in Gruppen in Erkelenz, Geilenkirchen, Karken und Randerath, machen Sprachkurse, Kurse zur Einführung in die Betreuung und tauschen sich aus. Im neuen Ort der Begegnung "Zur Flachsklause" in Erkelenz haben Teilnehmerinnen das erste Selbsthilfenetzwerk in Deutschland mit dem Namen "Respekt" gegründet (Foto unten). Diese Hilfe zur Selbsthilfe hatte Bozena Domanska unter dem Dach der Gewerkschaft VPOD in der Schweiz aus der Taufe gehoben. Sie hat selbst 20 Jahre in Deutschland gearbeitet, berichtete vor dem Katholikenrat von sich, dem Schicksal ihrer Kolleginnen, aber auch von erfolgreichen Klagen gegen nicht korrekte Arbeitgeber.

In den 1990er Jahren hat Bozena Domanska erst in der Landwirtschaft, dann in Betreuung und Pflege gearbeitet. Schwarzarbeit, Angst vor Polizeikontrollen und fünf Jahren Reiseverbot. "Mit meinem Mann habe ich einen Bauernhof gehabt und war neugierig, wie schön das wohl im Westen ist. Wir brauchten Geld", berichtete die Polin in Hückelhoven, die in der Schweiz lebt. Über zehn Jahre hat sie bei einer Familie gearbeitet - mit einem Fuß in Deutschland, einem in Polen. Nur zwei, drei Monate im Jahr bei der eigenen Familie, da hielt auch die Ehe nicht. "Mein Herz ist zerrissen", sagte sie, und ihre Stimme zitterte bei der Erinnerung an die Abschiede, "wie die Kinder hinter dem Bus laufen und schreien". 2009 erhielt sie das Angebot, in die Schweiz zu gehen. Legal. Mit Versicherung. Aber: "Wir haben gemerkt, da stimmt was nicht mit den Verträgen. Und man wird 2. Klasse behandelt." Bei der Forderung, zwei Patienten zu pflegen für einen Lohn, hat es gereicht. Bozema hat geklagt, gewonnen, 7000 Euro erstritten, konnte sich eine eigene Wohnung mieten, einen DRK-Kursus machen. Bei einem zweiten Prozess erhielt Kollegin Agata 30.000 Franken. Im Jahr 2013 entstand das Netzwerk, ein Dokumentarfilm erzielte in der Schweiz Zuschauerrekorde. "Wir haben ein Gesicht bekommen", erklärte sie. Doch das Problem wachse: "Die Firma hat 11.000 Franken in Rechnung gestellt, die Frauen haben 3000 bekommen." Solche Betreuungskräfte seien schnell ausgebrannt, lebten meist isoliert im fremden Haushalt. Bozeme spricht für viele: "Wir sind alle Agata - keine Sklavinnen." Sie kämpft "für Nachtzuschläge, Freizeit, die uns zusteht, Respekt und Wertschätzung".

Sonja Hanrath (Deutschkurse) und Rosi Becker (Amos) unterstützen das Selbsthilfenetzwerk "Respekt" ehrenamtlich. Becker kennt den Bedarf der Frauen, etwas über Pflege zu lernen, über Demenz, die rechtlichen Grundlagen. Und sie will Hilfskräfte aus der Illegalität holen, wie über "Carifair" vom Caritasverband.

Quelle: RP
 
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